Über den Wert von Verschwörungstheorien

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rabenthaus
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Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von rabenthaus » 11.04.15, 07:07

Hallo

da wir im Forum ja das ein oder andere Mal mit Verschwörungstheorie konfrontiert wurden und jeder von uns immer wieder mit diesem Thema in Berührung kommt habe ich mir mal ein paar Gedanken zu der Frage wieso es eigentlich Verschwörungstheorie gibt was zumindestens manche Menschen daran so begeistert wieso Verschwörungstheorie in nicht in sich zusammenbrechen gemacht.

.Es sind ein paar allgemeine Gedanken die ich bewusst in die Ecke für Unsachlickeiten eingestellt habe da sie eigentlich zu keinem der ernsthaften rechtlichen Themen passen.ich bin mir natürlich auch darüber bewusst das nicht bei jeder Verschwörungstheorie und in jedem Einzelfall alle Gründe gleichzeitig zutreffend sind. Genauso ist mir klar das die Auflistung wahrscheinlich nicht vollständig ist. Es ist aber einfach einmal einen Denkansatz und Anstoß für eine entsprechende Diskussion.

1. Verschwörungstheorien sind lustig

Verschwörungstheorien sind lustig, es ist teilweise zum Lachen wie viel Mühe sich Menschen machen ein bestimmtes Ereignis oder Verhalten solange umzudeuten und emotional zu erklären durch das was man als das offensichtliche erkannt oder verstanden haben will auf einmal zu etwas ganz anderem umgedeutet wird. Da wir die Rhetorik und die Kniffe der Verschwörungstheoretiker mittlerweile ja kennen entsteht eine gespannte Erwartungshaltung bei wenn wir darüber nachdenken in welche Richtung und jetzt diese neue Verschwörungstheorie wieder bringen soll. Die Tricks und Wendungen die in den Texten benutzt werden und die dabei auftretenden Widersprüche sowie natürlich die und vorteilhafte Wortwahl und sonstige Fehler in den Texten sind manchmal einfach zu lächerlich. Hat man zudem näheres Hintergrundwissen in der konkreten Verschwörungstheorie oder besonderes Fachwissen dann kann man umso mehr über die falschen Behauptungen und Schlüsse der Verschwörungstheoretiker lachen.

2. Gruppenzugehörigkeit

Verschwörungstheorien sind einfach zu verstehen. Es gibt jeweils eine gute Seite und eine böse Seite einen der Opfer ist und einen der Täter wird.für jeden von uns ist leicht zu wählen welcher der beiden Gruppen mehr angehören will. Selbst aber ansonsten kein soziales Leben hat niemanden kennt und nichts auf die Reihe bringt kann man doch über die Zugehörigkeit zu der Gruppe der guten an einer sozialen Gemeinschaft teilnehmen. Zudem gibt es die entsprechenden Foren im Internet in denen man sich mit gleich gesinnten die ebenfalls dieser Verschwörungstheorie anhängen austauschen kann. Und natürlich bleibt es nicht aus dass man im Rahmen dieses Austausches so etwas wie ein Leben oder ein sozialen Kontakt hat.

3. Einfache Lösungen / Erkärungen

Verschwörungstheorien bieten einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte die man nicht durchschaut. Es gibt wie schon gesagt immer eine gute und eine böse Seite. Es gibt jemanden der wirtschaftliche oder finanzielle Interessen hat und der deshalb lobend etwas ganz einfaches macht was aber die Masse der dummen Herdentiere nicht wahrhaben will. Sobald er entweder seine Gier zurückgestellt oder er entmachtet wird ist alles wieder gut. Komplexe Fragen über Zusammenhänge oder systemische Probleme braucht man sich nicht zu stellen. Die ganze Welt ist dann einfach strukturiert ist einfach gut oder einfach böse. Technische Fragen oder andere Fragen muss man sich nicht mehr stellen. Es ist dann auch nicht mehr notwendig sich in andere Menschen hinein zu versetzen oder ihre Interessenlage zu berücksichtigen. Wer nicht in der eigenen also in der guten Gruppe ist es eben mit der bösen Gruppe und hat damit keine Rechte und keine Interessen keine Ängste keine Sorgen sondern will einfach nur böse sein. Verschwörungstheorien sind dann deshalb meistens recht kurz in ihren Aussagen das ja eigentlich gar nicht erklärt werden müssen was so einfach sind.

4. Keine eigene Verantwortung

Mit dem vorgenannten. Drei denkt auch der Punkt Nummer vier zusammen. das Gut und böse die und das Verhalten auf der hier einer bestimmten Gruppe oder bestimmter Personen beruht kann auch niemand anders als diese Gruppe für alles schlechte verantwortlich sein. Man selber hat sich ja für die gute Gruppe entschieden also ist von jeder Verantwortung/Schuld enthoben. Niemand muss sich also mehr Gedanken darüber machen wie er selber sei es als individueller Mensch oder als Teil einer sozialen Gruppe zu dem Problem beigetragen hat. Es ist halt zum Beispiel leichter zu glauben dass der Hunger in der Dritten Welt ein Grund der Gier und Unvernunft der Hersteller in Europa ist (Futtermittel/Benzin aus Lebensmitteln) als sich darüber Gedanken zu machen wie man selber als Einzelperson bzw. Verbraucher dadurch dass man immer billigere Lebensmittel und immer mehr davon konsumieren will letztendlich zu dem Problem beigetragen hat. Wenn es nur eine bestimmte Gruppe ist, zu der ich ja nicht dazu gehöre, die das Problem bewusst verursacht um davon zu profitieren dann kann auch nur diese eine Bestimmtegruppe und etwas dagegen tun indem sie eben ihre Gier abgelegt oder wir in dem wir eben diese Gruppe entmachten. Ich selber habe aber mit meinem Verhalten gar nichts mehr beigetragen also kann ich weitermachen wie bisher und auch überhaupt nichts zu ändern. So kann man sein eigenes schlechtes Gewissen, falls man welches bekommen sollte, beruhigen.

5. Hoffnung

Unsere Zeit überfordert viele Menschen. Die Medien sind immer mehr darauf aus alles zu einer großen Katastrophe ja gerade zu einer düsteren Prophezeiung hoch zu stilisieren. In einer Zeit in der die klassischen Zeitungs Medien mit dem Fernsehen dem Internet und anderen Medien konkurrieren wird immer weniger auf kritischen und informieren Journalismus gesetzt sondern man versucht über Schlagzeilen Leser zu gewinnen. Auch die Verschwörungstheorie in Arbeiten in ähnlicher Weise um die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Im Gegensatz dazu den Medien wiederum liefern die Verschwörungstheoretiker auch einfache und leicht umzusetzende Lösungen. Wenn nämlich eine bestimmte Gruppe die man benennen kann sowohl von ihrem Umfang als auch von den einzelnen handelnden Personen alleine an einem bestimmten zu uns unerträglichen Problem schuld ist dann kann man entweder diese Gruppe auswechseln oder die Gruppe durch Gewalt oder durch moralische Druck dazu zwingen ihr Verhalten zu ändern. Wenn die Gruppe die nach der Verschwörungstheorie die Verschwörung angezettelt hat weiß wie sie ein Zustand herbeiführen kann den wir nicht mögen, den wir als unerträglich betrachten dann weiß diese Gruppe natürlich auch wie man genau das Gegenteil erreichen kann sie will es nur nicht. Damit besteht natürlich die Hoffnung und die Zuversicht das wenn man nur die richtigen Leute austauscht und die anderen entsprechend unter Druck setzt auf einmal in diesem Bereich so etwas wie ein Paradies entstehen könnte der Gedanke das vielleicht die handelnden Personen aus der Verschwörung in Wirklichkeit überhaupt nicht das Ziel haben könnten dass wir ihn als Verschwörungstheoretiker unter schieben und dass sie vielleicht einfach gar nicht wissen wie man die Angelegenheit richtig handhabt erschreckt uns innerlich eigentlich mehr als eine wie auch immer geartete Verschwörung.
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

lerchenzunge
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von lerchenzunge » 11.04.15, 08:16

In einer Zeit in der die klassischen Zeitungs Medien mit dem Fernsehen dem Internet und anderen Medien konkurrieren wird immer weniger auf kritischen und informieren Journalismus gesetzt sondern man versucht über Schlagzeilen Leser zu gewinnen.
meiner Ansicht nach ist dies sogar der Hauptgrund!

Die allermeisten Menschen kennen sich ja nur bei ganz wenigen Themen gut aus. Aber regelmäßig bei diesen wenigen Themen bemerkt man, wie qualitativ minderwertig die Medien informieren, manchmal sogar falsch, zumindest aber durch Verkürzung bis zur Unkenntlichkeit verzerrt oder die Ansicht einer der sich widerstreitenden Ansichten zum Thema als alleinwahr dargestellt!
Und wenn man nun bemerkt, dass die Medien bei einem Thema, bei dem man dies gut beurteilen kann, schlampig oder gar falsch informieren, so fällt es schwer zu glauben, dass sie bei den anderen Themen, bei dem man keine eigenen Erkenntnisse hat, wirklich besser arbeiten.
Dies allein ist dann noch kein Grund, an Verschwörungstheorien zu glauben, aber es bereitet den Boden dafür vor, dass man auch für alternative Erklärungen zugänglich wird.

Und dann gibt es eben auch eine Reihe von Vorfällen, die ans Tageslicht gekommen sind, die noch irrer als viele Verschwörungstheorien sind, aber sich als wahr herausgestellt haben. Die NSA-Affäre dürfte dafür ein Paradebeispiel sein. Oder aber etwas weiter zurück die Anschläge durch die NATO-Einheit Gladio.
Und aus diesen Enthüllungen erwachsen dann neue Verschwörungstheorien: Wenn also zB. eine NATO-Einheit 1980 einen Bombenanschlag im Hauptbahnhof von Bologna mit 85 Toten durchgeführt hat, dann ist die Vermutung, dass auch das Oktoberfestattentat im gleichen Jahr nicht von einem irren Einzeltäter durchgeführt wurde, sondern auch einer der NATO-Stay-Behind-Organisationen zuzurechnen ist, einfach zu naheliegend...

Manchmal ist die Wahrheit eben noch extremer, abstruser, irrer als die verschrobenste Verschwörungstheorie!

istdasso?
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von istdasso? » 11.04.15, 12:00

Dem was "lerchenzunge" gesagt hat, kann ich weitgehend zustimmen. Ich weiss jetzt nicht, was besser ist - die Sachverhalte von der Positiv- oder Negativ- Seite zu formulieren. Ich belasse es mal dabei eein paar Punkte zu nennen, warum ich nicht mehr so leicht bereit bin eine Behauptung vorschnell in die Ecke "Verschwörungstheorie" zu stellen.

1.) Wie von "lerchenzunge" schon aufgeführt hat u.a. der "NSA-Skandal" gleich mehrere Asoekte eingeführt , unter denen so manche VT unter einem anderen Licht stehen könnte.
-Der Umfang der Rechts- und Vertrauensverletzungen war unerwatet groß
-Die Konsequenzen erwartungsgemäß vernachlässigbar
-Die öffentlich Aufmerksamkeit nur von erschreckend kurzer Dauer

Die Lehre daraus könnte durchaus sein: Egal was man in entsprechender Position ausfressen will, man kann es ruhigen gewissens aussitzen ohne großartig Konsequenzen erwarten zu müssen.

2.) Hier darf sich "rabenthaus" mal persönlich gelobt fühlen, weil er das z.B. mir immer so schön erklärt: Die Diskrepanz zwischen materiellem Recht, und dem was bei Gericht dabei gerauskommen kann..
-meint die hohen Voraussetzungen, die es braucht bis etwas als bewiesen zu gelten hat.
Das ist keine Kritik an dem Umstand selbst , sondern es ist etwas, was ich in die "Meinungsbildung" einpreisen muss...

Beispiel: Behauptet jemand "Elvis lebt" müsste er quasi den alten Mann am Schopf zum Gentest zerren, um mit seiner Mindermeinung überhaupt Gehör zu finden. Um mal zu relativieren:
Es ist heute rechtlich kaum möglich die eigen Vaterschaft überprüfen zu lassen - wie will der Einzelne eine tatsächliche "Verschwörung" aufdecken?

Das greift ein Argument an, dass von denjenigen gern gebracht wird , die sagen eine größere Verschwörung kann es schon deshalb nicht geben, weil die Gefahr besteht, dass schnell alles auffliegt, weil "immer einer quatscht"

3.)Die Vehemenz, mit der z.B. der Herr Snowden noch immer von den US-Behörden verfolgt wird.
-warum diese abschreckende Behandlung, wenn das jetzt schon der Skandal war?
- also die bekanntesten Whistleblower der westlichen Welt sitzen in Russland oder einer südamerikanischen Botschaft fest....ist schon seltsam

Warum z.B. soll man dann unbesehen glauben, das der "Gustl" in Bayern mit seinen Theorien so daneben lag - nur ausgerchnet an verjährten Tatbeständen ggf etwas hätte drann sein können?

4) Weil - so inflationär die VT ggf. heute auftreten, so schnell wird aber auch eine Behautung als VT gebrandmarkt .

PS.:

Über "Verschwörungstheorien" kann man z.B. hier gerade viel lernen: http://recht.de/phpbb/viewtopic.php?f=61&t=260946
:arrow: Klar, man kann sich jetzt so anstellen als verstünde man nicht, was ich ausdrücken will - aber mehr Mühe gebe ich mir nicht mehr. Dafür ist der Anteil vorsätzlicher professioneller "Nichtversteher" hier zu hoch....

Michael A. Schaffrath
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von Michael A. Schaffrath » 20.04.15, 16:03

#3 und #5 sind für mich auch die entscheidenden Motivationen, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben.

Ich würde #5 noch etwas prägnanter formulieren:
Menschen haben eine irrationale Angst davor, daß es Dinge gibt, die niemand kontrollieren kann - das können Naturkatastrophen wie Tsunamis und Hurricanes sein, aber auch massendynamische soziologische Phänomene (von "wieso kommt im Staat X die Partei Y an die Macht" über "wieso brechen alte Strukturen zusammen" bis "wieso explodiert das Bevölkerungswachstum").
Früher (und teils heute noch) hat man sowas göttlichen Einflüssen zugeschrieben (für mich ist Religion im übrigen auch nichts anderes als eine Verschwörungstheorie und umgekehrt sind Verschwörungstheorien eigentlich Religionen), heute sind es kleine geheime "allmächtige" Kreise, die angeblich die Fäden ziehen.
Denn es bedarf letztlich des beruhigenden Wissens, daß es nichts gibt, was man nicht kontrollieren kann - entweder, wie beschrieben, indem man die Kontrolle übernimmt, die jetzt noch die Verschwörer haben, oder indem man seine Gottheit milde stimmt.
Denn genaugenommen ist der Gedanke, unser aller Leben könnte morgen schon vorbei sein (weil ein Meteor auf die Erde stürzt, ein Neutralino mit einem Anti-W-Boson reagiert und ein schwarzes Loch im Erdkern erzeugt oder jemand im falschen Moment den falschen Knopf drückt), für die meisten Menschen so unerträglich, daß sie sich selbst vor dieser Ohnmacht schützen müssen.

Und ich würde noch einen 6. Punkt ergänzen:

6. Hybris
Wer eine Verschwörung "durchschaut" hat, der fühlt sich einer Elite zugehörig. Der Rest der Menschheit (inklusiver aller derjenigen, die schlauer und erfolgreicher sind) ist im Vergleich "dumm" und "gehirngewaschen", während man selbst zu den wenigen Erleuchteten, den "wahren Schlauen" zählt.
Der Verschwörungsgläubige sagt sich "Haha, Stephen Hawking, nimm deinen 190er-IQ und schieb ihn dir sonstwo hin, denn du glaubst noch an den Weihnachtsmann, während ich durchschaut habe, daß das Papa im Kostüm ist".
Nicht zuletzt deswegen ist die Mehrzahl der Verschwörungsgläubigen auch eher im weniger gebildeten Bereich zu finden (daß es auch hochintelligente Dreifach-Doktoren gibt, die Verschwörungsgläubige sind, ist kein Widerspruch).
DefPimp: Mein Gott
Biber: Nö, war nur M.A.S. Aber hier im Forum ist das schon ziemlich dicht dran.

Chabos wissen, wer der M.A.S. ist.

rabenthaus
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von rabenthaus » 20.04.15, 20:48

Hallo

ich denke der Punkt 6 ist ein wichtiger Faktor der in meiner Auflistung fehlt. Zudem erlangt man Aufmerksamkeit und Anerkennung bei denen die ähnlichen Ideen nach hängen. Man kann sich gegenseitg bestätigen und für den Mut und das Wissen bewundern. Da das ganze letztendlich ohne jegliche Konsequenzen weder für das eigene Leben noch für das eigene Verhalten bleibt ist es auch risikolos, auch wenn man sich einredet es wäre ein "Abenteuer".
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von lerchenzunge » 20.04.15, 21:22

dieser sicher wichtige Punkt 6) wird darüberhinausgehend durch die Politiker und die Medien oft begünstigt, wenn allzu offensichtliche Lügen und Falschinformationen in die Öffentlichkeit getragen werden und es geradezu peinlich wäre, die offizielle Darstellung zu akzeptieren.
Als Beispiele würde mir dazu einfallen die Lügenstory zu den "jüdischen Vermächnissen" in der CDU-Spendenaffäre, die Präsentation der angeblichen Beweise für irkaische Massenvernichtungswaffen durch Colin Powell vor der UN, aber auch manche "politisch korrekte" Selbstzensur der Medien wie beispielsweise die Nichterwähnung der Zugehörigkeit von Verdächtigen oder Tätern zu Minderheiten oder die allzu einseitige Berichterstattung im Ukrainekonflikt.

Ich frage mich manchmal, ob angesichts allzu durchsichtiger Lügengeschichten beispielsweise aus der US-Politik nicht sogar die Propagandaminister mancher Diktaturen eine Art Fremdschämen empfinden...?

ZetPeO
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von ZetPeO » 21.04.15, 12:01

Mir fällt da noch Punkt 7 ) ein.

Verschwörungstheorien werden hauptsächlich von dem Personenkreis als solche bezeichnet, der immer noch an der Theorie festhält:
Es kann nicht sein was nicht sein darf.
:wink:
Gr
ZetPeO

Michael A. Schaffrath
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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von Michael A. Schaffrath » 27.04.15, 16:39

lerchenzunge hat geschrieben:dieser sicher wichtige Punkt 6) wird darüberhinausgehend durch die Politiker und die Medien oft begünstigt, wenn allzu offensichtliche Lügen und Falschinformationen in die Öffentlichkeit getragen werden
Ich würde (zumindest was die USA angeht) eher sagen: weil Politiker wie Medien vieles unreflektiert und unrecherchiert "durchreichen" nach dem Motto "soll sich doch der Bürger selbst ein Urteil bilden, was er glauben will".
In den USA zitieren Politiker aus abstrusen Ketten-Emails mit wilden Verschwörungstheorien als wären es von der New York Times recherchierte Fakten. Und die Medien lassen den Politikern verschwörungstheoretischen Unsinn wie "ich bin kein Wissenschaftler, also habe ich keine Meinung dazu, ob der Klimawandel nicht vielleicht doch eine Verschwörung von Ökospinnern und Atheisten ist" durchgehen nach dem Motto "wir geben ja nur weiter, warum sollten wir nachbohren, wieso ein Politiker sowas offenbar glaubt".

In Deutschland sind Verschwörungstheorien insgesamt weniger verbreitet, weil es in der Politik noch nicht als "schick" gilt, abstrusen Unfug als "unabhängige Meinung" zu adeln (würde Frau Merkel öffentlich erklären, sie nehme die Bibel wörtlich und die Erde wäre daher 6,000 Jahre alt*, würde sie nicht wiedergewählt; in den USA landet man mit solchen Meinungen auf dem Vorsitz des Wissenschaftskomittees (!) im Kongress).

____
* Das ist eine Verschwörungstheorie (und keine Religion), weil es unterstellt, sämtliche Paläontologen und anderen Erdgeschichtsforscher wären an einer Verschwörung beteiligt, der Menschheit Lügen aufzutischen.
DefPimp: Mein Gott
Biber: Nö, war nur M.A.S. Aber hier im Forum ist das schon ziemlich dicht dran.

Chabos wissen, wer der M.A.S. ist.

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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von Mike Gimmerthal » 27.04.15, 20:21

Moin rabenthaus,

interessante Auflistung. Vieles davon können plausible Erklärungen für eine ganze Reihe Verschwörungstheorien sein.
Was mir hier aber auffällt, wenn man über den "Wert" (der sich wie bemisst?) von Verschwörungstheorien philosophiert, ist die Erwähnung eines grundlegenden Ansatzes. Schlicht der These, dass "Verschwörungstheorien" auch durchaus die Wahrheit sein können. Ich ergänze also:
7. Es gibt Verschwörungstheorien weil sie plausibel und/oder wahr sind.
Und das ggf. durchaus gegen die "offizielle" und veröffentlichte Meinung.

Da ist der Beitrag von lerchenzunge hilfreich:
lerchenzunge hat geschrieben:Und dann gibt es eben auch eine Reihe von Vorfällen, die ans Tageslicht gekommen sind, die noch irrer als viele Verschwörungstheorien sind, aber sich als wahr herausgestellt haben. Die NSA-Affäre dürfte dafür ein Paradebeispiel sein. Oder aber etwas weiter zurück die Anschläge durch die NATO-Einheit Gladio.
Und aus diesen Enthüllungen erwachsen dann neue Verschwörungstheorien: Wenn also zB. eine NATO-Einheit 1980 einen Bombenanschlag im Hauptbahnhof von Bologna mit 85 Toten durchgeführt hat, dann ist die Vermutung, dass auch das Oktoberfestattentat im gleichen Jahr nicht von einem irren Einzeltäter durchgeführt wurde, sondern auch einer der NATO-Stay-Behind-Organisationen zuzurechnen ist, einfach zu naheliegend...
...
Als Beispiele würde mir dazu einfallen die Lügenstory zu den "jüdischen Vermächnissen" in der CDU-Spendenaffäre, die Präsentation der angeblichen Beweise für irkaische Massenvernichtungswaffen durch Colin Powell vor der UN, ...
Celler Loch, Anschlag im Golf von Tonkin, Angriff auf den Sender Gleiwitz, ...
Leider ist die Liste von "Verschwörungstheorien" die sich, oft Jahrzehnte später und immer ohne relevante Konsequenzen für die Verantwortlichen, als wahr herausgestellt haben so kurz nicht.

Den Punkt 4. sehe ich übrigens auch kritisch.
Es gibt durchaus Menschen bei denen Tun erwächst, wenn sie eine "Verschwörungstheorie" für wahr halten. Sie engagieren sich ... wo auch immer.
Dass es eine gewisse träge Masse gibt, die beim Bier meckert aber keine persönlichen Konsequenzen zieht ist ein Fakt ... aber das gilt für alle Meinungen, Ideen und selbst Überzeugungen. Daher kann es m.E. als spezifische Erklärung für den Wert von Verschwörungstheorien nicht herhalten.

@ M.A.S.: die Anmerkungen zu #5 sind präzise. Aber wie schon angemerkt ist das eher ein religöses Problem. Ohne diesen "Schutzmechanismus" vor dem Unkontrollierbaren würden viele Menschen an ihrem bisschen Scheiss-Leben verzweifeln. Da ist eine Religion oder auch eine Verschwörungtheorie ein hilfreicher Katalysator. Bräuchte das "denkende Wesen" Mensch diesen mentalen Notanker nicht, hätten wir sehr viele Probleme weniger.

Meine Lieblingszitate in dem Kontext:
lerchenzunge hat geschrieben:Manchmal ist die Wahrheit eben noch extremer, abstruser, irrer als die verschrobenste Verschwörungstheorie!
Oktavia hat geschrieben:Ich liebe Verschwörungstheorien aber mir wird Angst und bange weil sich schon einige als wahr herausstellten.
Ich verabscheue Ihre Meinung, doch ich werde mein Leben lang dafür kämpfen, daß sie sie äußern dürfen!(E.B. Hall)
Etwas ist nicht recht, weil es Gesetz ist, sondern es muss Gesetz sein, weil es recht ist. (C.-L. de Montesquieu)

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Re: Über den Wert von Verschwörungstheorien

Beitrag von istdasso? » 03.05.15, 15:10

Man nehme mal folgende Verschwörungstheorie an:

"Der BND spioniert mit Wissen der Bundesregierung im Auftrag der NSA europäische Firmen und Amtsträger aus."


Dies ist ja ganz offensichtlich eine momentan populäre Verschwörungstheorie.

Diese Verschwörungstheorie eignet sich besonders gut die vom TE herausgearbeiteten Merkmale zu überprüfen:
1. Verschwörungstheorien sind lustig
Richtig - was im "Der Postillon" zu lesen war - schon zum "sich wegschmeißen" - Das Ausland aufklären halt. Zu lustig
2. Gruppenzugehörigkeit
Aber selbstversändlich: Die Bösen sind die Amerikaner und die Regierung. Wer sich als Opfer fühlt, kennt keine Leute und bekommt selbst nichts auf die Reihe: Das Volk z.B.
Also : Haken dran...
3. Einfache Lösungen / Erkärungen
Einfacher geht's nun wirklich nicht: Es wird sogar behautet die Regierung ignoriere einfach die Vorwürfe und würde es aussitzen. Einfacher geht's nun wirklich nicht. Ist ja eh alles geheim.
4. Keine eigene Verantwortung
Richtig - man weiss von Nichts - hat auch nichts Wissen müssen : War jea eh alles geheim. Woher soll ich's dann wissen
5. Hoffnung
Richtig: In manchen Foren ist sogar von einem Rücktritt der Frau Merkel vor dem Jahr 2135 die Rede!

Fazit:

nun ist auch klar warum so eine Verschwörungstheorie so erfolgreich sein könnte :lachen:
:arrow: Klar, man kann sich jetzt so anstellen als verstünde man nicht, was ich ausdrücken will - aber mehr Mühe gebe ich mir nicht mehr. Dafür ist der Anteil vorsätzlicher professioneller "Nichtversteher" hier zu hoch....

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