Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

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Altbauer
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Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von Altbauer » 25.10.19, 09:47

Falls das Thema besser in ein anderes Rechtsgebiet passt: bitte verschieben.

Fra A ist eine nette Nachbarin. Sie erklärt sich gerne bereit, das Töchterlein T der Nachbarin B für eine Nachmittag nach
der Schule in Obhut zu nehmen, damit Frau B einen wichtigen Arzttermin wahrnehmen kann.
Töchterlein T ist 9 Jahre alt und geht in die Grundschule.
Abgemacht wurde, dass T nach der Schule bei Frau A erscheint, dort ein Mittagessen bekommt, die Hausaufgaben erledigt und bei
Frau A bleibt, bis ihre Mutter (Frau B) ihr Töchterlein am späteren Nachmittag abläuft.

Es beginnt ganz harmonisch:
T isst brav das Tellerchen leer, erledigt fix (aber sauber, ordentlich und fehlerfrei) die Hausaufgaben.
Dann aber erklärt T der Frau A, dass sie sich mit einer Schulkameradin verabredet habe und nun zu dieser nach Hause
gehen wolle (Weg: ca. 10 Minuten zu Fuß)

Frau A erklärt T, dass mit Mutter B etwas anderes abgemacht sei.
T bekommt einen Zornanfall und Frau A leistet auch keinen Widerstand mehr, als T unter Knallen der Haustüre das Haus verlässt.

Frau A sieht sich in einem Dilemma:
- hätte sie Töchterlein T gegen deren Widerstand im Hause behalten müssen (Freiheitsberaubung)
- oder war es richtig, T gehen zu lassen (da wird T nicht mehr von Frau A beaufsichtigt. Risiko eines Unfalls usw.)

Was meint Ihr dazu?

ktown
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von ktown » 25.10.19, 09:55

Altbauer hat geschrieben:
25.10.19, 09:47
Abgemacht wurde, dass T nach der Schule bei Frau A erscheint, dort ein Mittagessen bekommt, die Hausaufgaben erledigt und bei
Frau A bleibt, bis ihre Mutter (Frau B) ihr Töchterlein am späteren Nachmittag abläuft.
Dies ist die Grundlage und dies ist einzuhalten. Egal ob T zornig auf den Boden stampft oder nicht.
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

Gesetze sind eine misslungene Kreuzung aus dem Alphabet und einem Labyrinth.
"Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt" Zitat Goethe

lottchen
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von lottchen » 25.10.19, 13:05

Muss die Nachbarin das Kind dann einsperren und sich die Wohnung zertrümmern lassen, wenn das Kind ausflippt?
Ich empfehle, Beiträge unserer Forentrolle BäckerHD, FelixSt und Dieter_Meisenkaiser konsequent zu ignorieren!

Stan78
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von Stan78 » 25.10.19, 13:45

Vernachlässigung der Aufsichtspflicht ist für sich genommen kein strafrechtlich relevanter Vorwurf. Er wird lediglich interessant, sobald es um Haftungsfragen aus daraus resultierenden Schäden kommt. Sofern die Fallbeschreibung vollständig ist, ist die Frage also rein akademischer Natur ohne echte rechtliche Relevanz.

Davon abgesehen:
Bei einem 9jährigen Kind darf die Aufsichtspflicht auch dadurch durchgesetzt werden, dass man ein notwendiges und angemessenes Maß an Zwang ausübt. Haustür abschließen ist mit Sicherheit unproblematisch. Im Regelfall sollte eine erwachsene Person auch in der Lage sein ein 9jähriges Mädchen daran zu hindern "die Wohnung zu zertrümmern", auch dafür darf sie in angemessenem Umfang Zwang einsetzen. Ob sich die Nachbarin in diesem Fall eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht hätte vorwerfen lassen müssen, wenn es etwa zu einem Unfall gekommen wäre, würde im Zweifelsfall ein Richter beurteilen müssen.

winterspaziergang
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von winterspaziergang » 25.10.19, 13:46

lottchen hat geschrieben:
25.10.19, 13:05
Muss die Nachbarin das Kind dann einsperren und sich die Wohnung zertrümmern lassen, wenn das Kind ausflippt?
:roll: Eine 9jährige ist kein wütender Rockmusiker, der ein Hotelzimmer zerlegt.

Wenn die "nette Nachbarin" keine Ahnung hat, wie man mit einer 9jährigen umgeht, die "zornig" wird, sollte sie nicht anbieten, das Kind zu beaufsichtigen.

Zur "Freiheitsberaubung" muss man wohl nichts sagen. :liegestuhl:

ktown
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von ktown » 25.10.19, 14:02

Stan78 hat geschrieben:
25.10.19, 13:45
Sofern die Fallbeschreibung vollständig ist, ist die Frage also rein akademischer Natur ohne echte rechtliche Relevanz.
Hab ich was verpasst? Ist dies nicht schon immer Grundlage dieses Forums gewesen fiktive rein theoretische Sachverhalte zu diskutieren?
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

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Froggel
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Re: Aufsichtspflicht vs. Freiheitsberaubung

Beitrag von Froggel » 25.10.19, 14:35

Na ja, A hätte auch das Kind mit zur Freundin begleiten können, dann wäre zumindest schon mal die Gefahr, für einen Unfall verantwortlich gemacht zu werden, vom Tisch. Jedenfalls ist das besser, als das Kind allein losgehen zu lassen und sich im Nachhinein zu fragen, was wäre wenn. Theoretisch sollten Neunjährige auch schon so verständig sein, dass man ihnen klarmachen kann, dass der Verabredung nichts mehr im Wege steht, sobald die Mutter wieder zu Hause ist. Alternativ ruft man die Mutter an und klärt das direkt. Es gibt etliche Möglichkeiten, mit so einer Situation umzugehen. Einsperren empfinde ich dabei genauso unglücklich wie das Kind einfach seiner Wege ziehen lassen. So weit die Theorie.

Praktisch kann die Sache aber ganz anders aussehen. Was die Überforderung angeht - mit so einer Reaktion hatte Frau A sicher nicht gerechnet, und ich denke, dass man ihr das nicht unbedingt vorwerfen kann. Je nach Charakter mag das Kind zwar kein wütender Rockmusiker sein, aber auch Neunjährige können schon gewaltige Kraftreserven aktivieren, wenn sie etwas partout durchsetzen wollen. So schnell kann man ihnen das Geschirr nicht aus der Hand nehmen, wie sie es dann durch die Gegend werfen. Das ließe sich nur durch festhalten verhindern, aber wie lange will man das durchhalten, ein tretendes, um sich schlagendes Kind festzuhalten, ohne sie zu fesseln? Zumal es sich ja noch nicht einmal um das eigene Kind handelt. Ich hatte das mal mit meiner Vierjährigen gemacht, als sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Es war spät, sie wollte bei ihrer Freundin bleiben, ich wollte sie dagegen nach Hause holen. Zuletzt habe ich sie getragen. Sie hat geschrien, um sich getreten, gebissen, gekniffen und versucht, sich aus meinem Arm zu winden, das war alles andere als spaßig, und sie war erst vier Jahre alt. Umso schlimmer stelle ich mir das bei einer Neunjährigen vor, wenn die einen hysterischen Anfall bekommt. Und man muss sich garantiert nicht seine Einrichtung zertrümmern lassen, denn im Nachhinein könnte die Mutter dann sagen: Wieso hast du sie nicht daran gehindert? Das bezahle ich nicht.
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