Sozialhilfe für Obdachlose?

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Moderator: FDR-Team

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Tjeridan
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Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von Tjeridan »

Hallo, ich habe viel Kontakt mit Obdachlosen in Berlin. Ich höre immer wieder:

1. Weil ich obdachlos bin, habe ich keinen festen Wohnsitz, ohne festen Wohnsitz bekomme ich keine Sozialleistungen
2. Ich war schon beim Sozialamt, die Bearbeiterin hat gesagt ich soll in zwei Wochen wieder kommen, aber Geld habe ich dort nicht bekommen

Ich halte es für ausgeschlossen, dass Obdachlose keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben sollen. Nur wie können sie diesen umsetzen? Viele der Menschen die ich kenne sind überhaupt nicht mehr in der Lage Termine einhalten zu können, sie haben auch keinen Zugang zum Internet, sie schlafen in Banken, Bahnhöfen oder unter Brücken. Sie sind auch sehr stark in ihrer Mobilität eingeschränkt, werden aus Bussen und Bahnen verwiesen und können aufgrund offener Beine nicht laufen. Haben keine Kleidung, keine Schlafsäcke, nichts zu essen und überleben gerade so indem sie sich ein paar Euros erbetteln oder Lebensmitteln aus Mülleimer sammeln.

Kennt jemand dazu die momentane Rechtslage in Berlin? Wo muss ein Obdachloser hin, wenn er sofort und heute noch Geld benötigt zum überleben? Und was macht er, wenn er keine Ausweispapiere mehr hat? Ist dies ein Hindernisgrund?
Toleranz sollte immer vom eigenen Willen getragen werden. Aufgezwungene Toleranz ohne Aufbegehren ist Feigheit. Anerkennung nur allein der Toleranz wegen ist Gleichgültigkeit.
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webelch
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Re: Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von webelch »

so wie ich mich gerade - zugegeben kurz - eingelesen habe, gibt es natürlich auch für diesen personenkreis hilfe. allerdings stellt man wohl gerade in berlin darauf ab, dass obdachlose in einer der unterkünfte unterkommen und dann darüber postalisch erreichbar sind. auch ein ausweis gehört dazu. wenn man ihre schilderungen ernst nimmt, dass es menschen unter brücken gibt, die noch nicht mal mehr laufen können, scheint mir der sanfte zwang zur unterkunft durchaus berechtigt. in akuten notlagen helfen entsprechende karitative einrichtungen oder auch die bahnhofsmission.

Oktavia
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Re: Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von Oktavia »

webelch hat geschrieben:wenn man ihre schilderungen ernst nimmt, dass es menschen unter brücken gibt, die noch nicht mal mehr laufen können, scheint mir der sanfte zwang zur unterkunft durchaus berechtigt.
Dazu muss man allerdings wissen, dass diese Unterkünfte so gestaltet sind dass die Obdachlosen dort ziemlich ungeschützt sind. Viele werden der wenigen Habseligkeiten beraubt die sie noch haben und manche werden von anderen zusammengeschlagen.
Da werden z.B. völlig fremde Männer zu mehreren in Zimmern zusammengebracht. Sie dürfen in den meissten Fällen dort übernachten und müssen dann wieder raus. Oft sind alle sternhagelvoll und tragen Ungeziefer mit sich rum (was sich nicht vermeiden lässt).
Ansetzen müsste man da woanders aber es ist schwer an die Leute ranzukommen und ihnen effektiv zu helfen. Der Alkohol hilft die Lage zu überleben, er verhindert dass die Menschen da wieder raus kommen. Sie haben keine Ziele mehr und nichts was erstrebenswert ist.
Medizinische Hilfe und realistische Hoffnungen, damit könnte man die Leute weiterbringen. Selbstverständlich gehört auch Respekt dazu.
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George Bernard Shaw

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Tjeridan
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Re: Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von Tjeridan »

Also bezüglich der Notunterkünfte sind mir die gleichen von Oktavia geschilderten Probleme bekannt. Zudem sind diese auch vollkommen überbelegt. Viele Obdachlose wollen dort auch gar nicht hin, weil sie es dort entwürdigend und auch gefährlich empfinden. Andere sind einfach nicht in der Lage dort hinzukommen. So wurde mir zum Beispiel gesagt, diese oder jene Unterkunft hat nur bis 22.00 Uhr oder 23.00 Uhr Einlass, danach ist die Tür verschlossen. Und morgens um 08.00 Uhr werden die Leute dann wieder vor die Tür gesetzt. Vielen Leuten fällt es aber sehr schwer überhaupt ihre Zeit zu planen. Manche wissen nicht einmal ob es Tag oder Nacht ist. Auch habe ich schon mehrmals gesagt bekommen, dass man maximal drei Tage hintereinander dort übernachten dürfe, warum auch immer.

Aber die Notunterkunft, unabhängig ob sie denn nun genutzt wird oder nicht, ist auch eigentlich irrelevant. Denn dort können die Obdachlosen zwar übernachten, sie können dort aber nicht ihren Wohnsitz anmelden / eintragen lassen.

Die Frage ist halt, wie sie an den ihnen zustehenden Tagesatz und zusätzlichen finanziellen Hilfen kommen können, um sich Essen, Kleidung und zum Beispiel Unterkunft in einer billigen Pension kaufen können, ohne sich an Hilfsorganisationen wenden zu müssen. Denn der Anspruch besteht ja an den Staat, der kann seine Verantwortung nicht einfach an die Bahnhofsmission abtreten.

Hätten die Menschen eine Wohnung könnten sie ja einen Hartz 4 Antrag stellen. Ohne Wohnung werden sie beim Jobcenter jedoch abgewiesen.
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nordlicht02
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Re: Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von nordlicht02 »

Es gibt in allen größeren Städten - sei es in Kiel, in Hamburg, Köln, München, Düsseldorf etc. pp. sowie auch und gerade in Berlin - Hilfsangebote für Obdachlose. Sie müssen nur angenommen werden.
Kleidung und Schlafsäcke gibt es für Betroffene normalerweise kostenlos; Frühstück und warmes Mittagessen für wenig Geld; die meisten Einrichtungen arbeiten mit Medizinern zusammen, welche ehrenamtlich und kostenfrei behandeln und auch ein Internetzugang für Betroffene ist i. d. R. vorhanden, ebenso wie die Möglichkeit zum Duschen und Wäsche waschen. Und auch Notschlafplätze sind meist ausreichend vorhanden und werden im Winter in fast allen Städten aufgestockt. Richtig ist, dass diese aus den von Oktavia genannten Gründen oftmals nicht angenommen werden und Betroffene lieber freiwillig "Platte" machen.
Ansprechpartner in Berlin wäre unter anderem der mob e.V.. Und so wie auch dort sind die Hilfsangebote meist bei den jeweiligen Straßenmagazinen zu finden oder die Betroffenen werden von dort an die richtigen Organisationen weitergeleitet.
Auch die postalische Erreichbarkeit ist dort meist gewährleistet und viele der Organisationen haben einen niedrigschwelligen Sozialdienst, der auch dafür Sorge trägt, dass Betroffene die Ihnen zustehenden Sozialleitungen erhalten.
„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ (Hanns Joachim Friedrichs)

Charon-
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Re: Sozialhilfe für Obdachlose?

Beitrag von Charon- »

Tjerdan hat geschrieben:Ohne Wohnung werden sie beim Jobcenter jedoch abgewiesen.
Das ist aber rechtswidrig. Das SGB II sieht sogar eigens die Zuständigkeit für Obdachlose vor:

§ 36 SGB II
"Kann ein gewöhnlicher Aufenthaltsort nicht festgestellt werden, so ist der Träger nach diesem Buch örtlich zuständig, in dessen Bereich sich die oder der erwerbsfähige Leistungsberechtigte tatsächlich aufhält."

In der Verwaltungspraxis zahlen die JC meistens Leistungen per Scheck oder vergleichbaren Mitteln (Zahlkarten) aus, da die Betroffenen zumeist kein Konto haben. Gibt dann eben nur Geld für einen oder mehrere Tage, nicht für den ganzen Monat.
Um der allgemeinen Sprachverwirrung des Siezens entgegenzuwirken, biete ich jedem Nutzer das dänische Umgangsduzen an.

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