Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, Straf- und Ordnungswidrigkeitenverfahren

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Anika1987
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Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Beitrag von Anika1987 »

Hallo zusammen,

mich interessiert folgender fiktiver Fall:

Angenommen A ist 20 Jahre alt - als er 1 Jahr als war, trennten sich seine Eltern.
Sein Vater B hatte nur sporadisch, alle paar Jahre mal, Interesse an Kontakt mit ihm und seinem Zwillingsbruder.

Über die Jahre wurde A von seinem Vater immer wieder misshandelt - körperlich in Form von „übers Knie legen mit nacktem Po“, Schlägen mit einer Reit-Gerte, Schläge auf den Hinterkopf, Haare ziehen, u.ä.

Zudem gab es psychische Misshandlung in Form von „mit dem Zwillingsbruder fährt er ins Schwimmbad und A muss daheim bleiben und PVC-Klebereste vom Boden kratzen“, Beleidigungen usw...

Die letzte Misshandlung ist nun 9 Jahre her.

A hat auch noch 2 ältere Geschwister, der große Bruder wurde in ähnlicher Form misshandelt, aber weniger Schlimm, die Schwester wurde ebenso wie A‘s Zwillingsbruder nicht körperlich misshandelt, maximal Psychisch etwas belastet.

Die Mutter der Kinder wurde während der Ehe mehrfach verprügelt, hierzu liegen Anzeigen und Krankenhausberichte vor.


Angenommen A hätte leider jetzt erst darüber gesprochen und es seiner Schwester erzählt und hat den Wunsch den Vater anzuzeigen - würde dies Sinn machen?

Als Zeuge für die Misshandlungen würde der Zwillingsbruder zur Verfügung stehen.

Gibt es eine Verjährungsfrist?
Sofern man nach 9 Jahren noch etwas tun kann - müsste A lediglich zur Polizei gehen oder sich einen Anwalt nehmen?

Wie würde solch ein Verfahren aussehen und würde der Vater (nicht vorbestraft) überhaupt eine gerechte Strafe erhalten?

Über einige Tipps und Meinungen freue ich mich

Liebe Grüße
Anika

ktown
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Re: Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Beitrag von ktown »

Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

Gesetze sind eine misslungene Kreuzung aus dem Alphabet und einem Labyrinth.
"Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt" Zitat Goethe

J.A.
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Re: Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Beitrag von J.A. »

Gibt es eine Verjährungsfrist?
Ja, 10 Jahre, die auch erst mit dem 18 Geburtstag des Opfers zu laufen beginnen. Nach aktuellem Recht fangen sie sogar erst ab dem 30. Geburtstag an zu laufen, aber für die hier beschriebenen Zeiträume gilt noch die alte Regelung. Verjährung wäre hier also kein Problem.
Sofern man nach 9 Jahren noch etwas tun kann - müsste A lediglich zur Polizei gehen oder sich einen Anwalt nehmen?
Für eine Strafanzeige reicht es zur Polizei zu gehen. Einen Anwalt braucht man dafür nicht zwingend. Man muss sich allerdings auch klar machen, dass nicht jede Erziehungsmaßnahme, wie etwa Kinoverbot o.ä., eine Misshandlung von Schutzbefohlenen darstellt.

Bei körperlichen Züchtigungen sieht es anders aus, jedoch muss auch dort eine "rohe Misshandlung" vorliegen.

Von daher wäre es wahrscheinlich doch sehr sinnig, vor einer Anzeige mal einen Rechtsanwalt oder eine Opferberatungsstelle aufzusuchen und um eine rechtliche Einordnung der Taten zu bitten. Möglicherweise liegt eine Körperverletzung vor, jedoch keine Misshandlung von Schutzbefohlenen. Eine (einfache) Körperverletzung wäre im Gegensatz zur Misshandlung von Schutzbefohlenen allerdings mittlerweile verjährt.
Aus "Stilblüten der Justiz":
"Die Reifeverzögerung des heranwachsenden Angeklagten ist dermaßen ausgeprägt, dass er in seiner Entwicklung einem Jugendrichter gleichzustellen ist"

Anika1987
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Re: Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Beitrag von Anika1987 »

Vielen Dank für eure Antworten.

Ich fände es auch sinnvoll, wenn A sich vorab bei einer Opferberatungsstelle informieren würde.

Ich bin in diesem Fall absolut für eine Anzeige und würde zu 100% hinter A stehen, allerdings ist A auch wahnsinnig traumatisiert - und wenn ich mir vorstelle, dass er all diese schlimmen Dinge erst bei der Polizei erzählen muss, dann ggf. nochmal später in Gegenwart seines Vaters vor Gericht und dann bekommt der Vater vielleicht gar keine „gerechte“ Strafe, das wäre bestimmt sehr schlimm für ihn.

Was mich weiterhin interessiert:

Es ist bekannt, dass 2 seiner späteren Beziehungen gescheitert sind, da er einmal den Sohn und einmal den Enkel von den neuen Partnerinnen schlecht behandelt hat - den Enkel von der letzten Partnerin hatte er hoch gehoben und gegen den Rahmen eines offenen Dachfensters gedrückt und gesagt wenn er nicht lieb sei, würde er ihn aus dem Fenster werfen - dies erzählte der Vater selbst seiner Tochter. Darf man dies bei der Polizei erwähnen? Die letzte Partnerin sagte auf Rückfrage ob sie als Zeugin zur Verfügung stehen würde, dass so etwas angeblich nicht passiert wäre - bei der Polizei müsste sie aber doch die Wahrheit sagen, oder nicht?

Weiterhin empfinde ich es als wichtig zu erwähnen, dass der Vater seit dem Zeitpunkt der Trennung von der Mutter seiner 4 Kinder den BDSM-Bereich für sich entdeckt hat - er spricht offen und ohne Hemmungen mit jedem darüber und erzählt wie gerne er Frauen auspeitscht usw - dies ist ihm ja frei gestellt, sofern die Frauen das auch möchten, wovon ich ausgehe - ganz besonders übel wird mir aber bei dem Gedanken, dass ungefähr zum gleichen Zeitraum als er diese Dinge für sich entdeckte dann auch A mit der Gerte gepeitscht wurde usw...

Der Vater von A ist allgemein und überall als Sadist bekannt.

Ich werde zeitnah um einen Termin bei der Opferberatung bitten und hoffe, dass A dann für sich die richtige Entscheidung treffen kann...

J.A.
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Re: Misshandlung von Schutzbefohlenen - Anzeige? Verjährung?

Beitrag von J.A. »

und dann bekommt der Vater vielleicht gar keine „gerechte“ Strafe, das wäre bestimmt sehr schlimm für ihn.
Möglicherweise bekommt er auch gar keine Strafe, weil überhaupt nicht angeklagt wird. Oder, was vermutlich noch schlimmer für A wäre, es wird angeklagt und anschliessend gibt es einen Freispruch. Das muss man alles in Erwägung ziehen.
Darf man dies bei der Polizei erwähnen?
Darf man schon, nur muss man natürlich damit rechnen, dass der Vater diesen Vorwurf bestreitet und möglicherweise mit einer Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung reagiert.
bei der Polizei müsste sie aber doch die Wahrheit sagen, oder nicht?
Ja, prinzipiell schon. Es sei denn, es würde ihr ein Zeugnis- oder Auskunftsverweigerungsrecht zur Seite stehen. Abgesehen davon hat es ja vielleicht auch wirklich nicht stattgefunden, und der Vater hat nur Blödsinn erzählt. Oder es hat stattgefunden, aber die Partnerin war nicht dabei. Mit solchen Geschichten vom Hörensagen kommt man in der Regel nicht weit.
Ich werde zeitnah um einen Termin bei der Opferberatung bitten
Ja, das ist ein kluges Vorgehen
Aus "Stilblüten der Justiz":
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