Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

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Mount'N'Update
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Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von Mount'N'Update » 18.07.15, 20:44

Ich bin mir nicht sicher, ob das hierher gehört, bin daher für Verschiebungen offen.

Die Sun hat ein kurzes Video veröffentlicht, in dem die Queen - damals sieben oder acht Jahre alt - den Hitlergruß zeigt. Es war wohl so, dass ihr Onkel Edward mit den Nazis sympathisierte. Karina Urbach, offenbar eine deutsche Expertin für die Geschichte des Nationalsozialismus, zeigte sich "geschockt", als sie die Bilder sah. Die Sun schreibt, sie habe diese schockierenden Bilder veröffentlichen müssen.

Ich frage mich: Ist das wirklich so? Muss man einer fast 90-Jährigen vorwerfen, was sie als Kind vor über 80 Jahren tat? Glaubt irgendjemand in der Redaktion, dass Elizabeth ein Nazi war? Oder immer noch ist?

Ich weiß, Journalismus darf alles. Muss es auch alles?

Artikel der Sun

Für Germanophile: Ein Artikel bei tagesschau.de

questionable content
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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von questionable content » 18.07.15, 21:34

Man kann sich genauso fragen, ob es nicht eine Macke unserer Gesellschaft ist, aus Sensations- und Empörungsgeilheit die Realität hinter der Botschaft nicht wahrnehmen zu wollen. Dass sich eine Historikerin für so etwas hergibt, statt es in den historischen Kontext zu rücken, ist in meinen Augen deutlich bedenklicher, als dass die Sensationspresse aus einer optischen Sensation Geld schlägt.

Ein Versuch zum Kontext:
Es handelt sich um Kinder. Der Hitlergruß war in damaligen Zeit zunächst eher ein pressetaugliches Kuriosum, das vielfach nachgeäfft und auch parodiert wurde. Von Sympathisanten wie Gegnern.

Was würden wir z.B. heute sagen, wenn ein paar Achtjährige irgend einen Gruß der IS-Milizen unverständig nachäffen, z.B. weil irgendwo im Umfeld ein verrückter Onkel sitzt, der damit sympathisiert und es vorgemacht hat?


Hitler war damals in der internationalen Wahrnehmung zunächst noch eher schrullig-exzentrisch, aber passte mit den damals bekannten Ansichten durchaus in die Zeit. Der für die Öffentlichkeit ersichtliche Korruptions- und Kriminalitätsgrad der NSDAP war nicht mal ein Novum - offene Gewalt gegen die Bevölkerung und Rechtsbruch aus politischen Gründen waren damals durchaus noch "üblich" bzw. Teil des lebenden Gedächtnisses der Bevölkerung in weiten Teilen Europas.

Extremisten und Populisten gabs damals an jeder Straßenecke, paramilitärische politische Organisationen hat er auch nicht erfunden. Nicht mal seine politischen Schriften waren unüblich für die Zeit. Der Unterschied zu einer Menge Phantasten mit extremen gesellschaftlichen Visionen war erst erkennbar, als er tatsächlich auf kontinentalem Level zur Tat geschritten ist. Streng genommen für hartgesottene Realpolitiker nicht mal dann - Rassenhass, religiöse Verfolgung, Antisemitismus und Völkermord gabs damals aus historischer Sicht noch in greifbarer zeitlicher Nähe in der Geschichte vieler europäischer Kulturvölker.

Wir halten die Monster unserer Zeit auch meist für Phänomene der Popkultur - "schlimm, aber nicht schlimm genug, um ihnen frühzeitig ein Ende zu setzen". Ziele für Spott, Satire, Nachäffen und als willkommenes Ventil für öffentliche Verächtlichmachung.

Erst Hinterher, wenn das Kind längst im Brunnen ist, redet sich die öffentliche Meinung ein, dass man es "schon immer gewußt habe" - aber natürlich selbst nicht mitverantwortlich war, etwas dagegen zu tun.
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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von FM » 18.07.15, 21:59

Es geht da nicht um ein siebenjähriges Mädchen, sondern um den damals ca. 40jährigen Prince of Wales und späteren König. Also wenn das keine Person der Zeitgeschichte ist ...

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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von questionable content » 18.07.15, 22:11

FM hat geschrieben:Es geht da nicht um ein siebenjähriges Mädchen, sondern um den damals ca. 40jährigen Prince of Wales und späteren König. Also wenn das keine Person der Zeitgeschichte ist ...
Der Artikel der Sun fokussiert auf die Kinder - da brauchen wir uns Nichts vormachen.

Dass Edward VIII einer der auch in gehobenen Kreisen der Weltbevölkerung damals nicht gerade seltenen Hitlerbewunderer und -sympathisanten war, ist auch definitiv keine historische Sensation, sondern eine allgemein verfügbare historische Information. :)
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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 19.07.15, 12:11

Mount'N'Update hat geschrieben:...
Ich frage mich: Ist das wirklich so? Muss man einer fast 90-Jährigen vorwerfen, was sie als Kind vor über 80 Jahren tat? Glaubt irgendjemand in der Redaktion, dass Elizabeth ein Nazi war? Oder immer noch ist?
...
Video zum Hitlergruß der jungen Queen - Royals prüfen offenbar rechtliche Schritte.

Das achtjährige Kind hätte damals wissen müssen, was Hitler vorhatte. Dieser Ansicht scheint wohl die "sun" zu sein. Es gibt wohl auch auf der Insel ein Sommerloch.
Mount'N'Update hat geschrieben:...
Ich weiß, Journalismus darf alles. Muss es auch alles?
...
Satire darf alles, nicht aber der Journalismus. Letztere sollte schon den Ehrenkodex einhalten.

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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von Ronny1958 » 19.07.15, 12:22

Man muß sich hierbei auch vergegenwärtigen, dass die Sun das britische Pendant zur Blöd-Zeitung darstellt.
Das Bonner Grundgesetz ist unverändert in Kraft. Eine deutsche Reichsverfassung, eine kommissarische Reichs-Regierung oder ein kommissarisches Reichsgericht existieren ebenso wenig, wie die Erde eine Scheibe ist. (AG Duisburg 26.01.2006)

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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von Mount'N'Update » 29.07.15, 22:00

Danke für die guten Beiträge. :)

Dass das Königshaus rechtliche Schritte prüft, liegt wohl auf der Hand.

Und dass selbst Blöd mit der Britischen Sonne nicht mithalten kann, dürfte auch zum Allgemeinwissen gehören. :mrgreen:

@Dipl.-Sozialarbeiter: Ja, es gibt wohl diesen Ehrenkodex. Aber ich habe das Gefühl, und die Befürchtung, dass versucht wird, die Grenzen des guten Geschmacks weiter auszuwuchten, insbesondere durch den pseudo-wissenschaftlichen Anstrich, den sich die Zeitung hier gibt.

FM
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Re: Muss wirklich alles an die Öffentlichkeit?

Beitrag von FM » 29.07.15, 22:31

Mount'N'Update hat geschrieben:Danke für die guten Beiträge. :)

Dass das Königshaus rechtliche Schritte prüft, liegt wohl auf der Hand.

Und dass selbst Blöd mit der Britischen Sonne nicht mithalten kann, dürfte auch zum Allgemeinwissen gehören. :mrgreen:
Naja, Könige in Europa haben es heutzutage auch schwerer als früher. Man kann einen frechen Journalisten nicht mehr einfach in den Tower sperren oder standrechtlich erschießen lassen. Ein Königshaus prüft rechtliche Schritte - das ist aber auch blöd. Da sioll dann ein Richter "Im Namen der Krone" ein Urteil fällen, wenn die Krone der Kläger ist? Noch befangener geht ja nicht.

Könige in deren Namen geurteilt wird sind die einzigen Bürger, die keine sinnvolle Möglichkeit auf gerichtlichen Schutz in eigener Sache haben. Ein deutscher Bundeskanzler hat es da leichter, wenn der jemand verklagt weil dieser veröffentlicht hat, dass der Kanzler seine Haare färbt, urteilt ein Amts- oder Landgericht im Namen des Volkes, nicht im Namen der Krone. Aber es wird ja auch niemand gezwungen, ausgerechnet den Beruf König zu wählen.

Wird denn im Vereinigten Königreich noch "Im Namen der Krone" geurteilt? Werden da Richter vom Monarchen ernannt (wenn auch nur formal)? Wenn nicht, treffen meine Bedenken natürlich nicht zu. Aber trotzdem würde ich anregen: als König/in sollte man nicht per Gericht mit der Presse streiten, sondern sie einfach majestätisch ignorieren. Als Bundeskanzler .... naja, der war ursprünglich Rechtsanwalt, die können nicht anders.

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