Flugannulierung durch Streik in einem "Überflug-Land"

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jule_w
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Flugannulierung durch Streik in einem "Überflug-Land"

Beitrag von jule_w » 15.10.17, 16:03

Hallo Community,
folgender theoretischer Fall steht zur Disskussion :

Rückflug nach einer Städtereise steht bevor (nehmen wir an, an einem Dienstag).
Im Taxi zum Flughafen erfährt der Passagier, dass sein Flug gecancelt wurde. Grund ist ein Fluglotsenstreik im Nachbarland, welches überflogen werden muss.
Im Flughafen gibt es keinen Serviceschalter der Airline, alles wird von einem Service-Dienstleister geregelt. Nach 6 Stunden in der Warteschlange (ohne jegliche "Betreuung" / Kontakt durch Airline-Mitarbeiter bekommt man´einen Ersatzflug am Freitag sowie eine Hotelzuweisung, die aber aufgrund fehlerhafter Buchung / fehlendem Transfer eine Stunde später gecancelt wird und es dann weit nach Mitternacht einen Sammeltransport in ein Hotel außerhalb der Stadt gibt.

In Eigeninitiative (Telefonat mit deutschem Airline-Kontakt = Auslandstelefonat) erreicht man am Folgetag eine Umbuchung auf Donnerstag.
Das Ausweich-Hotel wurde (erfährt man am Mittwoch früh im Hotel) nur für eine Nacht gebucht, man hat die Wahl zwischen Auschecken und Verlängerung auf eigene Kosten.

Welche Möglichkeiten hat man als Passagier, seine entstandenen Kosten der Airline in Rechnung zu stellen ?

Meiner Einschätzung nach sollten folgende Kosten von der Airline übernommen werden :
- Verpflegung am Abflugtag während der Wartezeit am Servicepoint
- Verpflegung am Verlängerungstag
- angemessene Ausgaben für notwendige Klamotten durch 2 weitere Aufenthalts-Tage (Ursprungsreise war 5 Tage mit Handgepäck, damit war die Wäsche "abgezählt")
- Taxi-Kosten am Abreisetag zum Airport

Entschädigung aufgrund EU-Fluggastrechtsverordnung steht ja vermutlich nicht zu (oder macht es einen Unterschied, weil der Streik ja nur im Nachbarland war ?)...

Wie ist Eure Einschätzung des Falls ?

Vielen Dank im Voraus,
Jule

klausschlesinger
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Re: Flugannulierung durch Streik in einem "Überflug-Land"

Beitrag von klausschlesinger » 15.10.17, 19:24

Nachfragen an den Threadeinsteller

Was heißt 'Städtereise'? (-Selbst organisierte Nur-Flugbuchung mit selbst organisierter Hotelbuchung oder -eine klassische 'Städtereise' im Rahmen einer Pauschalreisebuchung unter der Verantwortlichkeit eines Reiseveranstalters?)
Ich mache zwei Kampfsportarten: Ju-Jutsu und Jura. - Jura ist die schwierigere!
'Es sei nicht immer zu verlangen, „dass der Inhalt gesetzlicher Vorschriften dem Bürger grundsätzlich ohne Zuhilfenahme juristischer Fachkunde erkennbar sein muss“.' (BVerfG)

jule_w
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Re: Flugannulierung durch Streik in einem "Überflug-Land"

Beitrag von jule_w » 15.10.17, 21:36

Städtereise heisst in dem Fall, alles selbstorganisiert (ohne Reiseveranstalter). Flug wurde direkt bei der Airline gebucht. Hotel über eines der üblichen Portale. -> also keine Pauschalreise

klausschlesinger
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Re: Flugannulierung durch Streik in einem "Überflug-Land"

Beitrag von klausschlesinger » 15.10.17, 23:45

Das Problem:
'Wer dieser Tage innerhalb von Europa fliegt, sollte besser viel Zeit einplanen. Der Streik der Fluglotsen in Frankreich hat erhebliche Auswirkungen auf den europäischen Luftverkehr. Denn nicht nur die in Frankreich startenden und landenden Flüge sind betroffen, sondern auch Überflüge über das Land.

Die Folge: Auch wer gar nicht Frankreich startet und landet, ist unter Umständen betroffen – etwa mit heftigen Verspätungen. Wer zum Beispiel in den kommenden Tagen von Barcelona nach London will, muss einen erheblichen Umweg in Kauf nehmen. Der Pilot muss den gesamten französischen Luftraum umfliegen und einen großen Bogen über den Atlantik drehen.

Die dadurch entstehende Verspätung von etwa 50 Minuten ist auf den ersten Blick vielleicht noch verkraftbar. Das Problem: Das Flugzeug wird schon verspätet in Barcelona starten, denn es musste schon auf dem Hinweg den französischen Luftraum umfliegen – dieses Mal über Deutschland. Am Ende eines Tages kann sich dadurch eine Verspätung von bis zu fünf Stunden aufbauen.' Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen ... 82940.html

Streik, auch in einem 'nur' überflogenen Land, ist als 'außergewöhnlicher Umstand' (im Volksmund: 'höhere Gewalt') im Sinne des Art 5 VO (EG) 261/2004, der sogen. 'Europ. Fluggastrechteverordnung' zu werten. Dies hat zur Folge, daß die Airline von der Zahlung einer entfernungs- und verspätungsabhängigen Ausgleichsleistung als pauschalen Schadenersatz zwischen EUR 125,- und EUR 600,- befreit ist.

Jedoch hat die Airline den Passagier weiterhin -auch bei 'außergewöhnlichen Umständen'(!)- zu 'betreuen' Dazu:

Art. 9 Abs. 1 u. 2 VO (EG) 261/2004 - Anspruch auf Betreuungsleistungen.
(1) Wird auf diesen Artikel Bezug genommen, so sind Fluggästen folgende Leistungen unentgeltlich anzubieten:
a) Mahlzeiten und Erfrischungen in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit,
b) Hotelunterbringung, falls
– ein Aufenthalt von einer Nacht oder mehreren Nächten notwendig ist

oder
– ein Aufenthalt zusätzlich zu dem vom Fluggast beabsichtigten Aufenthalt
notwendig ist,
c) Beförderung zwischen dem Flughafen und dem Ort der Unterbringung
(Hotel oder Sonstiges).
(2) Außerdem wird den Fluggästen angeboten, unentgeltlich zwei Telefongespräche zu führen oder zwei Telexe oder Telefaxe oder E-Mails zu versenden.


jule_w hat geschrieben: Meiner Einschätzung nach sollten folgende Kosten von der Airline übernommen werden :
- ...
- ...
- angemessene Ausgaben für notwendige Klamotten durch 2 weitere Aufenthalts-Tage (Ursprungsreise war 5 Tage mit Handgepäck, damit war die Wäsche "abgezählt")
-...

Der Passagier hat keinen Anspruch auf Wäscheersatz.
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