Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Moderator: FDR-Team

Kannichtklagen
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Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Kannichtklagen »

Hallo Zusammen,

ich fahre auf den Beschleunigungsstreifen einer Autobahn, hinter mir mehrere Autos. Ich kann wegen LKW-Verkehr nicht auf die rechte Spur der Autobahn einfädeln und reduziere meine Geschwindigkeit, um eine "Lücke" abzuwarten.

Der ungeduldige Sportwagenfahrer hinter mir auf dem Beschleunigungsstreifen kann nicht abwarten und zieht in der nächstbesten Lücke ein (offenbar mit dem Ziel mich ebenfalls zu überholen). Nun schere ich ein, weil ich nicht mit soviel Dreistigkeit gerechnet habe, dass der Sportwagenfahrer hinter mir auf den Pin tritt und mich auch noch überholen will (und dadurch meinen Einfädelvorgang noch weiter zu verlängern).

Es kommt zu einer gefährlichen Situation dass ich den Sportwagenfahrer beim Einfädeln geschnitten habe, es endete mit einer Starkbremsung seinerseits, sowie einem Licht- und Hupkonzert. Ich habe das mal mit einer Zeichnung versucht zu verdeutlichen (blau ich):

http://s4.postimg.org/ufxskv4tp/zeichnung.jpg

Wer haftet bei einem Unfall? Muss ich damit rechnen, dass Fahrzeuge die unmittelbar hinter mir einfädeln und meinen Einfädelversuch, meinen gesetzten Blinker und das Ende des Beschleunigungsstreifens sehen einfach ignorieren? Hat der Autofahrer hinter mir einen nicht viel besseren Blick über die Verkehrssituation als der Vordermann, der nur mit Spiegeln und Schulterblick arbeiten kann? Kann sich der Sportwagenfahrer mit der Aussage herausreden, dass sein Einfädelversuch bereits abgeschlossen war und ich die Vorfahrt ihm gegenüber missachtet habe? Wie ist die Rechtslage?

Nordland
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Nordland »

Hallo,

fahre auch viel Autobahn und hasse solche Fahrer wie die Pest. Auch die Rechtsprechung scheint es in Haftungsfällen nicht so gut mit ihnen zu meinen:
http://www.anwalt-bauer.de/urteile/haftung-bei-einfahrt-auf-die-autobahn-84.html hat geschrieben:Immer wieder ist zu beobachten, dass Autofahrer bei Einfahrt in die Autobahn es nicht abwarten können, bis das Fahrzeug vor ihnen auf dem Beschleunigungsstreifen in die Autobahn einfährt. Der Überholvorgang, der später auf der Autobahn zulässig wäre, wird hier also vorgezogen. Diese Ungeduld – oder häufiger Rücksichtslosigkeit – des vermeintlich schnelleren Fahrers führt immer wieder zu kritischen und gefährlichen Situationen im Bereich der Autobahneinfahrten. Bei den dort gefahrenen Geschwindigkeiten zeigt sich ein derart hohes Gefährdungsrisiko, das der regelwidrig überholend auf die Autobahn einfahrende Fahrzeuglenker aufbaut, dass dessen alleinige Haftung für einen daraus resultierenden Verkehrsunfall in der Regel zu akzeptieren sein wird.
Es ist unser Land.

schneckenkorn
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von schneckenkorn »

Ganz weit oben in der Liste der Regeln wird das vorausschauende Fahren gefordert.

lerchenzunge
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von lerchenzunge »

Einerseits - Andererseits

Einerseits gilt das von Nordland hier bereits treffend angeführte.

Andererseits jedoch:
Sie schreiben, dass sie "wegen LKW-Verkehr nicht auf die rechte Spur der Autobahn einfädeln" können, andererseits jedoch ist eine Lücke so lang vorhanden, dass sowohl ihr Hintermann als auch sie sich da hineinquetschen können. Es wäre hier zu hinterfragen, ob Sie die Verkehrssituation vielleicht falsch wahrgenommen haben

Weiter verlangt "vorausschauendes Fahren" auch, den Verkehr auf der Autobahn bereits vor Erreichen der Beschleunigungsspur zu beobachten und nach Lücken Ausschau zu halten. Und dann von Anfang an konzentriert eine Lücke anzusteuern, eventuell auch eine weiter vorne liegende Lücke mittels "kickdown" anzusteuern. Ihr Verhalten, so wie hier beschrieben, klingt erratisch und wenig vorausschauend.

Wie so oft, eigentlich fast immer im Verkehrsrecht würde das wahrscheinlich auf geteilte Haftung hinauslaufen, da hier sich beide Fahrer nicht wie Idealfahrer gemäß §17 StVG verhalten haben...

ExDevil67
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von ExDevil67 »

lerchenzunge hat geschrieben: Weiter verlangt "vorausschauendes Fahren" auch, den Verkehr auf der Autobahn bereits vor Erreichen der Beschleunigungsspur zu beobachten und nach Lücken Ausschau zu halten.
Wie soll das funktionieren? Bei den Auffahrten die ich kenn fahre ich im Regelfall durch eine Kurve bevor ich den Beschleunigungsstreifen erreiche, da ist nix mit vorher den Verkehr beobachten. Wobei ich auch keine Hemmungen habe die "weiße Mauer" am Ende des Beschleunigungsstreifen (aka Fahrbahnmarkierung) im Zweifel zu überfahren wenn es vorher nicht passt.

Hans Ulg
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Hans Ulg »

Vorfahrtregeln gelten zwischen denen, die die Auffahrt passieren und denen, die auffahren wollen, aber nicht zwischen den Auffahrenden untereinander. Im vorliegenden Fall handelt es sich daher m.E. um einen Überholvorgang mit verbotener Behinderung des Überholten.

lerchenzunge
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von lerchenzunge »

ExDevil67 hat geschrieben: Wie soll das funktionieren? Bei den Auffahrten die ich kenn fahre ich im Regelfall durch eine Kurve bevor ich den Beschleunigungsstreifen erreiche,
das hängt natürlich von den örtlichen Bedingungen ab, aber normalerweise hat man gerade in dieser Kurve eine besonders gute Sicht auf den Verkehr auf der Autobahn, da man zur Beobachtung nur leicht nach links blicken muss und nicht Spiegel und Schulterblick bemühen muss.

windalf
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von windalf »

Vorfahrtregeln gelten zwischen denen, die die Auffahrt passieren und denen, die auffahren wollen, aber nicht zwischen den Auffahrenden untereinander.
Was das Problem der Diskussion ja nur dahingehend verlagert ab wann ist denn der Auffahrvorgang abgeschlossen. Für mich ist er das mit dem Spurwechsel inkl. der Anpassung/Erreichung der Geschwindigkeit des rollenden Verkehrs. Ein Sportwagen schaft das halt deutlich schneller als ein anderes Auto...

Aus meiner Sicht gibt es aber noch ein ganz anderes Problem. Wenn derjenige wegen des LKW's nicht rüber kommt und das hier
Wobei ich auch keine Hemmungen habe die "weiße Mauer" am Ende des Beschleunigungsstreifen (aka Fahrbahnmarkierung) im Zweifel zu überfahren wenn es vorher nicht passt.
nicht möglich ist, weil der Beschleunigungsstreifen einfach zu Ende ist dann ist es doch besser, wenn nur ein Auto da am Ende anhalten muss und zusehen muss wie er sich einfädelt als das sich eine Schlange bildet weil die hinteren alle anfangen auf den Vorderen zu warten und abbremsen müssen. Dann haben nämlich alle mit zu wenig Leistung unter der Haube das Problem sich aus dem Stand einzufädeln zu müssen. Mit sowas produziert man Staus...
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Zitat Karsten: Das beweist vor Allem, dass es windalf auch nicht gibt.

Zafilutsche
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Zafilutsche »

Aus meiner Beobachtung heraus, erlebe ich ähnlich Fälle (nur dass der Hintere auffahrende zuvor die Durchgezogene Linie überfahren muß)
Damit befindet sich der "Sportliche" Fahrer durch diese Ordnungswidrigkeit eher auf der Fahrspur. Und dieser ist auch noch überrascht wenn Auffahrende Fahrzeuge (also sein ehemaliger Vordermann) nun auch auf die Autobahn fährt.

P.S.
Wobei ich auch keine Hemmungen habe die "weiße Mauer" am Ende des Beschleunigungsstreifen (aka Fahrbahnmarkierung) im Zweifel zu überfahren wenn es vorher nicht passt.
Das ist genauso unzulässig wie das überfahren der Durchgezogenen Linie. Und weil immer wieder irgendwelche Müll Klamotten auf der Standspur liegen ist es darüber hinaus auch sehr gefährlich.

Hans Ulg
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Hans Ulg »

windalf hat geschrieben:
Was das Problem der Diskussion ja nur dahingehend verlagert ab wann ist denn der Auffahrvorgang abgeschlossen.
Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Auffahrvorgang bereits vor Ende des Einfädelungsstreifens beendet ist, handelt es sich immer noch um einen Überholvorgang mit Behinderung und immer noch um Fahrzeuge, die an der selben Auffahrt auffahren, zwischen denen also Vorfahrtrecht nicht gilt.

Froggel
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Froggel »

Zafilutsche hat geschrieben:
Wobei ich auch keine Hemmungen habe die "weiße Mauer" am Ende des Beschleunigungsstreifen (aka Fahrbahnmarkierung) im Zweifel zu überfahren wenn es vorher nicht passt.
Das ist genauso unzulässig wie das überfahren der Durchgezogenen Linie. Und weil immer wieder irgendwelche Müll Klamotten auf der Standspur liegen ist es darüber hinaus auch sehr gefährlich.
Das stimmt schon, aber: Wenn ein rechtfertigender Grund vorliegt, darf die Fahrbahnmarkierung überfahren werden. Das ist dann zwar eine Owi, die aber dann nicht bestraft wird, wenn andernfalls die Gefahr eines Unfalls besteht, weil jemandem aus dem Stand das Einfädeln unmöglich ist. Grundsätzlich ist eine Standspur aber natürlich nicht zu befahren, und wenn aufgrund dessen etwas passiert, haftet man voll. Abgesehen davon verstößt man mit dem Halten auf dem Beschleunigungsstreifen gegen § 12 1.3 StVO, begeht also ebenfalls eine Owi. Die Entscheidung liegt also im Ermessen des Einfädelnden, was weniger gefährlich ist. Im Prinzip hat man hier die Wahl zwischen Pest und Cholera :wink:
Ich bin kein Jurist.
- alle Angaben ohne Gewähr -

Hans Ulg
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von Hans Ulg »

Verkehrsbedingtes Warten ist kein Halten. Und selbst schneller voran zu kommen ist kein rechtfertigender Grund,

questionable content
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von questionable content »

schneckenkorn hat geschrieben:Ganz weit oben in der Liste der Regeln wird das vorausschauende Fahren gefordert.
..und dem steht das Vertrauensprinzip gegenüber, dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer ebenfalls verkehrsordnungsgemäß, vorausschauend und rücksichtsvoll benehmen.

Man kann schlicht nicht realistisch jeden regelwidrigen Schwachsinn prognostizieren, den ein anderer Verkehrsteilnehmer machen könnte.
Few people are capable of expressing with equanimity opinions which differ from the prejudices of their social environment. Most people are even incapable of forming such opinions.

windalf
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von windalf »

questionable content hat geschrieben:
schneckenkorn hat geschrieben:Ganz weit oben in der Liste der Regeln wird das vorausschauende Fahren gefordert.
..und dem steht das Vertrauensprinzip gegenüber, dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer ebenfalls verkehrsordnungsgemäß, vorausschauend und rücksichtsvoll benehmen.

Man kann schlicht nicht realistisch jeden regelwidrigen Schwachsinn prognostizieren, den ein anderer Verkehrsteilnehmer machen könnte.
Das nicht aber man könnte ganz einfach definieren wer zuerst auf Spur x war hatte Vorfahrt. Wie man das dann beweist usw mag ein anderes Problem sein aber es würde sich das eine oder andere klarer und einfacher definieren lassen als mit "rücksichtsvoll benehmen"...

Es ist doch eher gerade nicht gewollt knallhart zu formulieren wer wann Vorrang hat, damit dieser dann nicht auf Teufel komm raus eingefordert werden kann und es so etwas wie rücksichtsnahme im Straßenverkehr gibt...
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Zitat Karsten: Das beweist vor Allem, dass es windalf auch nicht gibt.

rabenthaus
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Re: Vorfahrt auf der Autobahn - Rechtslage

Beitrag von rabenthaus »

Hallo

also ich kann mich ja vielleicht nicht mehr an alles aus meiner Fahrschule erinnern, aber ich erinnere mich genau daran gelernt zu haben dass man in der Auffahrt nicht anhalten darf. uns wurde ausdrücklich beigebracht in diesem Fall den Standstreifen zu nutzen und bei nächster Gelegenheit auf die Autobahn einzufädeln.
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

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