Wiederholung der zweiten Klasse

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Doreen_72
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Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Doreen_72 » 16.12.17, 23:15

Guten Abend.
Folgende Situation: unsere dritte Tochter wurde mit noch fünf Jahren in NRW eingeschult. Aufgrund ihres jungen Alters hat sie nun im zweiten Schuljahr einige Wahrnehmungs- und Leistungsprobleme. Wir (Eltern) sind beide Förderschullehrer und haben bereits zwei Kinder am Gymnasium und können ganz gut beurteilen, dass es der Kleinen gut täte, freiwillig noch mal das zweite Schuljahr zu machen. Nun hörten wir, dass dies freiwillig gar nicht einfach geht, sondern wirklich mangelhafte Leistungen vorliegen müssen... und das Kind bereits in den Brunnen gefallen sein muss. Stimmt das, oder können Eltern in NRW den dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase entscheiden, ohne dass das Kind bereits mangelhafte Leistungen zeigte? Viele Grüße und danke fürs Lesen.
Wie ist denn hier wohl die Rechtslage?

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 17.12.17, 00:17

Hallo Doreen,
Doreen_72 hat geschrieben:Nun hörten wir, dass dies freiwillig gar nicht einfach geht, sondern wirklich mangelhafte Leistungen vorliegen müssen... und das Kind bereits in den Brunnen gefallen sein muss.
Rechtsgrundlage ist die Verordnung über den Bildungsgang in der Grundschule (Ausbildungsordnung Grundschule – AO-GS)

Es gibt vielerlei Bestrebungen, das Sitzenbleiben aufgrund schlechter Noten insbesondere in Grundschulen seltener zu machen oder gar ganz abzuschaffen (schöne Übersicht: Wandel im Schulrecht: Alternativen zur Nichtversetzung), siehe auch § 7 Absatz (2) Satz 1 der verlinkten Ausbildungsordnung.

Ein freiwilliger Wechsel in die nächstniedrigere Klasse zu Beginn des folgenden Schuljahrs sieht von weitem betrachtet zwar ziemlich gleich aus wie das Sitzenbleiben wegen schlechter Noten, ist aber etwas völlig anderes. Eine freiwillige Rückstufung ist m.E. unmittelbar nach den Sommerferien fast immer weniger traumatisch für Kinder als während des laufenden Schuljahres.

Der § 7 Absatz (3) Punkt 1. der Grundschul-Ausbildungsordnung ist leider sehr einseitig formuliert, so dass man tatsächlich auf den Gedanken kommen könnte, Eltern dürften nur beantragen, dass das Kind (ggf. trotz schlechter Noten) versetzt werden soll. Dem ist nicht so, die Eltern können genauso auch die freiwillige Wiederholung beantragen, hier ein entsprechender Beispieltext. Allerdings muss diesen Antrag der Schulleiter wohl alleine befürworten (ich habe keine genaueren Verfahrensvorschriften gefunden) und hat da nicht die Versetzungskonferenz als Rückgratstärker.

Sollte der Schulleiter Ihres Kinds den § 7 Abs. (3) Punkt 1. zu ungunsten des Kindes deuten, wäre meine Idee: Schildern Sie ihm Ihre Interpretation der Ausbildungsordnung und fragen ihn höflich, ob er sich selbst Rechtsauskunft bei der Schulaufsichtsbehörde holen möchte oder ob Sie das übernehmen sollen. Das ist viel besser, schneller und für alle Beteiligten vermutlich gesichtswahrender und nervenschonender als einen negativen schriftlichen Bescheid abzuwarten und dann erst förmlich Widerspruch einzulegen.

Schöne Grüße
Kurt

PS: Ich habe sehr gute Erfahrungen mit der Beratung durch Ärzte von Sozialpädiatrischen Zentren SPZ gemacht. Ist eines in Ihrer Nähe, hatten Sie schon Kontakt (Adressen bei http://www.dgspj.de/ rechts ziemlich weit oben, Wartezeit oft Monate)? Ein Dokument vom SPZ, das die freiwillige Wiederholung deutlich empfiehlt, wird ein Schulleiter nicht einfach übergehen können.
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

Doreen_72
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Doreen_72 » 17.12.17, 12:14

Danke Kurt. Was daran sehr unschön ist, dass alles so 'hochdramtisch' wird und es doch genau eigentlich nicht soll. Wir waren der Überzeugung, dass der dreijährige Verbleib in der Schuleingangsphase jedem Kind prinzipiell möglich sei.....wenn es denn Sinn macht. Nun denn...vielen Dank für die schnelle Antwort.
Gruß, Doreen

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 17.12.17, 18:25

Ich habe nur aus großer Entfernung die rechtliche Lage recherchiert. Die "flexible Schuleingangsphase"
https://de.wikipedia.org/wiki/Flexible_ ... gangsphase
gibt es in NRW seit 2005:
https://www.vbe-nrw.de/vbe_download/sh0505.pdf
Da sollten Anfangsschwierigkeiten sich eigentlich inzwischen zurechtgeruckelt haben.

Ob es wirklich "hochdramatisch" wird, weiß ich nicht. Da wird eine Rolle spielen, ob an der Schule jahrgangsübergreifender Unterricht praktiziert wird oder nicht. Außerdem kommt es wohl auch auf den einzelnen Schulleiter an.

Habt ihr denn schon mit den Klassenlehrer/innen über eure Einschätzung gesprochen?
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

Doreen_72
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Doreen_72 » 18.12.17, 08:24

Ja. Sie meinte, dass der Maus ein weiteres Jahr Kita gut getan hätte und dass sie deshalb sicher "mehr arbeiten müsse, um gut klar zu kommen". Etwas was mir bzw. uns schon total widerstrebt: in der Grundschule arbeiten zu müssen, um gut klar zu kommen. Unsere beiden Großen hätten eine tolle Grundschulzeit: unbeschwert, glücklich, haben ihre Hausaufgaben gemacht und waren dann fertig- so soll die Kleine es auch haben und nicht " viel arbeiten müssen" um ihr Potential zu zeigen. Nur, dass wir uns richtig verstehen: keineswegs erwarte ich, dass sie sich exakt wie ihre Geschwister entwickelt oder auf das Gymnasium MUSS. Sie soll jedoch die gleichen Chancen haben. Wir werden im neuen Jahr in Ruhe mit der Schule sprechen. LG und Danke.

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 18.12.17, 09:45

Sie meinte, dass der Maus ein weiteres Jahr Kita gut getan hätte und dass sie deshalb sicher "mehr arbeiten müsse, um gut klar zu kommen".
Wenn da jetzt als zweiter Satz von der Klassenlehrerin noch käme "Mit einer freiwilligen Wiederholung würde sie viel leichter gut klar kommen" und ich Schulleiter wäre, dann würde ich nicht zögern, den Antrag auf freiwillige Wiederholung zu genehmigen.

Bin ich aber nicht und ich habe ein Vorurteil gegen Lehrer (schon mal Entschuldigung, aber manche von meinen Vorurteilen werde ich einfach nicht los): Die bejammern gerne, was die Eltern angeblich alles falsch machen (insbesondere in der Vergangenheit, an der nichts mehr zu ändern ist, falsch gemacht haben), aber den richtigen Einsatz für die Kinder (für deren Zukunft, die man noch beeinflussen kann), den lassen sie manchmal vermissen.

Nur, dass wir uns richtig verstehen: keineswegs erwarte ich, dass sie sich exakt wie ihre Geschwister entwickelt oder auf das Gymnasium MUSS.
Danke. Ich hätte sonst mal nachgefragt, ob eines der gängigen Vorurteile gegen Eltern bei euch zutrifft. ;-)

Wir werden im neuen Jahr in Ruhe mit der Schule sprechen.
Guter Plan.

Schöne Grüße
Kurt

michael61s
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von michael61s » 18.12.17, 19:03

Kurt Knitz hat geschrieben:Der § 7 Absatz (3) Punkt 1. der Grundschul-Ausbildungsordnung ist leider sehr einseitig formuliert, so dass man tatsächlich auf den Gedanken kommen könnte, Eltern dürften nur beantragen, dass das Kind (ggf. trotz schlechter Noten) versetzt werden soll. Dem ist nicht so, die Eltern können genauso auch die freiwillige Wiederholung beantragen, hier ein entsprechender Beispieltext. Allerdings muss diesen Antrag der Schulleiter wohl alleine befürworten (ich habe keine genaueren Verfahrensvorschriften gefunden) und hat da nicht die Versetzungskonferenz als Rückgratstärker.
(3) Die Versetzungskonferenz beschließt nach Anhörung der Eltern
oder auf deren Antrag,
1. eine Schülerin oder einen Schüler vom ersten Schulbesuchsjahr
in die Klasse 3 zu versetzen, wenn sie oder er dafür geeignet ist,
2. dass eine Schülerin oder ein Schüler ein drittes Jahr in der
Schuleingangsphase verbleibt, wenn sie oder er noch nicht für
die Klasse 3 geeignet ist
.
Hier die VV zu §7(3)
7.3 zu Absatz 3
Der Beschluss, dass eine Schülerin oder ein Schüler ein drittes Jahr in der
Schuleingangsphase verbleibt, soll nicht vor dem zweiten Halbjahr des
zweiten Schulbesuchsjahres
getroffen werden

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 18.12.17, 21:00

Ok, da hatte ich nicht genau genug gelesen, danke für die Korrektur!

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 22.12.17, 12:35

Hier noch ein Link auf die VV zur AO-GS (mindestens auf dem Stand von 2014).

Doreen_72
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Doreen_72 » 22.12.17, 14:29

Vielen Dank.

Kurt Knitz
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von Kurt Knitz » 23.12.17, 08:20

Gerne. Wenn ihr Lehrer seid, müsstet ihr an eurer Schule eigentlich eine aktuelle Print-Version der Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften Nordrhein-Westfalen (BASS) haben:
Das Schulministerium NRW auf seiner [url=https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/Schulrecht/BASS-und-Amtsblatt/index.html]Homepage[/url] hat geschrieben: Amtsblatt und BASS stehen allen an der Schule Beteiligten, so auch den Eltern, in der Schulbibliothek zur Einsichtnahme oder zur Ausleihe zur Verfügung.
Die kostet im Einzelverkauf beim Ritterbach-Verlag auf seiner Homepage http://www.schul-welt.de 60,30 Euro und wenn man ein Jahres-Abo für 97 Euro bestellt, dann bekommt man eine solche Print-Ausgabe "geschenkt":
https://www.schul-welt.de/de/die-bass-a ... ement.html

In Baden-Württemberg gibt es eine ähnliche "Public-Private-Partnership" für den Vertrieb der Zeitschrift "Schule im Blickpunkt": Das Land bezahlt für jede/n Elternbeiratsvorsitzende/n an jeder Schule ein Exemplar, das dieser dann kostenlos zugeschickt bekommt. Andere Eltern können nicht das ganze Heft, aber einzelne Artikel auf der LEB-Homepage lesen und downloaden. Ganze Hefte oder Abos müssten sie selbst bezahlen.

Eigentlich bin ich der Ansicht, heutzutage sollten die Bundesländer die Schulrechts-Grundlagen einschließlich der Verwaltungsvorschriften komplett kostenlos (und übersichtlich geordnet!) im Internet veröffentlichen.


Nun ja. Jedenfalls: In NRW bekommen die Zweitklässler noch kein Halbjahreszeugnis mit Zahlennoten, demnach wird auch die Notenkonferenz=Versetzungskonferenz, die über eine freiwillige Wiederholung entscheidet, erst gegen Ende des Schuljahres routinemäßig zusammenkommen. Das Votum der Klassenlehrerin wird da für die anderen Lehrer am meisten Gewicht haben, aber letztendlich wird die Entscheidung mit einfacher Mehrheit getroffen. Die anderen Lehrer könnten also die Klassenlehrerin im Ausnahmefall auch überstimmen.
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

michael61s
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Re: Wiederholung der zweiten Klasse

Beitrag von michael61s » 30.12.17, 15:11

Kurt Knitz hat geschrieben:Wenn ihr Lehrer seid, müsstet ihr an eurer Schule eigentlich eine aktuelle Print-Version der Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften Nordrhein-Westfalen (BASS) haben:
Ja Kurt, das hat jede Schule in NRW.
Kurt Knitz hat geschrieben:Eigentlich bin ich der Ansicht, heutzutage sollten die Bundesländer die Schulrechts-Grundlagen einschließlich der Verwaltungsvorschriften komplett kostenlos (und übersichtlich geordnet!) im Internet veröffentlichen.
Das wäre schön.
Mehrer Lehrkräfte haben mir berichtet, das Schulrecht während der Ausbildung nicht vorkommt.
Und das merkt man auch im Gespräch mit Lehrkräften und Schulleitern.
Das Heft SchuleNRW wird ja auch rumgereicht, aber den Amtlichen Teil lesen die wenigsten.

Als ich das gelsen habe, war ich nicht verwundert über die Fragestellung.
Doreen_72 hat geschrieben: Wir (Eltern) sind beide Förderschullehrer
Übrigens, bei meiner BASS ist die Folie noch drum, da ich die BASS Online bevorzuge. Zumal dort Regelmäßig die Änderungen eingearbeitet werden, die im laufe des Jahres erfolgen.

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