Warum immer Deutschland

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Oce
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Warum immer Deutschland

Beitrag von Oce » 21.06.15, 10:12

In der Schuldenkrise ließt man immer wieder, dass Griechenland Merkel in der Verantwortung sieht. Meine Frage ist nun, warum ist das so?

Ich dachte die EU Staaten haben Ihren Ansprechpartner in Brüssel, aber warum wird immer Deutschland nur befeuert?

Nehmen wir an eine Mutter hat 5 Kinder und eines der Kinder hat Probleme. Dann ist es doch unlogisch, dass das Problemkind zu seinen Bruder geht. Der Ansprechpartner ist die Mutter.

Würde mich freuen wenn mir das mal jemand erklären könnte.

Ronny1958
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von Ronny1958 » 21.06.15, 10:41

Naja, da muß man eschichte kennen und lesen. Emfelenswert in diesem Zusammenhang die verschiedenen Artikel im SPIEGEL zu diesem Thema. Ich will es mal versuchen zusammenzufassen.

Merkel und vor allem ihr Vorgänger sind nicht ehrlich zu den Griechen gewesen.

Kohl und der Genschmän haben den Griechen mit einem Taschenspielertrick die Rückzahlung von Zwangsanleihen des 3. Reiches verweigert. Die BRD hatte das als Leistung des gesamten Deutschen Staates immer bis zur Zeit nach der Wiedervereinigung verschoben.

Der gleiche Mensch, der jetzt als Finanzminister preußisch-schwäbisch auf Einhaltung der griechischen Verpflichtungen pocht, hatte seinerzeit die glorreiche Idee mit dem Beitritt der DDR anstelle einer Wiedervereinigung. Die Griechenwaren natürlich nicht bei den Abschlußgesprächen (aka 2+4-Verandlungen aus Anlass des Beitritts beteiligt, und konnten somit auch nicht auf ihre Forderungen verzichten.

Dreimal dürfen Sie raten, was Merkel heute sagt:

Auch wenn das nicht ganz sauber war und man die Griechen hätte fragen müssen, ist das heute mehr als 20 Jahre nach der Einheit natürlich nicht mehr nachholbar und verjährt.

Insgesamt sagt Deutschland also zur Rückzahlung einer Zwangsanleihe durch die Nazis bei den Griechen denen heute:

ÄTSCH, Pech gehabt.

Wäre ich Grieche (bin gebürtiger Deutscher) wäre ich stinksauer.
Das Bonner Grundgesetz ist unverändert in Kraft. Eine deutsche Reichsverfassung, eine kommissarische Reichs-Regierung oder ein kommissarisches Reichsgericht existieren ebenso wenig, wie die Erde eine Scheibe ist. (AG Duisburg 26.01.2006)

Nordland
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von Nordland » 21.06.15, 16:31

Interessante Herangehensweise von Ronny. Die Reparationen zwischen Deutschland und Griechenland sind sicher ein Thema. Jedoch muss man irgendwann passen, wenn selbst renommierte Historiker zu unterschiedlichen Auffassungen gelangen. Wenn aber hier nach der Euro-Krise gefragt wird, dann muss man vor allem aber eines sehen: Die Eurokrise ist eine Strukturkrise. Die Reparationen wären, sofern sie überhaupt relevant sind, eine einzelne finanzielle Schuld. Man könnte sie also höchstens zur Überbrückung nutzen, auf Dauer jedoch nicht.
Oce hat geschrieben:Ich dachte die EU Staaten haben Ihren Ansprechpartner in Brüssel, aber warum wird immer Deutschland nur befeuert?
Deutschland ist das Land, das zentral von der Wirtschaftsstruktur ohne Zölle und mit einheitlicher Währung profitiert. Es ist doch ganz klar: Ein Land wie Griechenland hätte seine Probleme früher über Inflation und Abwertung gelöst. Da hätte man in der Folge auch weniger importieren können. Nun profitieren exportorientierte Volkswirtschaften, wie etwa Deutschland. Man könnte noch die Niederlande, Österreich und mit Einschränkungen Finnland dazuzählen. Deutschland ist aber vom BIP am größten und daher hängt von der Zustimmung Deutschlands die Eurorettung am meisten ab.
Oce hat geschrieben:Nehmen wir an eine Mutter hat 5 Kinder und eines der Kinder hat Probleme. Dann ist es doch unlogisch, dass das Problemkind zu seinen Bruder geht. Der Ansprechpartner ist die Mutter.
Erwischt. Denn besser hättest du deinen Denkfehler nicht zeigen können. Europa hat nicht die Nationalstaaten hervorgebracht. Die Nationalstaaten haben sich dazu entschlossen, ein nicht mehr nur geografisches, sondern auch politisches Europa zu erschaffen. Das war nach den beiden Weltkriegen auch folgerichtig und sinnvoll. Knallharte wirtschaftliche Probleme sind aber ein ganz anderes Kaliber. In Detroit - um nur ein Beispiel willkürlich herauszugreifen - hat man es auch nicht durch Aktionismus und Appelle schaffen können, eine hochindustrialisierte Region zum Armenhaus werden zu lassen. Griechenland ist pleite und die Leute hängen an der sicheren Währung. Wer will es ihnen verdenken? Wer will es ihnen übelnehmen, an Merkel und Schäuble zu appellieren? Indes können sie die Strukturprobleme nicht lösen, sondern nur Geld zur Überbrückung freigeben.
Oce hat geschrieben:Würde mich freuen wenn mir das mal jemand erklären könnte.
Griechenland wird früher oder später aus dem Euro raus müssen. Du erlebst momentan die Unruhe, die vor solchen Umbruchsphasen normal ist.
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von Ronny1958 » 21.06.15, 17:05

Mag sein, dass ich Unrecht habe, aber die Artikel im Spiegel klingen logisch und nachvollziehbar.

Dass wir getrickst haben, steht für mich fest. Wird auch indirekt von der Regierung so getragen allerdings nicht die offizielle Sprachregelung:
Die Ansicht der Bundesregierung ist juristisch umstritten. Nach einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages (WD 2, 041/13) ist ihre Rechtsauffassung nicht zwingend.
Die höhe der griechischen Forderung sind umstritten.

Nach dieser Quelle (wikipedia) sind abenteuerlich Zahlenunterschiede zu verzeichnen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_ ... iechenland

denn sie schwanken zwischen 3 und 575 milliarden euro.

Die Summe in Reichsmark Stand 1945 waren jedenfalls 476 Millionen Reichsmark, und das ist schon eine Hausnummer.

Und ebenso zweifelsfrei scheint festzustehen, dass die Griechen an der Regelung zum Erlass der Altschulden nicht beteiligt waren.
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Nordland
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von Nordland » 21.06.15, 17:14

Ronny1958 hat geschrieben:Mag sein, dass ich Unrecht habe, aber die Artikel im Spiegel klingen logisch und nachvollziehbar.
Es gibt hierzu unterschiedliche Auffassungen. Kommt wohl auch drauf an, wie man diesen oder jeden Schritt damals bewertet. Mein Ansatzpunkt war, dass man durch die Reparationen nichts an den grundlegenden Problemen der Wirtschaftsstruktur ändern kann.
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freemont
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von freemont » 21.06.15, 17:47

Nordland hat geschrieben:
Ronny1958 hat geschrieben:Mag sein, dass ich Unrecht habe, aber die Artikel im Spiegel klingen logisch und nachvollziehbar.
Es gibt hierzu unterschiedliche Auffassungen.
...
Hallo,

in dem Zusammenhang sollte man auch sehen, dass die privaten Reparationsansprüche bis zum EGMR über das BVerfG und den BGH ausgefochten wurden:

Verfahrensgang

LG Bonn, 23.06.1997 - 1 O 358/95
OLG Köln, 27.08.1998 - 7 U 167/97
BGH, 26.06.2003 - III ZR 245/98
BVerfG, 15.02.2006 - 2 BvR 1476/03
EGMR, 31.05.2011 - 24120/06

Alle Klagen und Beschwerden wurden abgewiesen.
In der Schuldenkrise ließt man immer wieder, dass Griechenland Merkel in der Verantwortung sieht. Meine Frage ist nun, warum ist das so?
Das liegt einfach daran, dass die Bundesrepublik vor Frankreich der größte Netto-Zahler der EU ist.

Jeder 3. EUR den die EU ausgibt, auch der Hilfen für Griechenland, kommt aus dem Bundeshaushalt.

Im Moment sind das über 300 Mrd. EUR. ./. 80 Mio. = 3.750 EUR/Bürger

ktown
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Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von ktown » 21.06.15, 18:10

Würden die Reparationszahlungen Griechenland retten......ich denke kaum.
Es mag ein Thema sein, dass aufzuarbeiten ist, hat aber nix mit dem eigentlichen Problem Griechenlands zutun.
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

Gesetze sind eine misslungene Kreuzung aus dem Alphabet und einem Labyrinth.
"Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt" Zitat Goethe

Mount'N'Update

Re: Warum immer Deutschland

Beitrag von Mount'N'Update » 24.06.15, 17:47

Ronny1958 hat geschrieben:Mag sein, dass ich Unrecht habe, aber die Artikel im Spiegel klingen logisch und nachvollziehbar.
Das sind sie sicherlich auch, aber ich glaube, der eigentliche Grund dafür, dass immer wieder auf Deutschland zurück gegriffen wird, liegt schlicht und einfach daran, dass es das mächtigste und reichste Land der EU ist. Wie oft haben sich Briten und Franzosen darüber geärgert, jetzt wird es ihnen nicht mehr allzu wehtun. :wink:

Man hat uns versprochen, dass der Euro so hart wie die D-Mark wird, nicht britische Pfund, und schon gar nicht die Drachme. Deutschland war immer wegweisend in Europa. Das war auch eine Voraussetzung für die Deutsche Einheit, die man auch deshalb nicht Wiedervereinigung nannte, weil es kein "Back to the Roots" werden sollte, vielmehr etwas neues, auch kleiner als früher, dafür friedlich.

Außerdem haben sich die Griechen schon lange gerächt, was die Schwindeleien angeht: Bei den Stabilitätskriterien haben sie auch geflunkert.

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