Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Arbeitslosengeld, Arbeitslosengeld II, Berufsgenossenschaften, Renten, Schwerbehinderung ,Kranken- und Pflegeversicherung

Moderator: FDR-Team

T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

hallo,

da ich selber Freiberufler bin, lese ich oft in Foren für Selbständige. Da wird in letzter Zeit gerade vor 2 Szenarien immer wieder Panik geschürt: 1. Rentenversicherungspflicht wird, auch rückwirkend über Jahre, festgestellt; 2. das Vertragsverhältnis zum Hauptkunden wird als Scheinselbständigkeit, ebenfalls rückwirkend, eingestuft.

Meine Argumente dagegen:
  1. Rentenversicherungspflicht: Ggf. fallen hier nachträglich hohe Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung an, von denen auch der Arbeitgeberanteil (weil selbständig) gezahlt werden muss. ABER: Man hat dann doch auch alle Vorteile einer Einzahlung, als ob man regulär die ganze Zeit eingezahlt hätte, oder? D. h. man kriegt im Alter eine gesetzliche Rente, die ja nicht VÖLLIG verkehrt ist. Es klingt dagegen immer so, als sei das Geld einfach weg.
  2. Scheinselbständigkeit: Ist ja noch besser! Nachträgliche Zahlung hoher Beträge, ABER der Hauptkunde zahlt Arbeitgeberanteil von Rentenversicherung und Krankenversicherung! Arbeitgeberanteil KV sind immerhin über 300 € / Monat, rückwirkend ggf. für viele Jahre. Rentenversicherung ist hier sogar sehr lukrativ, weil im Gegensatz zu 1 nur der Arbeitnehmeranteil eingezahlt wird.
Stimmt meine Argumentation, oder gibt es doch einen Haken?
FM
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20047
Registriert: 05.12.04, 16:06

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von FM »

Bei Variante 2 zahlt der Arbeitgeber die kompletten Beiträge alleine für meist bis zu 5 Jahre. Der Arbeitnehmer kann meist nur für 3 Monate beteiligt werden.
T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

Danke für diesen Hinweis.

Habe ich das richtig verstanden?

Klaus arbeitet seit Jahren als Selbständiger für Kunden X. Es wird festgestellt, dass es sich um eine Scheinselbständigkeit handelt, weil er weisungsgebunden ist und genau wie die fest Angestellten behandelt wird. Allerdings erhält er ca. 5500 - 6500 € pro Monat (Rechnung mit Stundensatz), während Angestellte 4000 € erhalten. Das wurde darin begründet, dass er sich selbst um Rentenversicherung, Krankenversicherung usw. kümmern muss.

Nun müsste der "Kunde/Arbeitgeber" X rückwirkend ab "Projektbeginn/Einstellung" KV-Beiträge in die GKV an Klaus erstatten, sowie für ihn in die Rentenkasse rückwirkend einzahlen? Obwohl der Stundensatz so ausgelegt war, dass Klaus dafür selber genug Geld hatte?

Das wäre ja für Klaus noch besser als ich dachte, und für Firma X eine Katastrophe!

Dann ist doch eigentlich jegliche Sorge für eine rückwirkende Feststellung der Scheinselbständigkeit beim "Kunden/Arbeitgeber"?
Old Piper
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 4215
Registriert: 14.09.04, 08:10

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von Old Piper »

Es kann durchaus passieren, dass im Rahmen eines Statusfeststellungsverfahrens oder einer Betriebsprüfung festgestellt wird, dass es sich bei der Tätigkeit von Klaus bei der Fa. X um eine abhängige Beschäftigung handelt. In diesem Fall hat der Arbeitgeber für die komplette Beitragszahlung geradezustehen und kann die Arbeitnehmeranteile vom Arbeitnehmer nur für die letzten 2 Monate einfordern.

Häufiger kommt es jedoch vor, dass bei einem Selbständigen Versicherungspflicht nach § 2 Nr. 9 SGB VI (--> Selbständige mit nur einem Auftraggeber) festgestellt wird. Das hat aber nichts mit "Scheinselbständigkeit" zu tun.
MfG
Old Piper
_____________________
Behörden- und Gerichtsentscheidungen sind zwar oft recht mäßig, aber meistens rechtmäßig.
T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

Old Piper hat geschrieben:Häufiger kommt es jedoch vor, dass bei einem Selbständigen Versicherungspflicht nach § 2 Nr. 9 SGB VI (--> Selbständige mit nur einem Auftraggeber) festgestellt wird. Das hat aber nichts mit "Scheinselbständigkeit" zu tun.
Genau, mein Fall 1. Aber dann ist das Geld doch auch nicht weg, sondern es gibt als Gegenleistung später Rentenansprüche in entsprechender Höhe, oder?
FM
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20047
Registriert: 05.12.04, 16:06

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von FM »

Wenn der Versicherte den Regelbeitrag zahlt, etwa 580 Euro, wären das im Jahr knapp 7000 euro. Für 1.000 Euro Beitrag bekommt man 4,43 Euro Monatsrente, hier also je Jahr 53 Euro.

7000/53 = 132; der Versicherte benötigt also 11 Jahre Rentenbezug, um das Geld wieder zurückzubekommen. D.h. im Fall der Regelaltersrente müsste er mindestens 78 Jahre alt werden, damit er einen Gewinn hat. Aber er hat natürlich zusätzlich den Anspruch auf Absicherung bei Erwerbsminderung und auf Rehabilitation.

Daten aus: https://www.deutsche-rentenversicherung ... nFile&v=19
FM
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20047
Registriert: 05.12.04, 16:06

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von FM »

T hat geschrieben: Nun müsste der "Kunde/Arbeitgeber" X rückwirkend ab "Projektbeginn/Einstellung" KV-Beiträge in die GKV an Klaus erstatten, sowie für ihn in die Rentenkasse rückwirkend einzahlen?
Kranken- und Pflegeversicherung nicht, da über der Jahresarbeitsentgeltgrenze.
T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

Danke auch für diese Ausführung; die genaue Berechnung war mir nicht bekannt. Grob kam ich allerdings schon einmal zu der Vereinfachung, dass freiwillige gesetzliche Rente für Selbständige sich grob gerechnet bei normaler Lebenserwartung auszahlt. D. h. weder extrem gut noch extrem schlecht im Vergleich zu einer 100 % privaten Vorsorge ist.

Stimmt übrigens auch meine Schlussfolgerung, dass freiwillige gesetzliche Rente als Selbständiger sogar äußerst lukrativ ist, wenn der Ehepartner erwartungsgemäß wegen Altersunterschieds deutlich länger (10 - 20 Jahre) lebt? Schon bei 10 Jahren Unterschied in der Lebenserwartung dürfte die gesetzliche Rente doch kaum noch zu schlagen sein, oder?

Beispiel: Ehemann erreicht genau die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer; die 10 Jahre jüngere Frau erreicht genau die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen. Das wären dann zusätzlich mehr als 10 Jahre mit 55 % Bezug.

Irgendwie bin ich vom rechtlichen Aspekt abgekommen.

Die Jahresarbeitsentgeltgrenze kannte ich bisher nur als Kriterium, ab wann für Arbeitnehmer die Möglichkeit besteht, sich privat zu versichern. Dass der Arbeitgeberanteil nicht mehr vom Arbeitgeber gezahlt wird, wenn der Arbeitnehmer freiwillig in der GKV bleibt, ist mir neu. Wo steht das?
Old Piper
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 4215
Registriert: 14.09.04, 08:10

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von Old Piper »

T hat geschrieben:Beispiel: Ehemann erreicht genau die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer; die 10 Jahre jüngere Frau erreicht genau die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen. Das wären dann zusätzlich mehr als 10 Jahre mit 55 % Bezug.
Kommt drauf an, was die Witwe für eigenes Einkommen hat --> § 97 SGB VI
MfG
Old Piper
_____________________
Behörden- und Gerichtsentscheidungen sind zwar oft recht mäßig, aber meistens rechtmäßig.
T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

Old Piper hat geschrieben:Kommt drauf an, was die Witwe für eigenes Einkommen hat --> § 97 SGB VI
Oh danke, war mir völlig neu!
RHW
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 229
Registriert: 24.05.10, 00:16

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von RHW »

Hallo T,

wenn ein Arbeitnehmer nur wegen der Überschreitung der Jahresarbeitsentgeltgrenze versicherungsfrei ist, hat der Arbeitgeber nach § 257 SGB V und § 61 SGB XI einen Beitragszuschuss zu zahlen. Wenn der Betrag nach diesen beiden Paragraphen nicht überschritten wird, ist der Zuschuss steuer- und beitrsgsfrei.

Gruß
RHW
FM
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20047
Registriert: 05.12.04, 16:06

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von FM »

RHW hat geschrieben: wenn ein Arbeitnehmer nur wegen der Überschreitung der Jahresarbeitsentgeltgrenze versicherungsfrei ist, hat der Arbeitgeber nach § 257 SGB V und § 61 SGB XI einen Beitragszuschuss zu zahlen. Wenn der Betrag nach diesen beiden Paragraphen nicht überschritten wird, ist der Zuschuss steuer- und beitrsgsfrei.
Das bringt in diesem Fall aber deutlich weniger, da der Versicherte selbst Beitragsschuldner ist. Als Pflichtversicherter würde er sich auch den Eigenanteil ersparen (ausgenommen drei Monate).
T
Topicstarter
FDR-Mitglied
Beiträge: 72
Registriert: 16.09.04, 17:27

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von T »

Danke für alle Antworten!

Letzte Zusammenfassung: Es ist komplex und von der genauen Situation abhängig, wer wie viel an wen nachzahlt. Aber in jedem Fall sind Nachzahlungen nicht einfach verloren, sondern führen zu den gleichen Ansprüchen, als wenn diese rechtzeitig gezahlt worden wären. Das gilt für nachträglich festgestellte Rentenversicherungspflicht sowie auch rückwirkend festgestellte Scheinselbständigkeit.
SusanneBerlin
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 16199
Registriert: 05.11.12, 13:35

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von SusanneBerlin »

Aber in jedem Fall sind Nachzahlungen nicht einfach verloren, sondern führen zu den gleichen Ansprüchen, als wenn diese rechtzeitig gezahlt worden wären.
Ja sicher, die Nachzahlung der Rentenversicherungsbeiträge ist keine Strafzahlung, sondern hat dieselbe Wirkung wie eine rechtzeitige Zahlung.

Wobei auch eine "rechtzeitige Zahlung" nicht in jedem Fall zu einem Bezugsrecht führt. Es müssen nämlich mindestens 60 Pflichtbeiträge (d. h. 5 Jahre) Einzahlungen erfolgen um eine Altersrente zu erhalten. Wobei Kindererziehungszeiten mit 12 oder 24 Monaten (abhängig vom Geburtsjahr des Kindes) angerechnet werden.

Hat man also beim Erreichen des Regelaltersgrenze weniger als 60 beitragspflichtige Einzahlungsmonate auf dem Rentenkonto, dann sind die Einzahlungen verloren, man bekommt keine Altersrente.
Grüße, Susanne
SusanneBerlin
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 16199
Registriert: 05.11.12, 13:35

Re: Rentennachzahlung freiberuflich gar nicht so schlecht?

Beitrag von SusanneBerlin »

FM hat geschrieben:Wenn der Versicherte den Regelbeitrag zahlt, etwa 580 Euro, wären das im Jahr knapp 7000 euro. Für 1.000 Euro Beitrag bekommt man 4,43 Euro Monatsrente, hier also je Jahr 53 Euro.

7000/53 = 132; der Versicherte benötigt also 11 Jahre Rentenbezug, um das Geld wieder zurückzubekommen. D.h. im Fall der Regelaltersrente müsste er mindestens 78 Jahre alt werden, damit er einen Gewinn hat.
Hallo FM,
die Rechnung verstehe ich nicht.

Ich würde so rechnen: 7000€ Einzahlung ergibt 7*53€ = 371€ Jahresrente. 7000/371 = 18,87

Er müsste nach meiner Rechnung 19 Jahre lang Rente beziehen, um das eingezahlte Geld wieder raus zu bekommen, also mindestens 86 Jahre alt werden.
Grüße, Susanne
Antworten