Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

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Kerstin_K
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Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Kerstin_K » 28.03.17, 18:03

Was tut man gegen einen schlampigen Anwalt?

Jemand hat mit einem Sozialleistungsträger zu tun. Den Bewilligungsbescheid bekommt der Leistungsempfänger erst nach einer Untätigkeitsklage, die er selber bei Gericht einreicht. Dieser bescheid wird mit einem Widerspruch angegriffen. Der Widerspruchsbescheid (Teilabhilfe) muss wiederum per Untätigkeitsklage erzwungen werden. Auch das macht der Leistungsempfänger noch ohne Anwalt selber.

Da der Leistungsempfänger bit dem Widerspruchsbescheid noch immer nicht einverstanden ist, wendet er sich für das Klageverfahren an eine Anwalt. Der gesamte Kontakt zwischen Anwalt und Mandant findet per Telefon und per Mail statt, da es dem Amndanten behinderungsbedingt nur schwer möglich ist, die Kanzlei aufzusuchen. Der Anwalt bietet dies sogar extra als Service auf seiner Homepage an.

Der Mandant führ ein ausführliches Telefongespräch mit dem Anwalt, übermittelt alle relevanten Unterlagen per Mail. Der Anwalt meint, "kein Problem, ich kümmere Mich um die Klage".

Dann hört der Mandant erstmal nichts mehr. Nach verstreichen der Klagefrist wartet er noch einige Tage ab, ob er die Klageschrift vielleicht per Post bekommt, aber es geschieht nichts. Der Mandant fragt per Mail nach dem Schriftsatz, wartet eine WOche ab, fragt nochmals per Mail nach, keine Antwort.

Weil die Kanzlei laut Homepage wegen Urlaub einige Wochen geschlossen ist, wartet der Mandant ab und verschickt einige Tage nach Urlaubsende ein Fax. Keine Reaktion.

Als nächstes versucht der Mandant telefonisch zu dem Anwalt durchzudringen. Es sind mehrere Anläufe notwendig, bis man zu dem Anwalt durchdringt, da vom Vorzimmer zugesagte Rückrufe nicht erfolgen. Schliesslich gibt der Anwalt am Telefon zu, dass er die Klagefrist verpasst hat. Er sagt zu, einen Überprüfungsantrag und im Anschluss einen Widerspruch zu stellen, um den Rechtsweg wieder zu eröffnen, er werde dies tun, ohne die Rechtschutzversicherung des Mandanten in Anspruch zu nehmen.

Den "Überprüfungsantrag" bekommt der Mandant erst auf Nachfrage zu sehen. Er entpuppt sich als Widerspruch, in dem zudem der falsche bescheid angegriffen wurde. Auf Nachfrage teilt der Anwalt dem Mandanten mit, dies mache er immer so, der Antrag sei von der Gegenseite entsprechend umzudeuten. Man sagt dem Mandanten aber zu hier nochmal eienn Korrektur nachzuschieben. Auch diese Korrekturschreiben bekommt der Mandant erst auf Nachfrage zu sehen.

Da der Mandant weiss, dass der Leistungsträger 6 Monate Zeit für bearbeitung des Antrages hat und er aus den gemachten erfahrungen heraus davon ausgeht, dass sich sowieso erst nach einer Untätigkeitsklage etwas bewegen wird, fragt er nach etwa drei Monaten mal bei dem Anwalt nach dem Sachstand. Die Antwort ist sehr unerfreulich: Der Überprüfungsantrag sei vor 6 Wochen bgewiesen worden, leider habe mn die Widerspruchsfrist verpasst und auch vergessen, den Mandanten zu informieren. Weitere Rechtsmittel stehen leider nicht zur Verfügung und überhaupt sei die Sache von anfang an aussichtlos gewesen, weshalb der Anwalt auch nicht für das Fristversäumnis haften müsse.

Was macht man mit so einem Anwalt? Anwaltskammer? Der Streitwert bewegt sich im vierstelligen Bereich. Ob man das alles hätte erstreiten können ist zweifelhaft, eie eine Teilsumme sollte drin gewesen sein.
Viel Grüße aus Hannover

Milo
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Re: Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Milo » 30.03.17, 19:19

Man kann den Anwalt in Höhe der einem zustehenden Summe in Haftung nehmen. Man muss nur belegen, dass bei Einhaltung der Frist eine Teilsumme drin gewesen wäre. Zur Zahlung auffordern, bei Fristablauf klagen.

Generell kann man sich immer bei der Kammer beschweren. Mehrere Wochen Urlaub sind für einen Anwalt nicht drin, ohne einen Vertreter zu bestellen.
Anfragen des Mandanten sind zeitnah zu beantworten.

Die Fehler in der Mandatsbearbeitung (Fristversäumnisse) interessieren die Kammer aber nicht.
"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Albert Einstein

Name4711
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Re: Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Name4711 » 30.03.17, 19:34

Milo hat geschrieben: Die Fehler in der Mandatsbearbeitung (Fristversäumnisse) interessieren die Kammer aber nicht.
Die Haftung zwar natürlich nicht - aber ist nicht Trödelei schon offiziell Thema der Kammern?

Kerstin_K
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Re: Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Kerstin_K » 31.03.17, 09:54

Milo hat geschrieben:Man kann den Anwalt in Höhe der einem zustehenden Summe in Haftung nehmen. Man muss nur belegen, dass bei Einhaltung der Frist eine Teilsumme drin gewesen wäre. Zur Zahlung auffordern, bei Fristablauf klagen.
Wie belegt man das? Klar kann man auf Urteile zu vergleichbaren Fällen verweisen oder auch schlichtauf den Gesetzestext, aber man kann ja nicht sicher sagen, wie das Gericht entschieden hätte.
Viel Grüße aus Hannover

Nordlicht14
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Re: Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Nordlicht14 » 03.04.17, 00:47

Genau das muss man dann aber: darzulegen und zu beweisen, wie das gericht sonst entschieden hätte zwingend.

Das muss man im Haftungsprozess kumulativ wie folgt darlegen:

1. die angenommene Pflichtverletzung darlegen und beweisen: > erst benennen, welche konkrete Pflicht aus dem Mandat bestand, sodann: wodurch diese verletzt worden war,
2. darlegen, warum er dies zu vertreten hatte
3. darlegen, worin exakt-konkret der Schaden bestand (genauer Eurobetrag hier beziffert anzugeben im Klageantrag) Und darlegen und beweisen, warum in dieser exakten Höhe,
4. haftungsbegründende und auch haftungsausfüllende Kausalität darlegen:
Dass und inwiefern die Pflichtverletzung des Anwalts für diesen Schaden ursächlich war
> bedeutet die Darlegungspflicht, dass und warum der Sozialgerichtsprozess mit rechtlicher Sicherheit (und nicht nur eventuell) gewonnen worden wäre in exakt der beantragten Höhe
> hier wird das Regressgericht inzident den Sozialgerichtsprozess rechtlich selbst als zivilgericht entscheiden und prognostizieren
5. Einwendungen des Anwalts rechtlich entkräften:
> nach dem Vortrag der Threaderstellerin ist zu rechnen mit denn Einwand "Prozess war ohnehin aussichtslos" (das Gegenargument wird ein im Haftungsrecht für Anwälte erfahrener Anwalt sofort auf den ersten Blick hier sehen und vortragen )
> dahingehend wird der Anwalt argumentieren, dies muss der Kläger widerlegen und entkräften
> voraussichtliche Einwendung: Mitverschulden des Klägers = ehemalige Mandantin entkräften
Hier liegt zB die Frage nahe, was die Vielzahl an Untätigkeitsklagen der Mandantin sollte, vor Beauftragung des Anwalts, was rechtlich fehlerhaft gewesen sein dürfte, statt die erste Untätigkeitsklage nach Eintreffen des WI -Bescheides umzuwandeln;
ebenso dürfte mit Einwendung zu rechnen und zu entkräften sein, warum die Mandantin nicht rechtzeitig den Anwalt wechselte, wenn sie ihren eigenen nicht erreichte und keine Reaktion erhielt.

Im Regressprozess muss der Anwalt stets zwangsläufig anders herum argumentieren, nämlich warum der Mandant eh verloren hätte, es dreht sich dann also IMMER die Interessenlage zwangsläufig exakt um und wird argumentiert pro Sozialträger-Erfolgsaussicht dessen Abweisungserfolg und wird der ehemalige Mandant zum neuen Gegner.
Damit ist zwingend zu rechnen, das ist das System einer Haftungsklage und das muss ein Mandant zwingend rechnen, der diesen steinigen und mehrinstanzlichen und mehrjährigen Weg einer Regressklage gehen will - das ist nix anderes, als wenn ein Patient einen seinen Arzt verklagen will.

Name4711
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Re: Anwalt verpasst Fristen und arbeitet schlampig

Beitrag von Name4711 » 03.04.17, 06:34

:devil:
..und das muss so aussichtslos sein, dass sich ein anwalt hinsetzt und - nur um den armen Mandanten zu warnen - kostenlos einen ellenlangen Text tippt... :devil:

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