Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

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Frisch_ling
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Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Frisch_ling »

Ein Schüler eines baden-württembergischen Gymnasiums wird nicht versetzt und soll auf Wunsch der Eltern die Schulform wechseln. Angenommen, am Wohnort (größere Stadt) gibt es alle im Land existierenden Schulformen. In welcher Schulform hätte der Schüler einen Aufnahmeanspruch

- bis zur Erfüllung der Vollzeitschulpflicht?
- nach Erfüllung der Vollzeitschulpflicht?

Macht es einen Unterschied, ob der Schulformwechsel freiwillig oder aufgrund von offizieller Abschulung (zu viele nicht-Versetzungen) erfolgt?

Ich hatte (nur vom Hörensagen) in Erinnerung, dass in Ba-Wü ein Aufnahmeanspruch nur gegenüber Hauptschulen besteht. Stimmt das überhaupt?

FM
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von FM »

In die Schulen, für welche er die Aufnahmevoraussetzungen erfüllt.

Aus der Angabe, dass er in einem Gymnasium die Klassenstufe nicht geschafft hat, lässt sich nicht ermitteln für welche anderen Schulformen er Voraussetzungen erfüllt oder nicht.

Der Wunsch nach einer Aufzählung ALLER denkbaren Schulen ist auch recht bequem formuliert: der Schüler hat zwar (vielleicht) gar kein Interesse an der Aufnahme an einer Hebammenschule, aber weil es dem Fragesteller zu umständlich erscheint zu tippen welche Schulen überhaupt in betracht kämen, soll das Forum halt mal alle aufzählen.

Frisch_ling
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Frisch_ling »

Es gibt keinen konkreten Fall, Hintergrund ist eine Diskussion im Freundeskreis. Mein Halbwissen meint, im worst case in B-W nur die Hauptschule eine Aufnahmepflicht hätte. Die in Hessen als Sek-1 Lehrerin tätige Mitdiskutantin widersprach entschieden und war überzeugt, dass die Realschule den Kandidaten nehmen müsse.

Ich mache mal ein paar Beispiele:

Fall 1: Schüler, 15J alt, neun Schulbesuchsjahre, wird am Gym nicht von Klasse 9 nach 10 versetzt. Statt zu wiederholen soll auf eine Gesamtschule oder eine Realschule gewechselt werden, ob Klasse 9 oder 10 ist egal. Die Schulleitung weist ab mit dem Argument, die Klassen seien voll.

Fall 2: Wie Fall 1, jedoch bereits zehn Schulbesuchsjahre erreicht.

FM
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von FM »

Die Details stehen natürlich im Schulrecht, das meist aus Landesgesetzen (ggf. mehrere) und vielen Verordnungen (oft eine für jede Schulart) besteht.

Aber als oberstes Recht dazu findet man in der Landesverfassung:
Artikel 11

(1) Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung.

(2) Das öffentliche Schulwesen ist nach diesem Grundsatz zu gestalten.
(...)
Wenn der junge Mensch also für eine bestimmte Schullaufbahn geeignet ist, muss ihm diese ermöglicht werden. Das bedeutet aber nicht, dass er ganz konkret das Recht auf Aufnahme in die Schule XY hat. Dass er. z.B. wenn diese eine Schule zu voll ist, auf eine gleichartige andere Schule verwiesen wird, wäre verfassungsrechtlich schon erlaubt.

Tastenspitz
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Tastenspitz »

In B-W regelt das der §88 im Schulgesetz. Im wesentlichen hat man Anspruch auf die Aufnahme in den gewählten Schultyp in zumutbarer Entfernung.
http://www.landesrecht-bw.de/jportal/po ... focuspoint
Wer für generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen ist, hebe bitte den rechten Fuß.
Für individuelle Rechtsberatung bitte "ALT" und "F4" auf der Tastatur gleichzeitig drücken.

Chavah
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Chavah »

Dann wollen wir der hessischen Lererin mal etwas auf die Sprünge helfen, was ihr Land angeht: die Grundschule ist geregelt, also zugewiesen, es sei denn eine andere Grundschule ist bereit, das kind aus einem fremden Schulsprengel aufzunehmen (wenn sich da in den letzten Jahren nichts gändert hat). Ab der weiterführenden Schule obliegt es den Eltern, sich um die Schule zu kümmern, und die Schule muss nur die Kinder aufnehmen, die sie auch haben will. Da es aber durchaus Eltern gibt, die sich nicht kümmern oder aber die Kids nicht da unterbringen können, wo sie wollen, ist in jedem Schulbezirk eine Schule, die diese "schullosen" Kids aufnehmen muss. In meinem Bezirk ist das eine Schule mit Ziel Volksschulabschluß/mittlere Reife. In der nächstgrößeren Stadt ist es eine integrierte Gesamtschule.

Hierdurch ist der SChulbesuch für die ersten 10 Jahre der Schulpflicht abgedeckt. Was ist mit nicht volljährigen Kids, die keine Lehrstelle finden? Bis vor etlichen Jahren war es in Hessen so, daß in den Fällen die (Berufsschul)Pflicht bis zur Volljährigkeit griff, diese Kids also mindestens einmal die Woche eine speziele Klasse in der Berufsschule besuchen musste. Die Schulpflicht bestand seinerzeit also eingeschränkt bis zur Volljährigkeit. Das wurde dann sehr unbemerkt auch von den Fachleuten heimlich abgeschaft, die Berufsschule musste nicht mehr besucht werden, es konnte aber ein Antrag gestellt werden, diese Klassen wurden bei ausreichend Anträgen dann eingerichtet.

Soweit meine Kenntnis aus dem Land Hessen, ob sich da in jüngster Vergangenheit was geändert hat, keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Hinzugekommen sind allerdings zahlreiche Programme der Arbeitsagentur (z.B.) für benachteiligte Jugendliche, wo man sich bemüht, junge Menschen in einer Koimbi von praktischer Ausbildung und zusätzlicher Förderung durch Bildungsinstitute auf den Weg zu bringen, dieser Schulbesuch ist dann zwar auch Pflicht, hat aber mit der klassischen Schulpflicht nichts mehr zu tun.

Chavah

FM
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von FM »

Bei öffentlichen Schulen bezweifle ich sehr, dass die mit einem einfachen "wir wollen nicht" ablehnen dürfen. Sie sind Einrichtungen des Landes (oder der Kommune) und deshalb gilt hier nicht die Vertragsfreiheit, sondern das Willkürverbot.

Sachliche Gründe wie "zu voll bei uns" oder "der ist zu unbegabt" können natürlich zulässig sein.

Chavah
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Chavah »

Hi,

ich hatte darauf hingewiesen, dass ich auf die Lage in meinem Bundesland hingewiesen habe. Deshalb gibt es ja in jedem Sprengel eben eine weiterführende Schule, die jedes Kind aufnehmen muss.

Chavah

FM
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von FM »

Naja ob man eine Hauptschule als "weiterführende Schule" bezeichnet ist Geschmackssache, vielleicht nmennen manche Landesgesetze sie sogar so. Ich haben in der hess. Verfassung jetzt zwar keine ähnliche Bestimmung gefunden wie in der von BaWü, aber ich denke schon, das folgt auch schon aus allgemeinen Grundrechten wie dem der Gleichheit und dem der freien Berufswahl. Demnach muss jedem Kind die höchstmögliche Schulbildung zugänglich sein, wenn es keine sachlichen Gründe gibt die es ausschließen - und "der Schulleiter mag nicht und alle anderen Schulleiter der Gymnasien mögen auch nicht" ist eben keiner. Das sind Landesbeamte, die müssen schon begründen warum sie etwas entscheiden und es muss rechtlich nachprüfbar sein (Art. 19 GG).

Allerdings, nach meinen spärlichen Kenntnissen des hessichen Schulwesens, gibt es dort tradtionelle Gymnasien die zum Abitur führen, aber auch die Integrierten Gesamtschulen mit einem anschließenden Oberstufengymnasium. Vielleicht mag das eine Rechtfertigung sein: der kann ja auch später noch.

Chavah
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Re: Aufnahmeanspruch weiterführende Schule

Beitrag von Chavah »

"Berechtigte Gründe" zur Nichtaufnahme eines Kindes sind z.B. schlechte Leistungen, also die fehlende Eignung fürs Gymnasium. Die Grundschule gibt ja auch immer Empfehlungen raus, die Schule, die aufnehmen muss ist in der Regel eine Hauptschule kombiniert mit einem Realschulzweig. Und mit Realschulabschluß kann man ja immer noch auf ein Gymnasium wechseln. Aber ein Anspruch darauf, für jedes Kind in akzeptabler Nähe zum Elternhaus einen Schulplatz in jeder denkbaren Schulform zur Verfügung zu halten, den gibt es nicht.

Mal ein Beispiel, wie ich es bei meinem (Autisten)Kind gemacht habe: Nach der Grundschule in eine Schule mit besonderem Förderbedarf (früher Sonderschule genannt). Warum: da stehen immer zwei Lehrer vor einer Klasse, die Höchstaufnahmezahl pro Klasse liegt bei 15 Schülern. Im normalen Gymnasium über 30 am Anfang bei nur einem Lehrer vorne. Englischunterricht bekamen aus der Klasse nur zwei Schüler, also quasi Privatunterricht. Zur 7. Klasse ging es dann weiter auf einer integrierten Gesamtschule. Im Realschulzweig, binnen eines Jahres war er dann in allen Fächern auf den Gymnasialzweig "aufgestiegen." Nach mittlerer Reife Wechsel ins konventionelle Gymnasium, nach Abi erfolgreich studiert.

Warum dieser Weg? Die 5.-8. Klassen in den Gymnasien sind überfüllt, weil ja alle Eltern für die Kids nur das Beste wollen. Da ist ruhiges Lernen nicht möglich, dann erfolgt die Ausdünnung, dann wird das Lernen einfacher und die Kids scheitern nicht schon an der Überfüllung der Klassen, an der Unruhe, was weiss ich. Und Gymnasien nehmen in der Phase wegen der Ausdünnung gerne Schüler auf, einfach damit ihnen nicht für die oberen Jahrgänge Lehrer gestrichen werden.

Chavah

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