Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

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SirFrancisDrake
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Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von SirFrancisDrake » 22.02.18, 11:16

Hallo,


folgender fiktiver Fall: in einer Grundschule (Bayern), 1. Klasse, werden Arbeitsblätter von den Schülern bearbeitet. Schüler, die vergessen, ihren Namen auf das Blatt zu schreiben, müssen fünf Kniebeugen machen. Bei wiederholtem vergessen müssen zehn Kniebeugen gemacht werden. Die betroffenen Schüler empfinden dies als Bloßstellung vor der Klasse, und berichten dies teilweise zuhause.

Die Lehrkraft argumentiert, dass es sich dabei nicht um eine Strafe, sondern um ein "Bewegungsspiel" handle, das der Auflockerung diene, und die Kniebeugen schließlich nicht vor der Tafel, sondern am Platz (jedoch vor den Mitschülern) zu machen seien. Die Schulleitung gibt an, diese Methode zwar selbst nicht im Unterricht anzuwenden, hat damit jedoch kein Problem.

Ein Schüler, der das "Bewegungsspiel" verweigerte, durfte nicht in die Pause gehen, sondern wurde, unter Spott einiger Mitschüler, am Arm wieder zurück ins Klassenzimmer gezogen. Die Lehrkraft argumentiert, dass sie ein Fehlverhalten nicht unsanktioniert lassen könne, und ein für die Mitschüler erkennbares Signal setzen müsse.

Der Schüler erhält eine Mitteilung an die Eltern, in der mitgeteilt wird, der Schüler folge nicht, verweigere die Mitarbeit z.B. bei Bewegungsspielen, und sei daher nicht in die Pause gelassen worden. Aus Angst und Scham lässt der Schüler die Mitteilung verschwinden und verheimlich den Vorfall seinen Eltern, worauf die Lehrkraft ihm droht, ohne unterschriebene Mitteilung erneut mit Entzug der Pause betraft zu werden.

In meinen Augen werden weder die Kniebeugen noch die Verweigerung der Pause zu einer geringeren Vergesslichkeit/höheren Konzentrationsfähigkeit führen. Vielleicht wären hier andere Spiele, Rituale, oder auch eine einfache Ansage wie "Bitte schreibt jetzt gleich den Namen auf Euer Blatt" geeigneter, als eine Konditionierung durch Strafe (die ja nur ein "Bewegungsspiel" sein soll). Zumal die Konditionierungsversuche nicht von Erfolg gekrönt zu sein scheinen.

Aber wie ist hier die Rechtslage?


Gruß
SFD

Pirate
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Pirate » 22.02.18, 12:33

SirFrancisDrake hat geschrieben:In meinen Augen werden weder die Kniebeugen (...) zu einer geringeren Vergesslichkeit/höheren Konzentrationsfähigkeit führen.
Bei einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung natürlich nicht, aber bei gesunden Kindern wird genau das dazu führen, besser aufzupassen. Wenn Du bei jedem Meeting, zu dem Du zu spät kommst, eine Runde Donuts spendieren musst, wird das Deine Zeitplanung verändern.

windalf
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von windalf » 22.02.18, 12:55

Hmm also bei der Bundeswehr musste der Ausbilder bei Anordnung solcher körperlicher Ertüchtigungen immer selbst mitmachen.
...fleißig wie zwei Weißbrote
0x2B | ~0x2B
Zitat Karsten: Das beweist vor Allem, dass es windalf auch nicht gibt.

SirFrancisDrake
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von SirFrancisDrake » 22.02.18, 19:12

Pirate hat geschrieben:Bei einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung natürlich nicht, aber bei gesunden Kindern wird genau das dazu führen, besser aufzupassen. Wenn Du bei jedem Meeting, zu dem Du zu spät kommst, eine Runde Donuts spendieren musst, wird das Deine Zeitplanung verändern.
Ich sehe da allerdings ein paar nicht ganz zu vernachlässigende Unterschiede:
- im Meeting sind Erwachsene, in der ersten Klasse sind Kinder, die gerade erst neben den fachlichen Inhalten schulische Regeln erlernen.
- die Donuts lockern die Runde tatsächlich auf, alle Beteiligten haben etwas davon, ohne dass jemand bierernst bloßgestellt würde.
- im Meeting "muss" ich nicht wirklich Donuts spendieren. Eine Weigerung führt nicht zu Pausenentzug oder sonstigen disziplinarischen Maßnahmen (bei uns - nebenbei - weigert sich der Abteilungsleiter, bei Verspätung das dafür vorgesehene Sparschwein zu füttern).
- in die Firma muss ich nicht gehen, ich habe die freie Wahl; wenn ich mich darüber ärgere, wechsle ich die Stelle. In der Schule herrscht Schulpflicht, bei der eine ggf. sich entwickelnde Schulangst nicht gerade hilfreich ist.

Das passende Pendant wäre in meinen Augen eher eine vor allen Kollegen ausgesprochene Abmahnung fürs zuspätkommen, unter Androhung einer fristlosen Kündigung. Dienst nach Vorschrift lässt sich auf diese Weise bestimmt sicherstellen.

Mir geht es aber in erster Linie um den rechtlichen Aspekt. Sind solche Strafen in der Schule erlaubt oder nicht?
windalf hat geschrieben:Hmm also bei der Bundeswehr musste der Ausbilder bei Anordnung solcher körperlicher Ertüchtigungen immer selbst mitmachen.
Vielleicht sollte man so etwas einmal anregen :wink: Tatsächlich würde ich das dann eher als Auflockerung und Bewegungsspiel auffassen.

Kurt Knitz
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Kurt Knitz » 23.02.18, 07:50

Kein Lehrer oder Schulleiter wird sagen, dass an seiner Schule absichtlich erniedrigende Strafen erteilt werden. Um so wichtiger ist es, dass Eltern schnell, zahlreich und deutlich das Gespräch mit den Lehrern suchen, wenn es Vorgehensweisen gibt, die von den Schülern so empfunden werden.
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

ktown
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von ktown » 23.02.18, 08:06

SirFrancisDrake hat geschrieben:Die betroffenen Schüler empfinden dies als Bloßstellung vor der Klasse
wäre nicht lebensnah, wenn die Kinder das nicht tun würden.
SirFrancisDrake hat geschrieben:und berichten dies teilweise zuhause
auch das ist vollkommen normal. Sie wissen ja aus den Jahren zuvor, dass der Vortrag von vermeintlichen Ungerechtigkeiten zum Erfolg führt und wenn es letztlich nur eine positive Zuwendung und Bestätigung der Ungerechtigkeit ist.
SirFrancisDrake hat geschrieben:sondern wurde, unter Spott einiger Mitschüler
Ja Kinder sind, da sie die Auswirkungen des gesprochenen Wortes noch nicht so kennen, manchmal äußerst verletzend.
SirFrancisDrake hat geschrieben:zurück ins Klassenzimmer gezogen
sind die Empfindungen des eigenen Kindes oder Erzählungen die einem zugetragen wurden?
SirFrancisDrake hat geschrieben:Aus Angst und Scham lässt der Schüler die Mitteilung verschwinden und verheimlich den Vorfall seinen Eltern
Da stellt sich für mich die Frage: Vor wem hat das Kind Angst, wenn es solch einen Zettel zuhause nicht zeigt? Wohl eher vor den eigenen Eltern und den daraus resultierenden Reaktionen. Meines Erachtens scheint da schon in der Familie was nicht zu stimmen.
Kurt Knitz hat geschrieben:Um so wichtiger ist es, dass Eltern schnell, zahlreich und deutlich das Gespräch mit den Lehrern suchen, wenn es Vorgehensweisen gibt, die von den Schülern so empfunden werden.
Etwas zweischneidig das ganze. Wenn man grundsätzlich die Empfindungen der Kinder zugrunde legt, dann werden die Eltern (und vermutlich hauptsächlich die Mütter) wöchentlich bei der Schulleitung auf der Matte stehen. Die lieben Kleinen sind es, wenn sie in die 1. Klasse kommen, schon mind. 6 Jahre gewöhnt, dass sie verhätschelt werden und ihnen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird. Ich sehe es an unserer Grundschule, wievielen dieser kleinen Racker jedweder Respekt gegenüber Anderen fehlt und wohl nie im familiären Umfeld beigebracht wurde. Sie fangen also erst in der Schule an, sich an Regeln halten zu müssen. Wieso jetzt dabei Kniebeugen und auch wenn es in der Klasse ist, schon die lieben Kleinen für ihr Leben negativ prägt und
SirFrancisDrake hat geschrieben:bei der eine ggf. sich entwickelnde Schulangst
droht, ist meines Erachtens genau die Grundproblematik in heutigen Grundschulen. Es fängt mit dem Protest bei Kniebeugen an und hört mit dem Anwalt bei einer vermeintlich schlechten Note auf.

Ich glaube ich muss bei der Grundschule meines Filius auch mal vorstellig werden um mich zu beschweren, dass einzelne Schüler in seiner Klasse an Einzeltische gesetzt werden. Dies kann auch extrem die Kinder für ihr Leben negativ prägen.
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

Gesetze sind eine misslungene Kreuzung aus dem Alphabet und einem Labyrinth.
"Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt" Zitat Goethe

SirFrancisDrake
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von SirFrancisDrake » 23.02.18, 21:40

ktown hat geschrieben:sind die Empfindungen des eigenen Kindes oder Erzählungen die einem zugetragen wurden?
Statt zu diskutieren, ob dies überhaupt so gewesen sein könne, lasst uns doch bitte ganz einfach und strikt die klar geschilderten Umstände annehmen, und die RECHTSLAGE erörtern. Ich suche weder Mitleid, Kritik noch Erziehungstipps, sondern die RECHTSLAGE.
Danke.

LG
SFD

Kurt Knitz
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Kurt Knitz » 23.02.18, 22:41

Im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen BayEuG werden die Erziehungs-, Ordnungs- und Sicherungsmaßnahmen im Artikel 86 behandelt.

Die Kniebeugen vor versammelter Klasse sind eine Erziehungsmaßnahme.

Laut Artikel 74 erfordert die gemeinsame Erziehungsaufgabe eine von gegenseitigem Vertrauen getragene Zusammenarbeit.

Nach meinem Verständnis kann es so eine Zusammenarbeit nur geben, wenn man miteinander redet.
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

Eierkopf
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Eierkopf » 23.02.18, 22:51

So ist das bei uns in good old, better than ever, Germany.
In einer niederländischen Nachbarstadt werden u.a. 15/16-jährige Schüler*innen bei falschem Rechenergebnis auf einen Lauf durch die Schule geschickt, da auf einzelnen Stufen der Schultreppen die korrekten Rechenergebnisse zu finden sind.
Das schnelle finden des Ergebnisses wird "gefeiert". Well done!
So geht es auch.
Die Lernbereitschaft der Schüler dort ist signifikant.
Vielleicht denken wir auch ein Mal über alternative Ansätze nach.
Die Rechtslage? - Dann könnte man doch einfach mal klagen, wogegen, na ist doch egal.

Gruß
Ei

Evariste
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Evariste » 24.02.18, 00:12

Kurt Knitz hat geschrieben: Nach meinem Verständnis kann es so eine Zusammenarbeit nur geben, wenn man miteinander redet.
Laut Sachverhalt ist das wohl längst passiert, nur ist nichts dabei rausgekommen:
SirFrancisDrake hat geschrieben: Die Lehrkraft argumentiert, dass es sich dabei nicht um eine Strafe, sondern um ein "Bewegungsspiel" handle, das der Auflockerung diene, und die Kniebeugen schließlich nicht vor der Tafel, sondern am Platz (jedoch vor den Mitschülern) zu machen seien. Die Schulleitung gibt an, diese Methode zwar selbst nicht im Unterricht anzuwenden, hat damit jedoch kein Problem.
Der nächste Schritt wäre nun wohl eine Beschwerde beim Schulamt.


Interessant finde ich, was eine große deutsche Rechtsschutzversicherung auf ihren Serviceseiten schreibt:
TIPP
Natürlich nicht zulässig sind diskriminierende oder herabsetzende Maßnahmen wie das In-die-Ecke-stellen, Kniebeugen-machen-lassen oder mechanische Abschreibeaufgaben von mehreren Seiten.
Ich würde mich dieser Meinung anschließen wollen. Erziehungsmaßnahmen sollten immer in einem inneren Zusammenhang zu der "Verfehlung" stehen, das ist hier definitiv nicht gegeben.

Noch zu einigen Details des Sachverhalts, die mir aufgefallen sind:
SirFrancisDrake hat geschrieben: Die Lehrkraft argumentiert, dass es sich dabei nicht um eine Strafe, sondern um ein "Bewegungsspiel" handle, das der Auflockerung diene, und die Kniebeugen schließlich nicht vor der Tafel, sondern am Platz (jedoch vor den Mitschülern) zu machen seien.
Die Lehrkraft verneint also, dass es sich um eine Erziehungsmaßnahme handelt. Warum sind dann nur einige Schüler betroffen? Das ist doch sehr widersprüchlich.
SirFrancisDrake hat geschrieben: Der Schüler erhält eine Mitteilung an die Eltern, in der mitgeteilt wird, der Schüler folge nicht, verweigere die Mitarbeit z.B. bei Bewegungsspielen, und sei daher nicht in die Pause gelassen worden.
Das Kind nicht in die Pause zu lassen, ist eine Erziehungsmaßnahme (über deren Sinn man streiten kann). Die Mitteilung an die Eltern ist ebenfalls eine Erziehungsmaßnahme. Warum gleich 2 Erziehungsmaßnahmen? Die Mitteilung scheint vor allem dem Zweck zu dienen, sich gegenüber etwaiger Kritik gegen die Erziehungsmaßnahme "das Kind darf nicht in die Pause" abzusichern.

Charon-
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Charon- » 24.02.18, 10:38

SirFrancisDrake hat geschrieben:die Donuts lockern die Runde tatsächlich auf [..] im Meeting "muss" ich nicht wirklich Donuts spendieren.
Ich halte "Donut spendieren" auch für eine falsche Analogie, "Protokoll schreiben" trifft es eher. Und da kann eine Weigerung druchaus zu disziplinarischen Konsequenzen führen.
SirFrancisDrake hat geschrieben: In der Schule herrscht Schulpflicht,


Wobei der ja durchaus die Möglichkeit hat, die Klasse oder auch die Schule zu wechseln.
SirFrancisDrake hat geschrieben: Sind solche Strafen in der Schule erlaubt oder nicht?
Wie schon dargestellt, handelt es sich um Erziehungsmaßnahmen, die verhältnismäßig sein sollen, daran wird die Rechtmäßigkeit der Maßnahme gemessen. Verhältnismäßig ist in der Regel das mildeste Mittel, welches den angestrebten Zweck erfüllt. Angestrebter Zweck ist hier wohl, den Schüler dazu anzuhalten, seinen Namen auf das Arbeitsblatt zu setzen. Welche Maßnahme würde dir denn einfallen, die in gleicher Weise dazu führt, dass der Schüler versucht, daran zu denken, seinen Namen auf das Papier zu setzen? Und was wäre deiner Meinung nach die richtige Folgemaßnahme, falls der Schüler trotz der ersten Maßnahme weiterhin seiner Pflicht nicht nachkommt?
Evariste hat geschrieben:Der nächste Schritt wäre nun wohl eine Beschwerde beim Schulamt.
In der Tat...
Evariste hat geschrieben:Erziehungsmaßnahmen sollten immer in einem inneren Zusammenhang zu der "Verfehlung" stehen, das ist hier definitiv nicht gegeben.
Bei was genau? Bei der Aufforderung, Kniebeugen zu machen oder bei der Verweigerung, den Klassenraum in der Pause verlassen zu dürfen?
Evariste hat geschrieben:Warum sind dann nur einige Schüler betroffen? Das ist doch sehr widersprüchlich.


Es sind doch nicht einige Schüler betroffen, sondern alle.
Evariste" hat geschrieben:Das Kind nicht in die Pause zu lassen, ist eine Erziehungsmaßnahme
Würde ich so sehen.
Evariste hat geschrieben:Die Mitteilung an die Eltern ist ebenfalls eine Erziehungsmaßnahme
Das würde ich nicht so sehen. Entweder, es ist eine Ordnungsmaßnahme (dann in Form des schriftlichen Verweises), oder es ist eine simple Mitteilung, um den Eltern zu ermöglichen, ihren gesetzlichen Auftrag nach Art. 56 BayEUG zu erfüllen.
Um der allgemeinen Sprachverwirrung des Siezens entgegenzuwirken, biete ich jedem Nutzer das dänische Umgangsduzen an.

Evariste
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Evariste » 24.02.18, 11:21

Charon- hat geschrieben:
SirFrancisDrake hat geschrieben:die Donuts lockern die Runde tatsächlich auf [..] im Meeting "muss" ich nicht wirklich Donuts spendieren.
Ich halte "Donut spendieren" auch für eine falsche Analogie, "Protokoll schreiben" trifft es eher. Und da kann eine Weigerung druchaus zu disziplinarischen Konsequenzen führen.
Aber nicht, wenn es sich dabei um eine "erzieherische Maßnahme" handelt wie im Sachverhalt, denn dann kann der Arbeitnehmer ein derartiges Ansinnen zu Recht ablehnen. Als einzige "erzieherische Maßnahme" ist im Arbeitsrecht die Ermahnung durch den Vorgesetzten bzw. im Extremfall die förmliche Abmahnung statthaft, "Strafarbeiten" sind es definitiv nicht.
SirFrancisDrake hat geschrieben: In der Schule herrscht Schulpflicht,


Wobei der ja durchaus die Möglichkeit hat, die Klasse oder auch die Schule zu wechseln.
Das geht doch am Kern der Sache vorbei. Ein Arbeitsverhältnis ist ein privatrechtlicher Vertrag, den ich freiwillig schließe (auch wenn da natürlich gewisse Zwänge dahinter stehen, weil ich ja irgendwie Geld verdienen muss), ein Fernbleiben führt allenfalls zu einer Kündigung. In die Schule geht der Schüler aufgrund einer gesetzlichen Pflicht, ein Fernbleiben zieht ein Ordnungsgeld für die Eltern nach sich. Und frei entscheiden, auf welche Grundschule man sein Kind schickt, kann man auch nicht. Das hätten viele Eltern gern, es hängt aber vom Wohnsitz ab.
Charon- hat geschrieben: Wie schon dargestellt, handelt es sich um Erziehungsmaßnahmen, die verhältnismäßig sein sollen, daran wird die Rechtmäßigkeit der Maßnahme gemessen. Verhältnismäßig ist in der Regel das mildeste Mittel, welches den angestrebten Zweck erfüllt.
Das ist stark vereinfacht. Auch das mildeste Mittel kann unverhältnismäßig sein, wenn es in einem Maße eingreift, der der Wichtigkeit des zu erreichenden Zwecks nicht angemessen ist.
Angestrebter Zweck ist hier wohl, den Schüler dazu anzuhalten, seinen Namen auf das Arbeitsblatt zu setzen. Welche Maßnahme würde dir denn einfallen, die in gleicher Weise dazu führt, dass der Schüler versucht, daran zu denken, seinen Namen auf das Papier zu setzen? Und was wäre deiner Meinung nach die richtige Folgemaßnahme, falls der Schüler trotz der ersten Maßnahme weiterhin seiner Pflicht nicht nachkommt?
Man kann die Schüler daran erinnern, man kann Punkte vergeben für richtiges Verhalten, es gibt eine breite Palette von Möglichkeiten, wenn alles nicht hilft, setzt man sich halt mit den Eltern zusammen. Die Grundschullehrerinnen meiner Tochter haben es alle geschafft, ohne schikanöse Maßnahmen Disziplin in die Klasse zu bekommen. Manche schaffen das nicht, die sind dann halt nicht für den Beruf geeignet bzw. benötigen dringend eine Nachschulung. Wobei man aber realistischerweise nicht erwarten kann, dass alle Schüler immer alles richtig machen und alles jederzeit perfekt ausfüllen, insbesondere bei Erstklässlern.
Evariste hat geschrieben:Erziehungsmaßnahmen sollten immer in einem inneren Zusammenhang zu der "Verfehlung" stehen, das ist hier definitiv nicht gegeben.
Bei was genau? Bei der Aufforderung, Kniebeugen zu machen oder bei der Verweigerung, den Klassenraum in der Pause verlassen zu dürfen?
Naja, ich meinte das Erste, aber eigentlich gilt das auch für das Zweite.
Evariste hat geschrieben:Warum sind dann nur einige Schüler betroffen? Das ist doch sehr widersprüchlich.


Es sind doch nicht einige Schüler betroffen, sondern alle.
Lesen Sie noch einmal, es ist von "Bewegungsspielen" die Rede, aber nur die werden aufgefordert, die ihren Namen nicht eingetragen haben. Wenn es wirklich ein "Bewegungsspiel" wäre, würde jeder mal drankommen, unabhängig von irgendwelchen Versäumnissen.
Evariste hat geschrieben:Die Mitteilung an die Eltern ist ebenfalls eine Erziehungsmaßnahme
Das würde ich nicht so sehen. Entweder, es ist eine Ordnungsmaßnahme (dann in Form des schriftlichen Verweises), oder es ist eine simple Mitteilung, um den Eltern zu ermöglichen, ihren gesetzlichen Auftrag nach Art. 56 BayEUG zu erfüllen.
Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, dass sieht der BLLV so, dass es sich bei derartigen Mitteilungen um eine Erziehungsmaßnahme handelt:
2. Erziehungsmaßnahmen
Sie sind durch das BayEUG im Einzelnen nicht festgelegt. Sie sind daher theoretisch von der Zahl her unbegrenzt. Sie liegen in der eigenen pädagogischen Verantwortung der Lehrkraft.
Mögliche Maßnahmen:
- positive Maßnahmen: Ermuntern, Anerkennen, Loben, Vorbeugen, Einsicht wecken.
- negative Maßnahmen: Ermahnen, Warnen, Rügen, Tadeln
- schriftliche Mitteilung (Hinweis) an die Erziehungsberechtigten: soll erfolgen, wenn sich ein Schüler nicht hinreichend vorbereitet oder am Unterricht beteiligt und Ermahnungen keinen Erfolg zeigen - muss erfolgen bei schweren und häufigen Pflichtverletzungen

Charon-
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Charon- » 24.02.18, 15:05

Evariste hat geschrieben:wenn es sich dabei um eine "erzieherische Maßnahme" handelt wie im Sachverhalt, denn dann kann der Arbeitnehmer ein derartiges Ansinnen zu Recht ablehnen
Du meinst also, wenn der AG vorgibt, dass jemand, der zu spät zu einem Meeting kommt, das Protkoll zu führen hat, dann darf der AN es folgenlos ablehnen, das Protokoll zu schreiben?
Evariste hat geschrieben:Das hätten viele Eltern gern, es hängt aber vom Wohnsitz ab.
Auch, aber nicht nur, siehe Art. 42 und 44 BayEUG. Insofern besteht schon eine Wahlfreiheit.
Evariste hat geschrieben:der der Wichtigkeit des zu erreichenden Zwecks nicht angemessen ist.
Deswegen "in der Regel".
Evariste hat geschrieben:es gibt eine breite Palette von Möglichkeiten
Und meine Frage war, was der TE sich vorstellt.
Evariste hat geschrieben:wenn alles nicht hilft, setzt man sich halt mit den Eltern zusammen
Und wenn die Eltern so reagieren wie hier, und statt dem Verhalten des Kindes das Verhalten des Lehrers bestrafen wollen?
Evariste hat geschrieben:Wenn es wirklich ein "Bewegungsspiel" wäre, würde jeder mal drankommen, unabhängig von irgendwelchen Versäumnissen.
Woraus leitet sich denn diese Vorstellung ab? Beim "Tick" kommt auch nicht jeder dran, sondern immer nur derjenige, der "erwischt" wird, dennoch gilt das für alle Beteiligten.
Evariste hat geschrieben:dass es sich bei derartigen Mitteilungen um eine Erziehungsmaßnahme handelt
Beim BLLV steht was von einem Hinweis, der nach dem Scheitern der Ermahnung zu erfolgen hat. Ich habe immer noch Zweifel, dass eine Information über die Ermahnung selbst als solch ein Hinweis qualifiziert bzw. vom Lehrer als Erziehungsmaßnahme gedacht war.

Sollte es aber als (weitere) Erziehungsmaßnahme gedacht sein, findet sich die Antwort auf deine Frage evtl. hinter dem "z.B." aus dem SV:
"in der mitgeteilt wird, der Schüler folge nicht, verweigere die Mitarbeit z.B. bei Bewegungsspielen"
Zuletzt geändert von Charon- am 24.02.18, 15:40, insgesamt 1-mal geändert.
Um der allgemeinen Sprachverwirrung des Siezens entgegenzuwirken, biete ich jedem Nutzer das dänische Umgangsduzen an.

Kurt Knitz
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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von Kurt Knitz » 24.02.18, 15:17

Evariste hat geschrieben:
Kurt Knitz hat geschrieben: Nach meinem Verständnis kann es so eine Zusammenarbeit nur geben, wenn man miteinander redet.
Laut Sachverhalt ist das wohl längst passiert, nur ist nichts dabei rausgekommen:
SirFrancisDrake hat geschrieben: Die Lehrkraft argumentiert, dass es sich dabei nicht um eine Strafe, sondern um ein "Bewegungsspiel" handle, das der Auflockerung diene, und die Kniebeugen schließlich nicht vor der Tafel, sondern am Platz (jedoch vor den Mitschülern) zu machen seien. Die Schulleitung gibt an, diese Methode zwar selbst nicht im Unterricht anzuwenden, hat damit jedoch kein Problem.
Rausgekommen ist, dass die Lehrkraft bisher auf ihrer Ansicht beharrt und die Schulleitung das auf die leichte Schulter nimmt. Beide würden je nach Anzahl der Gesprächswünsche verschiedener Eltern möglicherweise ihre Haltung noch ändern.

Evariste hat geschrieben:Der nächste Schritt wäre nun wohl eine Beschwerde beim Schulamt.
Es fühlen sich anscheinend mehrere Schüler und damit Eltern betroffen. Das eröffnet Möglichkeiten, organisiert vorzugehen.

Falls es bisher nur mündliche Beschwerden beim Schulleiter gab, wäre der nächste Schritt für einzelne Eltern eine schriftlich belegbare Beschwerde beim Schulleiter (z.B. per E-Mail) als direktem Dienstvorgesetztem der Lehrkraft. Wird dieser Schritt ausgelassen, kann das Schulamt erst mal ganz einfach die Beschwerde an den Schulleiter nach unten reichen.

Ich habe in einen Extra-Thread meine Vorstellungen von der "Beschwerde-Eskalationsleiter" geschrieben, das braucht man doch immer wieder.

Schöne Grüße
Kurt
Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer und vieles mehr kann man finden über den Deutschen Bildungsserver:
https://www.bildungsserver.de/Schulrecht-72-de.html#Schulrecht_der_Laender

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Re: Kniebeugen (Grundschule 1. Klasse, Bayern)

Beitrag von SirFrancisDrake » 24.02.18, 16:24

Hallo,

vielen Dank für die vielen Antworten. Doch es ist wirklich nicht mein Ansinnen, zu erörtern, ob und wer nun Fehler macht, keine Wertung, keine Diskussion über von der Schilderung abweichende Sachverhalte, und Empfehlungen der richtigen Eskalationsleiter. Dies mag gut gemeint sein, aber mir geht es wirklich nur um die Frage, ob Kniebeugen in der geschilderten Situation eine angemessene, und rechtlich zulässige Erziehungsmaßnahme darstellen.

Ob mit dieser Kenntnis irgendwer klagt, und damit die hart erarbeiteten Steuergelder anständiger Bürger dazu verwendet, die Verlotterung der Sitten zu fördern, steht nicht zur Debatte - dafür gibt es genügend andere Foren. Und wenn man das so beobachtet, steigt die Zahl der dort anwesenden Erziehungsexperten kontinuierlich. Meistens verfügen diese sogar über mehr Fachwissen, als ausgebildete Fachkräfte, und sind sogar zur Ferndiagnose fähig.
(Wer Sarkasmus findet, darf ihn übrigens gerne behalten :wink:)

Daher nochmals die bitte um wertungsfreie, rechtliche Einschätzung im konkret definierten, fiktiven Fall. Eine Rechtsberatung darf nicht stattfinden, an diese Regel möchte ich mich gerne halten, und auch niemanden motivieren, davon abzuweichen. Um die Einhaltung von Regeln durch Kinder geht es auch im geschilderten Fall; was von Kindern erwartet wird, darf man doch sicher auch von Erwachsenen erwarten?

Bisher wurden als relevante Rechtsnormen angeführt:
- Art 74 BayEUG: regelt nicht eine "Vertrauenspflicht" zwischen Schule und Erziehungsberechtigten - das wäre auch eine etwas absurde Vorstellung, denn Vertrauen kann nicht erzwungen werden, erst recht nicht, wenn ein Vertrauensverhältnis durch gegensätzliche Standpunkte belastet wird.

- Art. 86 BayEUG: regelt Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Die Ordnungsmaßnahmen sind klar definiert, nicht jedoch die konkreten Erziehungsmaßnahmen (abgesehen vom Verbot körperlicher Züchtigung, unter die meines Erachtens Kniebeugen nicht fallen). Ich gehe davon aus, dass letztere nicht im BayEUG geregelt, aber eben auch nicht allein dem freien Ermessen der Lehrkräfte unterliegen. So ist z.B. das rein mechanische, wiederholte Schreiben von Texten (100x "Ich darf nicht in der Nase bohren") nicht erlaubt, genau wie das früher praktizierte ins Eck stellen. Auch Kniebeugen finde ich vielfach unter den verbotenen Maßnahmen, allerdings ohne konkrete Referenz auf die relevanten Rechtsnormen. Genau diese suche ich, gerne auch alternativ eine Referenz, aus der hervorgeht, dass Kniebeugen erlaubt sind.

LG
SFD

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