Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Recht der Gefahrenabwehr

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Chavah
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Chavah »

Bei uns ist zumindest nächtens der telefonische Notruf für ein wirklich großes Gebiet auf eine Zentrale zusammen gelegt. Da kennt man seine Pappenheimer eben nicht. Aber, man kann durch Zugriff zu externen Datenbanken, eben auch zu der des Einwohnermeldeamtes, häufig vieles vorab klären. Und eben den Anrufer/die Anruferin durch Detailfragen dann selber besser einschätzen.

Das ist meine Erfahrung in diesem Bereich, von Jahrzehnten, es ist insoweit einfacher geworden.

Vielleicht auch ein Beispiel aus der Praxis: nachts um zwei, anonymer Anruf bei der Polizei, Frau xy würde offensichtlich ihr Kind gerade schwer mißhandeln. Er, der Anrufer wolle anonym bleiben, da er im selben Haus wohne. Polizei fuhr mit großem Aufgebot hin, weckte Mutter und Kinder aus dem Tiefschlaf. Der Täter konnte seinerzeit nicht ermittelt werden. Frau war nach dem Einsatz allerdings im Viertel bekannt. Etwa ein Jahr später, inzwischen Zugriff auf EMA-Daten möglich, dasselbe wieder. Man hinterfragte die Verhältnisse in dem Haus, konnte aufgrund der Daten für das Haus feststellen, dass es da keine zweite Wohnung im Haus gab. Der Ex-Mann, 250 km entfernt lebend, nie da gewesen, war der Anrufer. So etwas hilft schon sehr. Nicht in allen Fällen, aber doch in vielen.

Chavah
blackylein
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von blackylein »

Ich gehe eher davon aus, dass mittlerweile die Standortortung des Handynetzes verbessert wurde, bzw aktiviert wurde.
Festnetzanrufe konnten schon immer auf den genauen Anschluss zurück verfolgt werden, bei Handys war die Ortung lange nicht direkt beim Notruf möglich. Dies können mittlerweile sogar einfache Rettungsleitstellen.
Deputy
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Deputy »

Chavah hat geschrieben: 18.08.21, 14:50 Bei uns ist zumindest nächtens der telefonische Notruf für ein wirklich großes Gebiet auf eine Zentrale zusammen gelegt. Da kennt man seine Pappenheimer eben nicht.
Oh doch - auch da kennt man etliche der Dauerkunden.
Chavah hat geschrieben:Aber, man kann durch Zugriff zu externen Datenbanken, eben auch zu der des Einwohnermeldeamtes, häufig vieles vorab klären. Und eben den Anrufer/die Anruferin durch Detailfragen dann selber besser einschätzen.
Eher durch interne Datenbanken - da steht deutlich mehr drin. Dass EWO eine Hilfe sein kann ist aber keine Frage.
Chavah hat geschrieben:Vielleicht auch ein Beispiel aus der Praxis: nachts um zwei, anonymer Anruf bei der Polizei, Frau xy würde offensichtlich ihr Kind gerade schwer mißhandeln. Er, der Anrufer wolle anonym bleiben, da er im selben Haus wohne. Polizei fuhr mit großem Aufgebot hin, weckte Mutter und Kinder aus dem Tiefschlaf. Der Täter konnte seinerzeit nicht ermittelt werden. Frau war nach dem Einsatz allerdings im Viertel bekannt. Etwa ein Jahr später, inzwischen Zugriff auf EMA-Daten möglich, dasselbe wieder. Man hinterfragte die Verhältnisse in dem Haus, konnte aufgrund der Daten für das Haus feststellen, dass es da keine zweite Wohnung im Haus gab. Der Ex-Mann, 250 km entfernt lebend, nie da gewesen, war der Anrufer. So etwas hilft schon sehr. Nicht in allen Fällen, aber doch in vielen.
Ist doch gar nicht die Frage, dass das hilfreich sein kann.

So hat das aber nie stattgefunden oder die Polizisten waren blutige Anfänger. Blos weil jemand in EWO nicht gemeldet ist bedeutet das nicht, dass er dort nicht wohnt - das weiß jeder Polizist mit einem 1/2 Jahr Erfahrung auf der Straße. Das geht soweit, dass es offizielle Formulare für die Ab-/Anmeldung durch die Polizei gibt.

Im EWO wird auch nicht hinterlegt, wie viele Wohnungen in einem Haus vorhanden sind, sondern welche Personen dort gemeldet sind. Meldet sich in einer Wohnung niemand beim EWO an, dann steht im EWO weder ein Hinweis auf die Person noch auf die Wohnung. Trotzdem können dort 10 Personen wohnen.

Wer auf der Basis so etwas so entscheidet hat mindestens ein ernstes Gespräch mit einem Vorgesetzten - weil er völlig unprofessionell gehandelt hat. Das ist eine Hintergrundinfo, mehr nicht.
FM
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von FM »

Im Melderegister dürfte nicht sehr viel mehr gespeichert sein als Name, Anschrift, Geburtsdatum, Religion und vielleicht noch Familienstatus und Vermieter. Diese Daten nützen da eher wenig.
Pumucklll
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Pumucklll »

Nach dem Durchlesen aller Beiträge zu diesem thread bin sehr verunsichert, daß eine Wohnung nur aufgrund eines Anrufes bei der Polizei "gestürmt" werden darf.
Beispiel: ich will einem mißliebigen Menschen zwei Straßen unterhalb meines Hauses eins auswischen. Dazu gehe ich 2 km in den Nachbarort zum Münzfernsprecher, rufe die Polizei an und behaupte unter angsterfülltem Geschrei, daß ich mit Waffengewalt von dem Nachbarn bedroht werde. Nach Nennung des angeblichen Tatortes = Wohnung des Nachbarn zünde ich einen Feuerwerkskörper, röchle, als wäre ich im Todeskampf, gehe wieder seelenruhig nach hause und schaue aus dem Fenster, was gleich passieren wird. Natürlich habe ich mich coronamäßig mit Maske und Latexhandschuhen ausstaffiert, sodaß eine Wiedererkennung meinerseits so gut wie unmöglich wird.
Kommt jetzt tatsächlich kurze Zeit später die Polizei, SEK, oder was es sonst dergleichen noch in der BRD gibt, tritt die Türe ein und ringt den unschuldigen und völlig verdutzten Nachbarn nieder? Der Nachbar schaut mit seiner Frau und den Kindern friedlich TV, vielleicht einen Krimi, bei dem ein Schußwechsel zu hören ist. Er ist von dem Vorgehen der Polizei so geschockt, daß er einen Herzinfarkt erleidet.
Ist dieses Szenario in unserem Rechtsstaat tatsächlich in dieser Form denkbar? Falls ja, wird mir angst und bange. Wirklich vorstellbar ist es für mich aber erstmal nicht...
Chavah
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Chavah »

Pumuckl, man weiß nie, welche Anrufe echt und welche getürkt sind. Das ist das Einsatzrisiko. Was würdest du denn sagen, wenn man in einem solchen Fall nichts täte und deshalb jemand umkäme? Dir zum Trost: diese Telefonate werden alle, wirklich alle auf Band aufgenommen, und Fehlalarmen wird nachgegangen. In dem Fall, welchen ich oben schilderte, war es dann so, dass der Anrufer anhand der Stimme identifiziert wurde, ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung wurde von Amts wegen eingeleitet.

Mit diesen "Scherzanrufen" muss man sich doch immer wieder auseinander setzen. Nicht nur die Polizei, sondern auch der Gastronomiebetrieb, bei dem 50 Grillhähnchen geordert werden zur Adresse xy, und da weiß niemand was.

Wir müssen leider mit diesen Mitmenschen leben, die so etwas tun. Es ist gut, dass wir ein Rechtssystem und inzwischen auch die Technik haben, diese Scherzkekse zu identifizieren. Leider ermöglicht diese Technik umgekehrt allerdings auch solche Taten.

Chavah
Pumucklll
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Pumucklll »

Chavah, aus Deiner Umschreibung entnehme ich, daß dieses Szenario durchaus denkbar ist. Aber Polizisten, SEK usw. sind doch Menschen mit Hirn und denken. Falls am "Tatort" alles ruhig ist und rein gar nichts auf eine Kampfszene oder Mord hindeutet, wäre imho an der Haustüre klingeln doch das Naheliegendste. Man muß sich ja nicht direkt vor die Türe stellen und einen Kugelfang bieten, und der zweite Polizist kann mit gezogener Waffe sichern. Es könnten auch gerne mehrere Polizisten erscheinen, sich aber nicht so verhalten, als wollten sie einen Überfall begehen. Ich bin kein Polizist und habe keine Ahnung von deren Praktiken, aber jetzt bin ich schon negativ beeindruckt. Ich gebe Dir aber auch recht, daß moderne Technik Fluch und Segen zugleich sein kann. Dem Betroffenen in meinem Beispiel nutzt das alles im Nachgang natürlich erstmal garnichts außer der Gewißheit, daß er und seine Familie für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, falls er den Herzinfarkt überhaupt überlebt.
Chavah
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Chavah »

Was meinst du, wie stark die Familie traumatisiert wäre, weil die Polizei nicht eingegriffen hätte, nur weil alles ruhig war und man deshalb auf einen Eingriff verzichtet hätte und deshalb jemand gestorben wäre?

Chavah
Celestro
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Celestro »

Chavah hat geschrieben: 21.08.21, 18:35 Was meinst du, wie stark die Familie traumatisiert wäre, weil die Polizei nicht eingegriffen hätte, nur weil alles ruhig war und man deshalb auf einen Eingriff verzichtet hätte und deshalb jemand gestorben wäre?

Chavah
Wen interessiert das? Soll es in Ordnung sein, dass die Polizei jemanden zu Tode erschreckt, weil ein anonymer Anruf kommt? Hoffentlich nicht ...
Deputy
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Deputy »

Pumucklll hat geschrieben: 21.08.21, 18:07 Chavah, aus Deiner Umschreibung entnehme ich, daß dieses Szenario durchaus denkbar ist. Aber Polizisten, SEK usw. sind doch Menschen mit Hirn und denken. Falls am "Tatort" alles ruhig ist und rein gar nichts auf eine Kampfszene oder Mord hindeutet, wäre imho an der Haustüre klingeln doch das Naheliegendste.
Da sitzt jemand in der Wohnung und hält die anderen in der Wohnung mit einer Waffe in Schach. Wie merkt man das denn von außen?
Pumucklll hat geschrieben:Man muß sich ja nicht direkt vor die Türe stellen und einen Kugelfang bieten, und der zweite Polizist kann mit gezogener Waffe sichern. Es könnten auch gerne mehrere Polizisten erscheinen, sich aber nicht so verhalten, als wollten sie einen Überfall begehen.
Dann sind die zu zweit, der eine bedroht im Schlafzimmer andere mit der Waffe, der zweite kommt an die Tür, zeigt sich verwundert und sagt "Bei uns ein Überfall? Nee, da ist alles in Ordnung - aber rein dürfen sie nicht". Wie weiter? Überraschung futsch, die sind direkt auf Gegenwehr gepolt und haben mit dem Typ vorne 2 Verteidigungslinien.
Pumucklll hat geschrieben:Ich bin kein Polizist und habe keine Ahnung von deren Praktiken, aber jetzt bin ich schon negativ beeindruckt. Ich gebe Dir aber auch recht, daß moderne Technik Fluch und Segen zugleich sein kann. Dem Betroffenen in meinem Beispiel nutzt das alles im Nachgang natürlich erstmal garnichts außer der Gewißheit, daß er und seine Familie für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, falls er den Herzinfarkt überhaupt überlebt.
Natürlich wird so eine Lage immer beurteilt und so eine Maßnahme ist die Ausnahme. Und ja, die Beurteilung ist schwierig. Das macht sich die Polizei aber auch nicht leicht. So einfach, wie sich das manchen vorstellen - einfach mal klingeln und fragen - ist es aber auch nicht. Zumal das auch direkt in die Eskalation führen kann.

In den allermeisten Situationen wird auch erstmal geklingelt - aber was soll man machen, wenn direkt eine Schusswaffe gemeldet wird? Sagen "Ach nee - die wollen bestimmt nur spielen?!"
Pumucklll
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Pumucklll »

Mir ist schon klar, daß eine solche Situation für die Polizei höchst schwierig ist und eventuell der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird. Ich habe ein wenig gegoogelt und das von mir beschriebene Szenario im web nicht gefunden, dafür aber andere Sachen wie die falsche Wohnung gestürmt und den Hund erschossen oder SEK-Einsatz mit Hubschrauber wegen angeblichen Waffenbesitzes, und das nur aufgrund eines anonymen Anrufes.
Jedenfalls scheint sowas zum Glück nicht jeden Tag vorzukommen, und die Berichte im web sind ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Ich versuche mir schönzureden, daß bei 80 Millionen BRD-Bürgern die Wahrscheinlichkeit marginal ist, selbst die Hauptperson einer solchen "Geschichte" zu werden. Hoffentlich habe ich damit niemanden auf eine Idee gebracht...
Evariste
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Evariste »

Pumucklll hat geschrieben: 22.08.21, 09:58 Ich habe ein wenig gegoogelt und das von mir beschriebene Szenario im web nicht gefunden
Ich schon: https://de.wikipedia.org/wiki/Swatting

Allerdings scheint das bisher vor allem ein amerikanisches Problem zu sein.
Pumucklll
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Re: Die Polizei auf Unschuldige hetzen. Wie dagegen vorgehen?

Beitrag von Pumucklll »

Ich habe nach Geschehnissen in der BRD wie von mir beschrieben gesucht und zum Glück nichts gefunden. Amiland ist imho ein Fall für sich, wenn man an George Floyd und andere Opfer der amerikanischen Polizei denkt. Sowas ist bisher von der Polizei in der BRD nach meinem Kenntnisstand nicht bekannt. Hoffentlich bleibt das auch in Zukunft so...
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