Ausgenutzte Praktikanten

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Storker
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Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 27.08.13, 18:15

Hallo,

ich weiß nicht, ob es das richtige Unterforum ist, ansonsten bitte verschieben.
Seit Jahren hören wir uns den Unmut der Jugendlichen an, dass es so ungerecht bei den Paktikantenstellen für das Fachabi zugeht ( Fachschule, NRW).
Während einige ein ganzes Jahr für 0 cent arbeiten, bekommen andere einige Hundert Euro.
Wenn das "Kind" noch zu Hause wohnt ( und die Eltern "normal" verdienen), besteht so gut wie keine Möglichkeit auf Schülerbafög.Ist das richtig so?
Könnte man irgendwo Unterstützung einholen?


MfG

0Klaus
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von 0Klaus » 01.09.13, 20:31

Das dürfte aber am Azubi liegen. Die Praktikantenstellen suchen sich die Schüler selbst.

Ungeachtet dessen halte ich es für rechtswidrig, wenn eine Ausbildungseinrichtung für ein 48-wöchiges Praktikum keine Vergütung gewährt, weil dort die Zwangslage des Schülers, der das Praktikum benötigt, in sittenwidriger Weise missbraucht wird.

Übrigens: Meines Erachtens hat das Praktikum keine praktische Bildungs-/Studienbedeutung. Man will damit nur die Zeit verlängern, damit auch wirklich zwei Jahre Unterricht herauskommen und die Fachhochschulreife nicht ggü. dem Abitur von den Schülern wesentlich bevorzugt wird, weil das Studium nicht fachrichtungsbezogen begrenzt ist (wer ein Technik-Praktikum gemacht wird, kann trotzdem Verwaltung studieren).
mfg
Klaus

Storker
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 02.09.13, 13:39

Ungeachtet dessen halte ich es für rechtswidrig, wenn eine Ausbildungseinrichtung für ein 48-wöchiges Praktikum keine Vergütung gewährt, weil dort die Zwangslage des Schülers, der das Praktikum benötigt, in sittenwidriger Weise missbraucht wird.
Auf welcher Rechtslage beruht das?
Wir denken schon, dass das abgeklärt ist, denn sonst würden nicht Jahr für Jahr so viele Praktikanten für lau arbeiten.......
Fakt ist nur, dass in den eher handwerklich- technischen Bereichen etwas (mehr) bezahlt wird, als in den anderen.Sollen die Praktikanten in Zukunft überall anrufen, ob es Geld gibt???
Nun ja, eigentlich geht es uns ums Prinzip und Recht.

0Klaus
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von 0Klaus » 02.09.13, 20:03

Der Praktikumsvertrag ist ein privatrechtliches Dienstverhältnis mit Ausbildungsinhalt. Soweit der Praktikant für den Unternehmer verwertbare Leistungen erbringt, und das dürfte bei 48 Wochen der Fall sein, dürfte eine Nichtbezahlung sittenwidrig sein (§ 138 BGB), weil hier die Zwangslage des Azubi, ja "arbeiten" zu müssen ausgenutzt wird.

Warum sollten die Praktikanten nicht anrufen. Ein Azubi verdient zB im ersten Lehrjahr im öD als Verwaltungsfachangestellter 600 EUR pro Monat. Wenn man dann einen Praktikanten, dessen Praktikum nicht durch Berufsschule unterbrochen wird und der nach der Ausbildungsordnung mit ähnlichen Ausbildungsinhalten betraut ist (Fachrichtung Wirtschaft und Verwaltung) gar nichts bezahlt erscheint mir hier ein auffälliges Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung vorzuliegen, zumal der Azubi je nach Tätigkeitsbereich eine ganze Personalstelle ersetzen kann, weil in der Praxis Praktikanten richtig arbeiten und nicht nur theoretisch ausgebildet werden.

Ich denke auch, dass ein Unternehmer für nicht betriebsentscheidende Tätigkeiten (z. B. Produktionsbereich), der einem Praktikanten untertariflich bezahlen kann, der aber fast die gleiche Leistung erbringt, der ab und zu theoretisch unterwiesen werden muss, beliebter ist, als ein Angestellter, der Tarifvergütung erhält.
mfg
Klaus

hws
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von hws » 02.09.13, 20:55

0Klaus hat geschrieben:Der Praktikumsvertrag ist ein privatrechtliches Dienstverhältnis mit Ausbildungsinhalt. Soweit der Praktikant für den Unternehmer verwertbare Leistungen erbringt, und das dürfte bei 48 Wochen der Fall sein, dürfte eine Nichtbezahlung sittenwidrig sein (§ 138 BGB), weil hier die Zwangslage des Azubi, ja "arbeiten" zu müssen ausgenutzt wird.
Ich weiß ja nicht - Töchterchen hat auch ein Praktikum gemacht - Technischer Zeichner. Und hat nen ganzen Ordner von Draufsicht/Seitenansicht gezeichnet. Schöne Zeichnungen, auch korrekt angeleitet (und vom Vorgesetzten korrigiert) Aber ob die Fertigung diese Zeichnungen tatsächlich genutzt hat? (außer den 1..2 Stücken, die der Praktikant dann selbst herstellen sollte. Und den dann üblicherweise rauskommenden handgefeilten Metallwürfel darf sich der Praktikant anschließend ins Regal stellen.)
Wichtig auch hier Vitamin B. Hat der Praktikant einen näheren Verwandten höherstehend in der Firmenhierarchie, gibts wenigstens ein Taschengeld oder mehr.
Auch ich hatte damals diesen Vorteil. Erstens gab es Geld - und zweitens interessante Arbeit: "Feile mal das erste Übungsstück. Die restlichen Sachen schreibst du ab und dann machen wir was Vernünftiges" (zB Zylinderkopf des Moppeds glatt schleifen) :roll: In der Regel kosten Praktikanten mehr als sie einbringen. Irgend ein "Lehrmeister" steht immer im Hintergrund bereit.

hws

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 03.09.13, 16:22

Wenn man dann einen Praktikanten, dessen Praktikum nicht durch Berufsschule unterbrochen wird
Ich möchte nur noch mal erwähnen, dass es hier um das Praktikum fürs Fachabi in NRW geht.Da gehen die Praktikanten einmal in der Woche zur Schule.

CDS
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von CDS » 04.09.13, 16:39

Sicher mag das ungerecht sein, aber es ist genau so ungerecht wenn FOSler in anderen Bundesländern gar kein Betriebspraktikum machen sondern den praktischen Teil in der Schule absolvieren. Müssen die dann für die Arbeiten in der Schule auch bezahlt werden?

Zudem weiß ich ja nicht wir üppig in NRW die Praktikantenstellen sind, aber ein Firmeninhaber der heute noch sagt "Naja, dann nehme ich einen Praktikanten. Der Blockiert mir zwar X% von seinem Betreuer, aber ich habe zumindest einen Kuddel für einfache Arbeiten" würde sich bei einer Bezahlpflicht hier möglicherweise schnell überlegen ob der die "Dienste" wirklich benötigt.

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 04.09.13, 17:56

Müssen die dann für die Arbeiten in der Schule auch bezahlt werden?
Das beträfe dann aber auch alle Schüler!

CDS
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von CDS » 06.09.13, 10:00

[quote="Storker"][quote] Müssen die dann für die Arbeiten in der Schule auch bezahlt werden?[/quote]
Das beträfe dann aber auch [i]alle[/i] Schüler![/quote]

Ja, und zwar die Grundgesamtheit aller Bundesdeutschen Schüler.

Also müsste Ihre Forderung entsprechend Lauten: "Es ist zu verbieten das Praktikanten eine Vergütung erhalten, denn das Praktikum gehört zur schulischen Ausbildung. Alternativ sind alle Schüler der entsprechenden Jahrgangsstufe grundsätzlich für ihr Erscheinen zu bezahlen.."

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von 0Klaus » 13.09.13, 21:47

Die Argumentation geht fehl. Wenn man dem folgt, dürften auch Auszubildende nichts verdienen.

Ungeachtet dessen ist es doch faktisch so, dass ein Praktikant einen Mehrwert für das Unternehmen erbringt. Und der sollte auch "abgeschöpft" werden.

Im schulischen Praktikum wird kein Mehrwert erbracht. Die Ausbildung erfolgt durch pädagogische Fachkräfte und ein Schüler lernt auch mehr als in einem betrieblichen Praktikum, weil alle Prozesse in Planspielen abgebildet und fachlich korrekt ausgewertet werden können. Das unternehmerische Praktikum ist doch nur die Beschaffung billiger Arbeitskräfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem kleinen bis mittelgroßen Unternehmen die in der Ausbildungsordnung vorgesehenen Tätigkeiten verrichtet werden:

http://www.bezreg-muenster.nrw.de/start ... rdnung.pdf

Für den Bereich Wirtschaft und Verwaltung
Betriebliche Prozesse in der Beschaffung und Bevorratung
(z. B. Beschaffungsplanung, Bedarfsermittlung, Analyse und Bewertung von Bezugsquellen/Lieferanten, Vertragsverhandlungen mit Lieferanten, Vertragsge-
staltung, Beschaffungsdurchführung und -kontrolle, Umgang mit Vertragsstörungen)
- Betriebliche Prozesse in Marketing und Absatz
(z. B. ausgewählte Mittel der Absatzpolitik, Analyse von Kundenanforderungen,
Beratung und Betreuung von Kunden, Auftragsüberprüfung hinsichtlich rechtlicher und betrieblicher Aspekte, Terminierung, Kommissionierung, Versand, Kontrolle, Umgang mit Vertragsstörungen)
- Planung, Durchführung und Steuerung der betrieblichen Leistungserstellung von
Produkten/Dienstleistungen
- Buchführung als betriebliche Dokumentation dieser Geschäftsprozesse
- Controlling/Steuerung der Geschäftsprozesse
(z. B. Grundlagen innerbetrieblicher Rechnungslegung, Kalkulation, Kostenkontrolle, Auswertung betrieblicher Kennzahlen)
- Personalwesen
(z. B. Einblick in Personalbeschaffung, -verwaltung, -abrechnung, Datenschutz)

tatsächlich braucht man zu einem großen Teil der Tätigkeiten keine dreijährige Ausbildung (in wie vielen Fällen müssen z. B. Kunden beim Bäcker tatsächlich über die Backwaren beraten werden). Die werden oft nur einfach so gefordert; hier könnte ein Praktikant eine volle Stelle ersetzen.
mfg
Klaus

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von hws » 14.09.13, 03:29

0Klaus hat geschrieben:Die Argumentation geht fehl. Wenn man dem folgt, dürften auch Auszubildende nichts verdienen.
Und wie war das früher (Mittelalter) mit der Lehre? Lehrlinge mußten Lehrgeld an den Meister bezahlen, wenn sie irgendwann als Geselle Geld verdienen wollten oder gar Meister werden. Letzteres ging nur, wenn ein Meister "frei wurde". (Man kaufte die Meisterwerkstatt, wenn der Meister sich zur Ruhe setzte oder heiratete seine Tochter :twisted: )
0Klaus hat geschrieben:Ungeachtet dessen ist es doch faktisch so, dass ein Praktikant einen Mehrwert für das Unternehmen erbringt.
Wie soll der Prakti den Beruf lernen, wenn er nicht dieselben Tätigkeiten (mit Anleitung) wie ein Geselle ausführt? Auch um 6:00 in der Werkshalle steht - oder hinter der Bäckerei-Verkaufstheke. :roll:
0Klaus hat geschrieben:Im schulischen Praktikum wird kein Mehrwert erbracht ..., weil alle Prozesse in Planspielen abgebildet
Auch im Betriebspraktikum wird man erst mal angeleitet und das kostet Zeit und Einsatz des Ausbilders. Ich hatte das Glück durch "Vitamin B" eine bezahlte Stelle (26 Wochen) zu ergattern. Und ich durfte nach kurzer "Planspielzeit" vollwertige Produktionsarbeit leisten (Drehbank, Fräse, Schweißen - macht auch mehr Spaß als Planspiele. Und danach konnte ich selbst kostenlos die Einstiegskästen meiner "Rostlaube" reparieren.)
Warum wollen Firmen heute keine Azubis oder Praktikanten mehr, wenn man doch daran "verdient"?
Meine Tochter macht einige Wochen unbezahltes Praktikum im Krankenhaus. Keine Planspiele, sondern morgens um 6:00 Pinkelflaschen leeren und Frühstück verteilen.
In einer "Übungsfirma" die Buchhaltung zu lernen, ist zwar theoretisch ganz nett (wenn man keine Ausbildungsstelle in der freien Wirtschaft bekommen hat - es gibt halt einen "Bodensatz", um den sich die freie Wirtschaft nicht gerade reißt)
Früher wurden daraus schlecht bezahlte Tagelöhner. :roll:

hws

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von 0Klaus » 14.09.13, 16:50

Warum wollen Firmen heute keine Azubis oder Praktikanten mehr, wenn man doch daran "verdient"?
Keine Ahnung wo das so ist; in unserer Region sind viele Ausbildungsplätze unbesetzt.

Oftmals sieht man in Supermärkten Azubis an der Kasse. Ich glaube schon, dass damit ganze Stellen ersetzt werden (dass dabei natürlich noch Anleitung bei atypischen Sachverhalten notwendig ist, schließe ich ja nicht aus).
Meine Tochter macht einige Wochen unbezahltes Praktikum im Krankenhaus. Keine Planspiele, sondern morgens um 6:00 Pinkelflaschen leeren und Frühstück verteilen.
Genau, damit brauchte das Unternehmen eine Planstelle weniger ...
mfg
Klaus

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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 17.09.13, 12:55

Genau, damit brauchte das Unternehmen eine Planstelle weniger ...
Eben! In einigen Betrieben wimmelt es von unbezahlten Praktikanten- die richtig gute Arbeit machen und abends müde nach Hause kommen.Ihr könnt das jetzt sehen wie Ihr wollt- gerecht ist was anderes, wir bleiben dabei.

Storker
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Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von Storker » 17.09.13, 14:39

In einer Broschüre gefunden:
Auch als Praktikantin bzw. als Praktikant
musst du von irgendetwas dein Essen und
deine Miete bezahlen. Zwar handelt es sich
bei einem Praktikum in erster Linie um ein
Lernverhältnis, trotzdem ist eine angemessene
Vergütung angebracht – die kriegen schließlich
auch Auszubildende in der Berufsausbildung.
Und mal ehrlich: In den meisten Fällen arbeitet
die Praktikantin bzw. der Praktikant mit, nimmt
den Kolleginnen und Kollegen Arbeit ab – das
kann auch bezahlt werden.
Leider gibt es bisher keine allgemeinverbind-
lichen Regelungen für die Vergütung von Prak-
tika, und nur in wenigen Betrieben und einigen
Tarifverträgen ist diese klar geregelt. Dennoch
solltest du dir des Wertes deiner Arbeit be-
wusst sein und nicht als Bittstellerin bzw. als
Bittsteller auftreten – ein paar Euro kann fast
jeder Arbeitgeber zahlen. Und die Summe ge-
hört natürlich auch in den Praktikumsvertrag
Leider habe ich soetwas noch nicht für das einjährige Schulpraktikum gefunden.
Gibt es irgendwo Hinweise zu Rechte und Pflichten im Praktikum?
Ich wäre sehr dankbar.

SkyAndSand
Interessierter
Beiträge: 8
Registriert: 24.09.13, 02:30

Re: Ausgenutzte Praktikanten

Beitrag von SkyAndSand » 24.09.13, 03:03

Das steht dem Betrieb frei, ob er was zahlt oder nicht. Kenne da ein paar Leute, alle im Krankenhaus, diese bekommen zwischen 150€-280€ je nachdem, welcher Fachbereich, welche Klinik und ob sie auch die Wochenenden und Feiertage mitarbeiten.

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