Recht auf Studium innerhalb der Regelstudienzeit

Recht der Studenten, Hochschulprüfungsrecht, Recht der Hochschulmitarbeiter, soweit nicht Arbeits- oder Beamtenrecht

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Herr_Ratlos
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Recht auf Studium innerhalb der Regelstudienzeit

Beitrag von Herr_Ratlos » 06.04.09, 15:57

Hallo,

mich würde mal interessieren, ob ein Studierender an einer deutschen Hochschule einen Rechtsanspruch darauf hat, sein Studium innerhalb der von der Prüfungsordnung festgesetzten Regelstudienzeit absolvieren zu können, sofern er eine Studienzeitverlängerung nicht selbst zu verantworten hat, wie z. B. durch das Nichtbestehen von Prüfungen?

Dazu folgender fiktiver Fall: Student X studiert in einem Studiengang mit sechs Semestern Regelstudienzeit und befindet sich im fünften Semester. Bis dato hat er alle Prüfungen im Erstversuch bestanden und kann voraussichtlich im sechsten Semester die Bachelor Thesis ablegen. Nun gibt es aber zwei Vorfälle.

1) Der Fachbereich bietet eine Lehrveranstaltung des fünften Semesters aus Personalmangel einfach nicht an. Es wurden auch keine Maßnahmen ergriffen, um den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten, wie z.B. durch einen Professor eines anderen Fachbereichs, einen Gastprofessor einer anderen Hochschule oder einen Privatdozenten. Kommentar des Dekans ging in die Richtung "persönliches Pech". Folge wäre eine Studienzeitverlängerung für den Studierenden X, da ihm im sechsten Semester eine erforderliche Studienleistung für die Aufnahme der Bachelor Thesis fehlen würde.

2) Laut Prüfungsordnung ist im fünften Semester ein Projektkurs zu absolvieren. Dabei wird eine Gruppe von vier Studierenden vom Professor bestimmt und ihnen ein Thema zugewiesen. Nun entschließen sich zwei Studierende der Gruppe ein Semester länger studieren zu wollen und melden sich im Prüfungsamt von dem Projektkurs wieder ab. Der Professor erklärt daraufhin, dass ein Gruppe von zwei Studierenden laut Prüfungsordnung nicht zulässig ist und die beiden anderen Studierenden, darunter Studierender X, nun auch ein Semester länger studierenm müssen.

Wie sieht hier die Rechtslage auf?


Grüsse

katmai
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Beitrag von katmai » 07.04.09, 05:42

Der Studiendekan oder die Studiendekanin der Fakultät hat für ein ordnungsgemäßes Lehrangebot Sorge zu tragen: Hierzu gehört auch die Sicherstellung eines ausreichenden Lehrangebotes.

Sinnvollerweise könnte man sich in so einem Fall an die Studierendenvertretung (bspw. Fachschaft) wenden, die den Sachverhalt an den Studiendekan/die Studiendekanin weitergeben. Ggf. kann man sich auch direkt an diesen wenden.

Gruß,

katmai.
Achtung: Gefährliches Halbwissen! - Vier-Sterne-General a.D. ;)

Kleine_Sonne
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Beitrag von Kleine_Sonne » 08.04.09, 12:41

Nein. Laut diverser Quellen wurde die Regelstudienzeit eingeführt, um einen Anspruch zu haben, dass das Studium nicht komplett gestrichen wird, also grundsätzlich noch abschließbar ist (leider habe ich dazu keine Urteile o.ä. gefunden). Eine Verzögerung von einem Semester wird sich nicht auf der Regelstudienzeit begründen lassen, insbesondere da hier nicht unbedingt erkennbar ist, dass das Lehrangebot nicht ordnungsgemäß ist. Kurzfristig adäquaten Ersatz für Lehrveranstaltungen zu finden ist kaum möglich und es reicht ja nicht da irgendeinen Hansel hinzustellen der ein paar Folien runterplappert ;)

Zum Zweiten: können Sie bitte mal die entsprechende Passage der Prüfungsordnung zitieren, laut der im 5.Semester ein Projektkurs zu absolvieren sei ?

Mein Tipp: den letzten Satz in Absatz 1 zweifle ich stark an. Aus meiner Studienzeit kenne ich mehrere Fälle (inklusive ich selbst) in denen alle Arten der Prüfungsleistung (Studienarbeit, Seminararbeit, Praktikum, Prüfungsmodule) nach der Diplomarbeit absolviert wurden. Dafür sollten Sie bei Ihrem zuständigen Prüfungsausschuss vorstellig werden.

Herr_Ratlos
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Beitrag von Herr_Ratlos » 08.04.09, 20:04

Hallo,

dass die Einführung der Regelstudienzeit die Schließung von Studiengängen verhindern soll, bevor man seinen Abschluss erlangt hat, ist mir auch bekannt. Man darf vier Semester überziehen, dann verfällt erst das Verbot der Schließung. Das war damals bei den Diplomstudiengängen so und ist heute bei den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen immer noch so.

Zum ersten Absatz:
Ich will das nicht verkomplizieren, aber die alten Diplomstudiengänge sind etwas ganz Anderes als die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Mag sein, dass man damals seine Diplomarbeit anfangen konnte, obwohl man noch nicht alle Scheine hatte. Das geht jetzt definitiv nicht mehr. Mir ist keine Prüfungsordnung bekannt, wo nicht expliziet drinsteht, dass man alle Modulprüfungen des ersten bis fünften Semesters bestanden haben muss, um mit dem 14 bis 18 wöchigen Praxisprojekt und der Bachelor-Thesis im sechsten Semester zu beginnen.

Wissen Sie das ganz genau, dass es keinen Rechtsanspruch gibt? Habe jetzt selbst mal in der Bibliothek der hiesigen Uni gestöbert.Ich denke, es muss so etwas wie einen Rechtsanspruch geben. Im Bereich der Prüfungsrechtsbücher stößt man auf den Begriff des "Rechts auf Prüfung". Ausserdem habe ich ein Urteil gefunden, das einem ehemaligen Studenten 67500 Euronen Schadenersatz zuspricht, da er seinen Abschluss erst zwei Semester später machen konnte. Dass er die nötigen Scheine nicht hatte, war aber Verschulden der Hochschule, da sie Prüfungen nicht angeboten hat, die aber nach der Prüfungsordnung in den betreffenden Semestern hätten angeboten werden müssen. Dort heißt es, dass eine Hochschule verpflichtet ist, alles Erdenkliche zu unternehmen, um den Studierenden den zeitigen Abschluss zu ermöglichen.

Man hat ja auch erhebliche Nachteile bei der Arbeitsplatzsuche, wenn man länger als die Regelstudienzeit studiert. In manchen Branchen ist ein bis zwei Semester länger schon ein Todesurteil.

Zum Zweiten:
Zitat: Lehrveranstaltungen des 5. Semesters ... bla bla ... Im Rahmen des Projektkurses sollen kleine Projekte von einer Gruppe, die aus vier Studierenden besteht, durchgeführt werden. Dabei geht es um die Fähigkeit, eine Problemstellung in Teamarbeit zu analysieren, mit den erlernten Methoden Lösungswege aufzuzeigen, sowie Teilaufgaben und deren jeweilige Schnittstellen zu definieren und anschließend zu implementieren. Begleitend soll die Projektdokumentation erstellt werden. In der Testphase sollen die Teilkomponenten des implementierten Systems auf ihr Zusammenwirken hin überprüft werden.


Grüße

Kleine_Sonne
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Beitrag von Kleine_Sonne » 09.04.09, 07:15

Hallo, ich habe nicht gesagt dass es "keinen Rechtsanspruch" gibt. Es gibt fast immer irgendeinen "Anspruch", ob Sie ihn durchsetzen können steht auf einem anderen Blatt. Ich habe lediglich gesagt, dass Sie ihn kaum mittels der Regelstudienzeit begründen werden können. Haben Sie die Quelle zu diesem Urteil ? Ansonsten ist das halt alles sehr schwammig, beispielsweise sind zwei Semester nicht ein Semester, Verschulden der Hochschule ist nicht gleichzusetzen mit kein adäquates Personal (siehe oben) usw

"In manchen Branchen ist ein bis zwei Semester länger schon ein Todesurteil. "
Ich weiß nicht wer Ihnen das gesagt hat, zum Glück sieht die Realität anders aus. Auch in "elitären" Kreisen (beispielsweise McKinsey) finden Sie immer weniger Leute mit "blütenweißen" Biographien. Absolventen haben es jetzt im Moment etwas schwerer eine initiale Anstellung zu finden, aber wenn Sie gut sind finden Sie sicher etwas.

Ansonsten schicke ich Ihnen gleich noch eine PM

RA Erik Günther
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Beitrag von RA Erik Günther » 21.04.09, 21:32

Rechtsdogmatisch muss man hier nach der Anspruchsgrundlage fragen.

Da gibt es meines Wissens keine unmittelbare Anspruchsgrundlage im Hochschulrecht.

Deswegen läuft es im Sekundärprogramm (=Schadenersatz im Unterschied zum Primäranspruch auf Prüfungsteilnahme) nur über eine (Amts-)Pflichtverletzung und Verschulden, entweder § 839 BGB, Art. 34 GG oder Pflichtverletzung aus einer vertragsähnlichen öffentlich-rechtlichen Sonderbeziehung (abgelehnt für das Schulverhältnis, bejaht für das Beamtenverhältnis, ungeklärt für das Hochschulmitgliedschaftsverhältnis als Student, aber es sprechen nicht erst seit der Einführung von Studienabgaben viele Argumente dafür).

Eine Pflichtverletzung kann dann auch in einem Organisationsverschulden, etwa der Fachbereichsleitung, liegen. Der Dekan hat sogar ein Weisungsrecht gegenüber dem Personal des Fahcbereichs, mit dem er Lehr- und Prüfungsaufgaben erzwingen kann. AUch hinsichtlich der Stellenneubesetzung liegt viel beim Fachbereich.

Ein Amtshaftungsanspruch setzt u.a. voraus, dass erfolglos versucht wurde, den Primäranspruch durchzusetzen. Also muss ggf. sogar die Anmeldung zur Prüfung erfolgen, bzw. der Anspruch auf die Prüfung nachweisbar geltend gemacht werden (evtl. sogar per Klage), die dann mangels Angebot nicht stattfindet. Ein weiteres Problem könnte sein, dass Hochschulprüfungen grundsätzlich losgelöst vom behandelten Veranstaltungsstoff sind. Es stellte sich dann die Frage, inwieweit eine Prüfung ohne die Lehrveranstaltung stattfinden könnte. Das wäre sicherlich Steine statt Brot für die Studierenden. Bei Modulprüfungen wird das sicherlich auch nicht funktionieren.

Nur nach den dargestellten Anspruchsgrundlage ließe sich dann Schadenersatz fordern, jeweils im Zivilrechtsweg.

Aus dem Prüfungsrecht ist mir bekannt, dass Prüfungsfehler, die den Abschluss verzögern, auch zu Amtshaftungsansprüchen führen können. Eine Studienverzögerung aus anderem Grund müsste wiederum amtspflichtwidrig erfolgt sein. Bei der Kausalität muss man dann wohl auch darlegen, dass man die Prüfung im regulären Termin bestanden hätte.

Insgesamt ist es schwer, solche Ansprüche erfolgreich durchzusetzen.
Erik Günther
[url]http://www.hlb.de/[/url]
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Diese Infos sind abstrakte Ausführungen zu rechtlichen Fragen. Damit will und kann ich Rechtsberatung nicht ersetzen. Es erfolgt keine Haftung.

windalf
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Beitrag von windalf » 21.04.09, 22:31

Auch in "elitären" Kreisen (beispielsweise McKinsey) finden Sie immer weniger Leute mit "blütenweißen" Biographien.
Das liegt dann aber zumeist daran, dass nicht, dass nicht über den formalen Bewerbungsweg hereingerutscht wurde. Viele sind dann auch erst mit Berfuserfahrugn dort hingewechselt oder hatten selber eine kleine Unternehmensberatung. McKinsey hat dann mit seinem Angebot das Netzwerk einfach mit gekauft...

Wer die Kontakte nicht hat und sich ganz "normal bewerben muss" scheitert da immer noch an dem einen oder anderen Kriterium egal wie toll die Bewerbung aussieht...
schwerer eine initiale Anstellung zu finden, aber wenn Sie gut sind finden Sie sicher etwas
Wobei gut sein nicht nur alleine heisst was in der Birne zu haben. Netzwerk und Beziehungen sind da mehr als formale Bewerbungen...

Wie lange jemand studiert hat ist und bleibt bei Einstellung von Absolventen neben der Note ein gewichtiges Kriterium...
...fleißig wie zwei Weißbrote
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Zitat Karsten: Das beweist vor Allem, dass es windalf auch nicht gibt.

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