kurzfristiger Reisestorno durch Pauschalreiseveranstalter

Reisevertragsrecht, Reisevermittlungsrecht, Reiseversicherungsrecht, Luft-, Bus-, Bahn- und Schiffsbeförderungsrecht

Moderator: FDR-Team

Antworten
minnimaus
Topicstarter
noch neu hier
Beiträge: 1
Registriert: 12.03.15, 15:06

kurzfristiger Reisestorno durch Pauschalreiseveranstalter

Beitrag von minnimaus » 12.03.15, 15:13

Eine Pauschalreise wurde gebucht. 4 Wochen vor Beginn der Reise wurden die Reiseunterlagen zugesandt, einschliesslich der Flugbuchungsreferenz und dem Namen des Reiseleiters.
11 Tage vor Beginn der Reise wird die Reise per e-mail abgesagt. Begründung: Der Reiseleiter einer 2 Tage später stattfindenden Reise ist erkrankt. Der Reiseleiter der vom Kunden gebuchten Reise wird die andere Reise übernehmen, da sie mehr Teilnehmer umfasst um, wie es heisst, den größtmöglichen Schaden für das Unternehmen abzuwenden.
In den AGB ist solch ein Fall nicht vorgesehen. Diese enthalten lediglich Bestimmungen zur Zahlung des Reisepreises 30 Tage vor Reisebeginn nach Übergabe eines Sicherungsscheins; der Rücktrittserklärung, die dem Veranstalter schriftlich unter Angabe der Buchungsnummer mitgeteilt werden muss und den entstehenden Aufwands- und Ausfallsentschädigungen hierdurch und den Bezahlungsmitteln.

Wie ist die Rechtslage? (Zulässigkeit der Absage? Kundenrechte? Schadensersatz?)

Newbie2007
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 4087
Registriert: 05.02.07, 15:08

Re: kurzfristiger Reisestorno durch Pauschalreiseveranstalte

Beitrag von Newbie2007 » 12.03.15, 16:17

minnimaus hat geschrieben:Der Reiseleiter der vom Kunden gebuchten Reise wird die andere Reise übernehmen, da sie mehr Teilnehmer umfasst um, wie es heisst, den größtmöglichen Schaden für das Unternehmen abzuwenden.
Mit anderen Worten, die Reise fällt nicht wegen "höherer Gewalt" aus, sondern aufgrund einer durch wirtschaftliche Interessen bestimmten Entscheidung des Veranstalters.

§651f Abs. 2 BGB:
Wird die Reise vereitelt oder erheblich beeinträchtigt, so kann der Reisende auch wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit eine angemessene Entschädigung in Geld verlangen.
Im Urteil des AG Wiesbaden, 07.08.2014 - 91 C 295/14 wurde dem Opfer einer derartigen Absage eine Entschädigung in Höhe von 50% des Reisepreises zugesprochen (zusätzlich zur Erstattung des Reisepreises), wobei dort die Reise schon frühzeitig (mehr als 6 Monate vorher!) storniert wurde,

klausschlesinger
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 225
Registriert: 21.06.12, 16:23
Kontaktdaten:

Re: kurzfristiger Reisestorno durch Pauschalreiseveranstalte

Beitrag von klausschlesinger » 14.03.15, 05:41

'Der Reiseveranstalter darf nach dem geltenden Reiserecht die Reise in folgenden drei Gründen absagen:
1. die Durchführung der Reise wird erheblich erschwert, weil ein Fall von höherer Gewalt vorliegt (vgl. § 651j BGB)
2. der Veranstalter hat sich den Rücktritt im Vertrag vorbehalten (Hier muss der genaue Rücktrittsgrund im Vertrag angegeben sein , z.B. Nichterreichen der Teilnehmerzahl u.s.w.) (vgl. § 651a BGB in Verbindung mit § 4 Abs. 1 Nr. 7 BGB-InfoV) oder
3.bei Verzug des Reisenden mit der Zahlung des Reisepreises, aber erst nach einer Fristsetzung durch den Veranstalter.' Quelle: http://www.recht-im-tourismus.de/Tipps/ ... ckVor.html

Wenn ein Reiseleiter erkrankt bzw. anders eingesetzt vom Reiseveranstalter eingesetzt wird, ist dies kein Fall höherer Gewalt. Dies fällt einzig und alleine in die Risikospähre des Reiseveranstalters.

Ein gesetzlich zulässiger Rücktrittsgrund ist dem Sachverhalt nicht zu entnehmen.

Im Falle des unzulässigen Rücktritts vom Reisevertrag durch den Reiseveranstalter hat der Kunde das Recht auf
-Erstattung des bereits bezahlten Reisepreises und
-Schadenersatz gem. § 651f BGB (im Volksmund: 'entgangene Urlaubsfreuden'/'nutzlos aufgewandte Urlaubszeit'):
§ 651f BGB -Schadensersatz-
(1) Der Reisende kann unbeschadet der Minderung oder der Kündigung Schadensersatz wegen Nichterfüllung verlangen, es sei denn, der Mangel der Reise beruht auf einem Umstand, den der Reiseveranstalter nicht zu vertreten hat.
(2) Wird die Reise vereitelt oder erheblich beeinträchtigt, so kann der Reisende auch wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit eine angemessene Entschädigung in Geld verlangen.

'Für die Höhe der Entschädigung wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit darf das Arbeitseinkommen nicht zum Maßstab genommen werden, wohl aber der Reisepreis (Aufgabe von BGHZ 63, 101 ff.; 77, 120 f.). Quelle: http://lorenz.userweb.mwn.de/urteile/njw05_1047.htm

'Hinsichtlich der Berechnung der Entschädigung wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit ist auf den Reisepreis des einzelnen Reisenden abzustellen, der die Entschädigung geltend macht.
Ein fünfjähriges Kind kann einen Anspruch auf eine Entschädigung wegen entgangener Urlaubsfreude haben. Dagegen steht Kleinkindern im Alter von 2 oder 3 Jahren kein entsprechender Anspruch LG Frankfurt a. M., Urt. v. 6.1.2011 – 2-24 S 61/10 (AG Bad Homburg v.d.H.)
LG Frankfurt a. M., Urt. v. 6.1.2011 – 2-24 S 61/10 (AG Bad Homburg v.d.H.)' Quelle: http://www.ronald-schmid.de/entschadigu ... ssung.html
Ich mache zwei Kampfsportarten: Ju-Jutsu und Jura. - Jura ist die schwierigere!
'Es sei nicht immer zu verlangen, „dass der Inhalt gesetzlicher Vorschriften dem Bürger grundsätzlich ohne Zuhilfenahme juristischer Fachkunde erkennbar sein muss“.' (BVerfG)

Antworten