Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

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ktown
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Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von ktown »

Folgender Sachverhalt:
Architekt A ist in Vollzeit angestellt. Mit seinem AG ist eine Vereinbarung geschlossen, dass er als Freiberufler bedingt (max. bis Leistungsphase 4 HOAI) tätig sein darf.
Diese Tätigkeiten sind aus vielerlei Gründen notwendig.
1. Er wird, wie vermutlich viele Anwälte, Ärzte und auch Künstler immer wieder darum gebeten tätig zu werden.
2. Seine Zugehörigkeit zum Versorgungswerk ist abhängig von der Kammermitgliedschaft und diese ist abhängig davon, dass er auch beruflich tätig ist (er führt in seinem Angestelltenverhältnis nicht alle Leistungsstufen aus).
Bisher hatte das FA mit Hinweis auf die Leitsätze folgender Urteile
BFH-Urteil vom 06.03.2003 (XI R 46/01)
BFH-Urteil vom 06.03.2003 (XI R 46/01) hat geschrieben:Langjährige Verluste aus selbständiger Arbeit lassen bei einem bildenden Künstler, der als solcher sowohl selbständig als auch nichtselbständig tätig ist und aus seiner künstlerischen Tätigkeit insgesamt positive Einkünfte erzielt, noch nicht auf eine fehlende Gewinnerzielungsabsicht schließen.
BFH-Urteil vom 12.09.2003 (IV R 60/01)
BFH-Urteil vom 12.09.2003 (IV R 60/01)[ hat geschrieben:Auch ein Architekt kann seine Tätigkeit ohne Gewinnerzielungsabsicht betreiben, wenn er Verluste aus persönlichen Gründen oder Neigungen hinnimmt (Anschluss an BFH-Urteil vom 31. Mai 2001 IV R 81/99, BFHE 195, 382, BStBl II 2002, 276).
die Steuerbescheide immer ohne den Vermerk der fehlenden Gewinnerzielungsabsicht festgesetzt.
Da wohl ein neuer Sachbearbeiter zuständig ist, wird nun die Diskussion wieder neu aufgerollt. :cry:

Versteht A die Urteile falsch, oder müsste das FA eigentlich die dauerhaften minimalen (zwischen 100 - 1000.- pro Jahr)Verluste akzeptieren?
Werden solche Beschlüsse und Entscheidungen nicht in die Akte des Steuerzahlers vermerkt, damit auch zukünftige Sachbearbeiter diese finden?

Wie ist die derzeitige Rechtslage?
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Re: Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von Evariste »

ktown hat geschrieben: 18.07.21, 11:54 Versteht A die Urteile falsch
Wenn ich mir das erste Urteil ansehe...
Im Streitfall stellt es sich eher zufällig dar, dass der Kläger mit seiner selbständigen Tätigkeit keinen Totalgewinn erwirtschaftete. Er erzielte insgesamt aus seiner selbständig und nichtselbständig ausgeübten künstlerischen Tätigkeit positive Einkünfte. Die steuerrechtliche Einstufung seiner Einnahmen hing davon ab, ob seine Auftraggeber ihn als selbständig oder nichtselbständig Tätigen mit der Durchführung der Projekte beauftragten. Die Absicht des Klägers, auch mit seiner selbständigen Tätigkeit einen Totalgewinn zu erzielen, bleibt davon unberührt.
Genau ist das ist hier im hier vorliegenden Sachverhalt wohl nicht der Fall. A ist kein Architekt, der seine Aufträge mal als Selbständiger, mal als Arbeitnehmer durchführt, sondern A hat wohl ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis in Vollzeit und übernimmt nur ab und zu zusätzliche Aufträge in geringem Umfang. Das ist doch ein Unterschied.

Hinzu kommt dass die genannten Gründe (1. und 2.) gerade gegen eine Gewinnerzielungsabsicht sprechen, A übernimmt die Aufträge anscheinend aus anderen Gründen.
ktown
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Re: Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von ktown »

Sorry hab den zweiten Link noch korrigiert. Dort passte der Leitsatz wie auch der Link nicht.

Das ist doch genau das was ich meine und bisher aus den Urteilen herauslese.
Bei einem festangestellten Freiberufler ist das Angestelltengehalt mit einzubeziehen. Siehe im Urteil:
Dem Kläger steht dem Grunde nach der Ausgleich seines Verlustes aus selbständiger Arbeit mit seinen Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit zu.
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Re: Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von Evariste »

ktown hat geschrieben: 18.07.21, 14:14 Sorry hab den zweiten Link noch korrigiert. Dort passte der Leitsatz wie auch der Link nicht.

Das ist doch genau das was ich meine und bisher aus den Urteilen herauslese.
Bei einem festangestellten Freiberufler ist das Angestelltengehalt mit einzubeziehen. Siehe im Urteil:
Dem Kläger steht dem Grunde nach der Ausgleich seines Verlustes aus selbständiger Arbeit mit seinen Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit zu.
Das stammt aus dem ersten Urteil. Und genau das:
ktown hat geschrieben: 18.07.21, 14:14 Bei einem festangestellten Freiberufler ist das Angestelltengehalt mit einzubeziehen.
ist dort nicht der Fall, sondern der Kläger wurde immer nur befristet im Rahmen von Projekten beschäftigt. Die Abgrenzung zwischen selbständiger und nichtselbständiger Tätigkeit stellt sich als "eher zufällig" dar, Aufträge wurden mal als AN, mal als Selbständiger bearbeitet. Der Künstler hatte hierauf wohl auch wenig Einfluss.
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Re: Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von bavarian tax collector »

Jedem Gewerbebetrieb und auch jeder freiberuflichen Tätigkeit wohnt die Gewinnerzielungsabsicht qua Definition inne. Von daher ist alleine das Vorliegen vom Verlusten KEIN Merkmal für fehlende Gewinnerzielungsabsicht.

Es gibt vom Grundsatz her zwei Konstellationen, die zur Verneinung der Gewinnerzielungsabsicht führen können.

1. Der Betrieb ist nach seiner Art nicht dazu geeignet jemals Gewinne zu erwirtschaften.

2. Die erwirtschafteten Verluste werden aus privaten Gründen akzeptiert (Steuern sparen ist übrigens ein privater Grund!)
Die Klassiker hier sind natürlich der Reiseschriftsteller und die Pferdezucht, aber es gibt auch Urteile zum Beispiel zu Gaststätten (300 Jahre im Familienbesitz) und anderen klassischen Gewerbebetrieben. Hauptgrund ist hier u.a. meistens, dass diese Tätigkeiten als Nebenerwerb geführt werden. Zur Abgrenzung sei auf das Urteil zum RA mit 12 (zwölf) Verlustjahren angeführt, der die RA-Kanzlei im Haupterwerb geführt hat, aber -vom FG bestätigt!- betriebswirtschaftlich schlicht eine absolute Niete war!

Hier sehe ich eindeutige Anzeichen für eine private (Mit-)Veranlassung der Hinnahme der Verluste, z.B. ...
ktown hat geschrieben: 18.07.21, 11:54 Seine Zugehörigkeit zum Versorgungswerk ist abhängig von der Kammermitgliedschaft und diese ist abhängig davon, dass er auch beruflich tätig ist
Mit dem Wissen würde ich sofort die Verluste nicht mehr anerkennen! Die Altjahre bleiben als Anlaufverluste bestehen.

Ausnahme: Es wird ein schlüssiges Konzept vorgelegt, wie die Tätigkeit in Zukunft nicht nur in die Gewinnzone gebracht werden soll, sondern wie die bisher aufgelaufenen Verluste durch zukünftige Gewinne ausgeglichen werden sollen!

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Re: Darf ein angestellter Architekt in seiner freiberuflichen Tätigkeit dauerhaft Verluste erwirtschaften?

Beitrag von ktown »

Wenn ich die Ergebnisse zusammenfasse, dann scheine ich die Urteile komplett missverstanden zu haben.

Ich ging, aufgrund der Urteile, davon aus das
1. Die Einnahmen im Angestelltenverhältnis wie in der Freiberuflichkeit zusammengefasst werden müssen und erst dann eine Beurteilung der Gewinnerzielungsabsicht erfolgen darf und das Minus in der Freiberuflichkeit als Künstler (dazu zählen ja auch die Architekten) nicht allein zur Entscheidung ausreicht.
2. Die nebenberufliche Tätigkeit nicht rein wegen der Abhängigkeiten erfolgt, sondern auch weil es in diesem Marktsegment Möglichkeiten gibt sich zu etablieren. Sie ist jedoch durch den eigenen AG soweit beschränkt, dass die Möglichkeit in die Gewinnzone zu kommen sehr eng ist. Die Bemühungen sind jedoch immer vorhanden. Irgendwann ist jedoch auch die prächtigste Zitrone vollends ausgepresst. Es ist nun mal leider so, dass gerade in heutigen Zeiten viele Termine final nicht zu einer honorarwürdigen Arbeit führt und daher nur Kosten erzeugt.
bavarian tax collector hat geschrieben: 19.07.21, 13:33Hier sehe ich eindeutige Anzeichen für eine private (Mit-)Veranlassung der Hinnahme der Verluste z.B. ...
Inwieweit sind die Abhängigkeiten privat veranlasst hingenommene Verluste? Die Abhängigkeit resultiert ja nicht aus einem privat veranlassten Mitgliedbeitrag den der A freiwillig bezahlt sondern aus der Pflichtmitgliedschaft die für die Ausübung des Berufs notwendig ist und um die spätere Rente zu garantieren.
bavarian tax collector hat geschrieben: 19.07.21, 13:33Die Altjahre bleiben als Anlaufverluste bestehen.
Heißt was?

Final muss man wohl sagen, dass man, um der ständigen argwöhnischen Beäugung durch das Finanzamt zu entgehen man die nebenberufliche Tätigkeit als Liebhaberei abstempeln lässt und nicht mehr in der Einkommenssteuererklärung aufführt. Es wurde, so denke ich, in einem Schreiben so vorgeschlagen (wobei ich vielleicht auch hier mit meiner Lesart falsch liege). Dort heißt es, dass beabsichtigt wird die Verluste für das vergangene Jahr aus Ansatz zu lassen.
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