IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Rechtsgeschäfte des täglichen Lebens, Kaufrecht für Käufer und Verkäufer, Werkvertragsrecht

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Biergärtnerin
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IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von Biergärtnerin »

Hallo,

Herr H hat bei der Firma F den Bau einer Homepage beauftragt.
F arbeitet bei ihm auf dem Server. Aufgrund einer Umzuges zu einem anderen Dienstleister gehen alle Daten bei H verloren bevor F diese fertiggestellt hatte.
F hatte keine eigene Sicherungskopie angefertigt - was auch aus datenschutzrechtlichen Erwägungen wohl ok war.

Frage nun: kann F von H die ursprünglich vereinbarte Vergütung verlangen oder muss eine "Anpassung" vorgenommen werden?
Mangels Abnahme ist das Werk ja nie fertig geworden. Wer trägt in diesem Fall oben das Risiko des Untergangs und woraus könnte F seine möglichen Ansprüche stützen?


Vielen Dank für euer brainstorming!!

ktown
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von ktown »

Bis zur Abnahme des Werks trägt der Unternehmer diese Gefahr (§ 644 Abs. 1 Satz 1 BGB). 
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

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Evariste
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von Evariste »

ktown hat geschrieben:
10.09.20, 16:22
Bis zur Abnahme des Werks trägt der Unternehmer diese Gefahr (§ 644 Abs. 1 Satz 1 BGB).
Aber nur im Allgemeinen, nicht wenn - wie hier - der Besteller mitverantwortlich für den Untergang ist.

Da gilt dann der 645 Abs. 1 BGB:
(1) Ist das Werk vor der Abnahme infolge eines Mangels des von dem Besteller gelieferten Stoffes oder infolge einer von dem Besteller für die Ausführung erteilten Anweisung untergegangen, verschlechtert oder unausführbar geworden, ohne dass ein Umstand mitgewirkt hat, den der Unternehmer zu vertreten hat, so kann der Unternehmer einen der geleisteten Arbeit entsprechenden Teil der Vergütung und Ersatz der in der Vergütung nicht inbegriffenen Auslagen verlangen. ...
Das ist eine durchaus gängige Konstellation in der IT-Welt, dass auf den Systemen des Kunden entwickelt wird. Der Auftragnehmer muss sich darauf verlassen können, dass der Kunde so grundlegende Dinge wie Verfügbarkeit und Datensicherung sicherstellt.

ktown
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von ktown »

So dann erklären sie mal, wo hier der Besteller die Anweisung gegeben hatte, dass Erstens der H keine Sicherheitskopie seiner Arbeit an dritter Stelle verwahrt und Zweitens der Besteller den Herr H angewiesen hat nur auf dem Server von F zu arbeiten.

Was anderes ist es, wenn Herr H nur dort arbeiten konnte und mit Firma F vertraglich vereinbart wurde, dass es keine Sicherungskopie woanders gibt.
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Evariste
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von Evariste »

ktown hat geschrieben:
11.09.20, 08:29
So dann erklären sie mal, wo hier der Besteller die Anweisung gegeben hatte, dass Erstens der H keine Sicherheitskopie seiner Arbeit an dritter Stelle verwahrt und Zweitens der Besteller den Herr H angewiesen hat nur auf dem Server von F zu arbeiten.
Wie gesagt, beides sind übliche Vorgehensweisen, damit ergibt sich die "Anweisung" schon aus dem Auftrag. Man hätte natürlich den Entwickler beauftragen können, a) auf einem eigens als Entwicklungsumgebung aufgebauten Zweitserver zu arbeiten und b) sich selbst um die Datensicherung des Servers zu kümmern, das wären aber Zusatzleistungen und hätte den Preis erhöht.

(Aus technischer Sicht ist zu sagen, dass auch eine "Sicherheitskopie seiner Arbeit" nicht bedeutet, der Unternehmer kann direkt wieder weitermachen, wo er aufgehört hat, sondern die Arbeitsergebnisse müssen erst wieder auf dem neu aufgesetzten Webserver eingespielt werden, es müssen neue Tests durchgeführt werden und so weiter. Das kann ein erheblicher Zusatzaufwand sein.)

Ich hatte aber sowieso eher an den 1. Teil des Paragrafen gedacht: "infolge eines Mangels des von dem Besteller gelieferten Stoffes". Der Besteller hat die Plattform für die Entwicklungsaufgaben zur Verfügung gestellt, damit haftet er auch für eventuelle Mängel derselben.

Übertragen wir das Szenario mal auf ein physikalisches Beispiel: Ein Yachtbesitzer beauftragt einen Handwerker, in seiner Yacht eine neue Küche einzubauen. Am Wochenende, der Handwerker ist noch nicht fertig, fährt der Yachtbesitzer mit der Yacht aufs Meer hinaus, es kommt überraschend ein Sturm auf und die Yacht geht - mitsamt der unfertigen Küche - unter. Nach Ihrer Meinung also Pech für den Handwerker?

Tastenspitz
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von Tastenspitz »

Wer hat den Servercrash zu verantworten?
War festgelegt ohne Backup zu arbeiten?
Wer für generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen ist, hebe bitte den rechten Fuß.
Für individuelle Rechtsberatung bitte "ALT" und "F4" auf der Tastatur gleichzeitig drücken.

ktown
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von ktown »

Evariste hat geschrieben:
11.09.20, 09:22
Wie gesagt, beides sind übliche Vorgehensweisen, damit ergibt sich die "Anweisung" schon aus dem Auftrag.
Die sie kennen? Ich bezweifle stark, dass es üblich ist ohne Backup zu arbeiten.

Hier übrigens mal was zum lesen.
Ihr Vergleich mit der Yacht hinkt übrigens in mehreren Fällen.
1. Für die Küche kann man kein Backup machen.
2. Ist auch im Yachtbeispiel der Besteller nur dann in der Haftung, wenn er fahrlässig gehandelt hat. Wenn er zum Beispiel verschuldet eine Überspannung auslöst die wiederum die Yacht in Brand setzt.
Alles, was ich schreibe, ist meine private Meinung.

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Evariste
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Re: IT-Werkvertrag - Untergang vor Fertigstellung

Beitrag von Evariste »

ktown hat geschrieben:
11.09.20, 12:27
Ihr Vergleich mit der Yacht hinkt übrigens in mehreren Fällen.
1. Für die Küche kann man kein Backup machen.
Naja, man könnte aber argumentieren, der Handwerker hätte die Küche soweit wie möglich außerhalb der Yacht bauen können und - eventuell unter Zuhilfe weiterer Arbeitskräfte - diese dann in einem Tag einbauen können. Dann hätte es kein Problem geben. Warum hat der Handwerker das nicht gemacht? Weil es zusätzlichen Aufwand und zusätzliche Kosten bedeutet hätte und der Kunde das nicht beauftragt hat. (Genauso wie der Kunde hier kein Backup beauftragt hat.)
2. Ist auch im Yachtbeispiel der Besteller nur dann in der Haftung, wenn er fahrlässig gehandelt hat. Wenn er zum Beispiel verschuldet eine Überspannung auslöst die wiederum die Yacht in Brand setzt.
Entspricht das Ihrem Rechtsempfinden? Dass der Auftragnehmer auch für Entscheidungen mithaftet, auf die er keinen Einfluss hat? Wenn ein Stum die Yacht im Hafen zerstört hätte, könnte man noch darüber diskutieren, aber so... Jedenfalls setzt § 645 BGB kein Verschulden des Bestellers voraus.
Tastenspitz hat geschrieben:
11.09.20, 10:15
Wer hat den Servercrash zu verantworten?
War festgelegt ohne Backup zu arbeiten?
Wenn der Dienstleister, der den Server hostet, ordentlich arbeitet, benötigt man keine lokalen Backups, dann kümmert sich der Dienstleister um die Backups. Laut Sachverhalt sind die Daten aber nicht beim Dienstleister verloren gegangen, sondern beim Umzug zu einem anderen Dienstleister. Hat also auch nichts mit einem Servercrash o. ä. zu tun. Sondern wohl eher damit, dass sich der Auftraggeber beim Übertragen der Daten von einem Provider zum anderen ungeschickt angestellt hat.

(Man müsste sich natürlich ansehen, inwiefern Herr H so wenig Ahnung hatte, dass F eben doch in der Pflicht gewesen wäre, auf mögliche Risiken hinzuweisen, eventuell auch Backups zu ziehen etc. Es gibt aber keine grundsätzliche Verpflichtung dazu.)

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