Technischer Defekt + folgendes Unwetter = Chaos. Erstattung?

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DEKAN
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Technischer Defekt + folgendes Unwetter = Chaos. Erstattung?

Beitrag von DEKAN » 05.05.14, 09:46

Gehen wir vom hypothetischen Fall der Frau X aus.

Frau X bucht einen Linienflug der um 20.30 Uhr abheben und am Bestimmungsort um 21.30 Uhr landen soll.
Kurz vor dem Boarding wird mitgeteilt, verursacht durch einen angeblichen Blitzeinschlag bei der Landung gäbe es am Flugzeug einen Schaden und eine Prüfung würde durchgeführt.
Frau X ist irritiert da es in der gesamten Region nur blauen Himmel und Sonnenschein gab.

Nach Abschluss der technischen Prüfungen hebt der Flieger erst um 22.00 Uhr in Richtung Bestimmungsflughafen ab.
Bekannt ist zu diesem Zeitpunkt jedoch, dass am entfernten Ankunftsort ein starkes Unwetter aufzieht.
Kurz nach Abflug erfolgt die Information, dass es erhebliche Turbulenzen geben wird.

Am Bestimmungsflughafen setzt das Wetterchaos ein und der Flieger kreist über 1 Stunde über dem Ankunftsort. Nach zwei erfolglosen Landeversuchen dreht der Flieger ab und die Passagiere werden darüber informiert, dass eine Landung auf einem hunderte Kilometer entfernten Flughafen erfolgt.

Dort angekommen erhält Frau X an Board die Mitteilung, dass Taxen die Passagiere an den Bestimmungsort fahren. Hierzu erhalten alle Passagiere seitens des Luftfahrtunternehmens einen Voucher. Die Taxen fahren in Richtung des Bestimmungsortes und gelangen ebenso in das Unwetter, weshalb die Fahrt nochmals mehrere Stunden benötigt. Um 3.30 Uhr trifft Frau X dann nach 7 Stunden Nettozeit - anstelle 1 Stunde - am Bestimmungsort ein.

Im Kontext ist fest zu stellen, so denkt Frau X, dass die erhebliche Verzögerung durch die erklärte „technische Prüfung vor Abflug“ dafür verantwortlich ist, dass die Situation entstand.

Nachträglich erfährt Frau X zudem, dass eine Ankunft am Bestimmungsflughafen lediglich 10 Minuten früher, die Landung vor dem Unwetter noch ermöglicht hätte.

Wie denken Sie, hätte Frau X angesichts der Fakten einen Anspruch auf Entschädigung?

klausschlesinger
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Re: Technischer Defekt + folgendes Unwetter = Chaos. Erstatt

Beitrag von klausschlesinger » 09.05.14, 10:28

DEKAN hat geschrieben: Frau X bucht einen Linienflug der um 20.30 Uhr abheben und am Bestimmungsort um 21.30 Uhr landen soll.
Kurz vor dem Boarding wird mitgeteilt, verursacht durch einen angeblichen Blitzeinschlag bei der Landung gäbe es am Flugzeug einen Schaden und eine Prüfung würde durchgeführt.
Frau X ist irritiert da es in der gesamten Region nur blauen Himmel und Sonnenschein gab.

Nach Abschluss der technischen Prüfungen hebt der Flieger erst um 22.00 Uhr in Richtung Bestimmungsflughafen ab.
Geht man davon aus, daß das Flugzeug tatsächlich von einem Blitz getroffen wurde, wäre dieser Umstand als 'außergewöhnlicher Umstand' im Sinne des Aritkel 5 Abs. 3 der VO (EG) 261/2004 zu werten, was die Fluggesellschaft von einer Ausgleichszahlung befreien könnte; aber nur dann, wenn sie alle zumutbaren Maßnahmen ergreift, um die Folgen der 'außergewöhnlichen Umstände' zu vermeiden. Im vorliegenden Sachverhalt kam es zu einem techischen Check nach einem Blitztreffer der Maschine, der etwa eine Stunde dauerte. Dadurch kam es zu einer Ablugversptäung von einer Stunde. Innerhalb der einen Stunde hätte die Fluggesellschaft auch keine Ersatzmaschine besorgen können.
Ein Treffer vom Blitz ist ohne Zweifel ein von außen einwirkendes Ereignis, auf welches die Fluggeselslchaft keinen Einfluß hat. Somit 'liegen außergewöhnliche Umstände' vor. - Selbst eine Biene im Staurohr stellt einen 'außergewöhnlichen Umstand' dar, der die Airline von eine Ausgleichszahlung befreit (AG Rüsselsheim, Urt. v. 24.7.2013 – 3 C 2159/12 (36)).

Selbst wenn der Himmel am Ablflughafen blau war und dort schönes Wetter herrschte, so schließt dies nicht aus, daß die Maschine beim Landeanflug in etwa 20 oder 30 km Entfernung, was nicht mehr vom Flughafen mit menschlichem Auge einsehbar war, vom Blitz getroffen wurde.

Geht man aber davon aus, daß die Maschine nicht vom Blitz getroffen wurde, also die Airline hier falsch vorträgt, wäre der Sachverhalt anders zu beurteilen:

Dann läge keine Annullierung, keine Nichtbeförderung und keine Verspätung von über drei Stunden vor - insofern nichts, was einen Ausgleichsanspruch nach der VO (EG) 261/2004 seitens des Kunden auslösen könnte. Es läge dann lediglich eine Abflugverspätung von einer Stunde vor, die sich innerhalb der von der VO (EG) 261/2004 zulässigen Grenzen befindet.
DEKAN hat geschrieben: Am Bestimmungsflughafen setzt das Wetterchaos ein und der Flieger kreist über 1 Stunde über dem Ankunftsort. Nach zwei erfolglosen Landeversuchen dreht der Flieger ab und die Passagiere werden darüber informiert, dass eine Landung auf einem hunderte Kilometer entfernten Flughafen erfolgt.

Dort angekommen erhält Frau X an Board die Mitteilung, dass Taxen die Passagiere an den Bestimmungsort fahren. Hierzu erhalten alle Passagiere seitens des Luftfahrtunternehmens einen Voucher. Die Taxen fahren in Richtung des Bestimmungsortes und gelangen ebenso in das Unwetter, weshalb die Fahrt nochmals mehrere Stunden benötigt. Um 3.30 Uhr trifft Frau X dann nach 7 Stunden Nettozeit - anstelle 1 Stunde - am Bestimmungsort ein.
Es kam offenbar am Ankunftsflughafen zu einer Verspätung von über drei Stunden.

Früher war teilweise die Auffassung vertreten worden, dass es auf eine Abflugverspätung ankomme und nicht auf eine Ankunftsverspätung um Ausgleichsansprüche auszulösen.

Der bisher unterschiedlichen Behandlung dieser Frage an den Amtsgerichten ist jetzt der EuGH entgegengetreten (EuGH Urteil vom 26.02.2013, Az: C-F/11) und hat entschieden, dass es auf die Verspätung bei Ankunft am Zielflughafen ankommt.

Wäre der Flug normal verlaufen, wäre die Maschine sicherlich mit ca. einer Stunde Verspätung gelandet. Dieses hätte innerhalb der von der VO (EG) 261/2004 zulässigen Grenzen gelegen. Allerdings konnte die Maschine aufgrund eines Unwetters am Zielflughafen nicht landen. Dieses Unwetter ist als 'außergewöhnlicher Umstand' zu vertreten, wofür die Fluggesellschaft nichts kann, denn auf das Wetter hat die Airline keinen Einfluß.
Ein 'außergewöhnlicher Umstand' befreit die Airline von einer Ausgleichsleistung gem. Art. 5 VO (EG) 261/2004.
DEKAN hat geschrieben: Wie denken Sie, hätte Frau X angesichts der Fakten einen Anspruch auf Entschädigung?
Aufgrund des von mir oben Gesagten bezweifle ich einen solchen Anspruch auf eine Ausgleichsleistung nach der europ. Fluggastrechteverordnung.
Ich mache zwei Kampfsportarten: Ju-Jutsu und Jura. - Jura ist die schwierigere!
'Es sei nicht immer zu verlangen, „dass der Inhalt gesetzlicher Vorschriften dem Bürger grundsätzlich ohne Zuhilfenahme juristischer Fachkunde erkennbar sein muss“.' (BVerfG)

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