Soldat erkrankt im Wehrdienst und wird krank heimgeschickt.

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Schorsch.
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Soldat erkrankt im Wehrdienst und wird krank heimgeschickt.

Beitrag von Schorsch. » 02.08.10, 16:09

Ein Soldat der Reserve wird zu einem Wehrdienst (Lehrgang) einberufen. Während des Lehrgangs erkrankt er schwer an einer Blinddarmentzündung. Er wird auf der Krankenstation der Kaserne untergebracht und nach Untersuchung durch einen Truppenarzt mit Antibiotika-Tabletten behandelt. Nach Ende des Lehrgans (an dem Lehrgang konnte er nicht teilnehmen, da er bettlägerig war) entließ ihn der Truppenarzt nach Hause trotz weiterbestehender Erkrankung. Die Kameraden mußten sein Gepäck in ein Taxi schaffen, da er zu schwach war, er mußte anschließend in seinem desolaten Zustand ca. 500 km in einem überfüllten ICE alleine nach Hause fahren.

Es folgte eine Woche Krankenhausaufenthalt in einem zivilen KH, dieses mal mit Antibiotika-Infusionen. Dieser Aufenthalt wurde von der Bundeswehr bezahlt.

Anschließend wochenlanger Krankenstand (Arbeitsunfähigkeit mit Krankengeldbezug der GKV), schließlich erneut stationäre Aufnahme im zivilen KH mit Blinddarmoperation.

Abgesehen davon, daß der Soldat wohl in seinem Zustand zum Zeitpunkt des Lehrgangs in das nächste Bundeswehrkrankenhaus hätte gebracht werden müssen, meinte sogar - nach Beschwerde des Soldaten - der Wehbeauftragte, daß eine Verlängerung des Wehrdienstes nach § 29a des Wehrpflichtgesetzes nur bei einer zum Entlassungszeitpunkt stattfindenden stationären truppenärztlichen Behandlung möglich sei. Da dies in diesem Falle nicht vorläge, sei die Übernahme von weiteren Behandlungskosten im Rahmen der unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung nicht möglich.

Man kann annehmen, daß die Erkrankung durch die nicht angemessenen Behandlung durch den Truppenarzt als auch durch die vorzeitige Entlassung des Soldaten nach Hause mit den Strapazen der Heimreise zu einer Verschleppung wenn nicht Verschlimmerung der Erkrankung geführt haben.

Andererseits entstanden dem Soldaten finanzielle Verluste, weil das Krankengeld weniger als sein Gehalt ist, zudem die Zuzahlungen zu Medikamenten, zu Krankenhaus usw.

Ist die Vorgehensweise der Bundeswehr in diesem Fall rechtens?
Gruß
Schorsch.

Torstein
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Re: Soldat erkrankt im Wehrdienst und wird krank heimgeschic

Beitrag von Torstein » 12.08.10, 13:00

Die Vorgehensweise der Bundeswehr als Institution ist auf jeden Fall rechtens.

Was allerdings an dieser Geschichte nicht nur ethisch sondern auch fachlich falsch erscheint ist die Vorgehensweise des Truppenarztes. Dieser hätte bei Verdacht auf eine akute Entzündung im Bauchraum entsprechende diagnostische (ggf. bildgebende) Verfahren einleiten müssen sowie ein Konsil bei einem Facharzt in einem nahegelegenen FAZ, BWK oder einer zivilen Einrichtung einholen sollen.

Da die Bundeswehr nach Beendigung der Wehrübung die angefallenen Kosten für eine Behandung in ziviler Einrichtung übernahm, sind ist diese jedoch aus dem Schneider. Denn dies war (die Verzögerte) Reaktion auf die Beschwerden des Soldaten.

Was mich allerdings irritiert: Genannter Reservist wurde nach der Wehrübung als Patient mit abdominellen Beschwerden und V.a. Appendicitis in eine Klinik eingeliefert, welche ihn nicht operierte, sondern nur medikamentös behandelte.
Die Standardvorgehensweise wäre eine - nach der stationären Aufnahme - zeitnahe laparoskopische Appendektomie gewesen. Sprich: Minimalinvasive, endoskopische Entfernung des Wurmfortsatzes. So eine OP dauert i.d.R. (inkl. Einleitung der Anästhesie und Lagerung des Patienten) ca 45-50 Minuten. Wäre also recht schnell zu regeln.

Alles in allem sieht mir das wie eine Grundlage für ein zivilrechtliches Verfahren aus...

Darum nun meine Fragen:

1. Welchen Rang hatte der erstbehandelnde Truppenarzt und wie erfahren war dieser?
2. Wurde dem weiterbehandelnden Arzt in Krankenhaus ein ärtzlicher Brief des erstbehandelnden Arztes zugestellt?
3. Wurde mit dem Patienten im Krankenhaus die Möglichkeit einer Operation nahegelegt; wurde dieser fachgerecht beraten?
4. Wurde die Krankengeschichte zur Neubewertung einem Facharzt übergeben, welcher eine mögliche Verschleppung/ Verschlimmerung der Erkrankung im Sinne eines Gutachtens bestätigt oder eben nicht?
Tastenspitz hat geschrieben: Da will man einmal als Nichtbehinderter diskriminiert sein - und? Wieder nix!

Schorsch.
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Re: Soldat erkrankt im Wehrdienst und wird krank heimgeschic

Beitrag von Schorsch. » 13.08.10, 16:20

Ich habe den Soldaten noch einmal befragt, dabei stellte sich heraus, daß ich die Krankheit falsch verstanden hatte. Es handelte sich um eine Mandelvereiterung mit Fieber und schwerem Kranksein.

Hier neue Informationen:

Soldat während der Einzelwehrübung erkrankt und vom Truppenarzt MSG geschrieben und auf die Bettenstation gebracht mit Antibiotikabehandlung. Der Soldat mit hohem Fieber war der einzige auf dieser Station, und das Pflegepersonal war überfordert. Das erste Essen bekam er erst am Abend.

Es wurde immer wieder darüber diskutiert, ob der Soldat nicht besser in das BWK gebracht werden sollte.

Freitags Entlassung durch den Truppenarzt nach Hause, im kranken und geschwächten Zustand Hunderte Kilometer Zugfahrt, Krankmeldezettel (KZH 7 Tage).

Während dieser 7 Tage KZH war Pflicht zur Vorstellung bei anderem Truppenarzt, da erneuter Dienstantritt. Soldat mußte von seiner Ehefrau mit dem Privatauto ca. 50 km zum Truppenarzt gefahren werden, warten, sich rechtfertigen, erklären usw. trotz seiner schweren Erkrankung ohne Stimme mit weiter bestehendem Fieber.

Während KZH Notaufnahme in ziviles KH für 6 Tage, HNO-Klinikum, mit Antibiotika-Infusionen. Nach Rücksprache mit Truppenteil keine Verlegung in BwK.

Am Tag nach Ende der stationären Behandlung erneut Vorstellung beim Truppenarzt mit 50 km privater Autofahrt (die Ehefrau fuhr ihn hin). Nun Eintrag Dienstunfähigkeit für weitere 4 Wochen in die G-Akte.

In den nächsten Tagen Behandlung durch Hausarzt und HNO-Arzt mit Empfehlung der Operation, da keine Besserung der Erkrankung. Operation erfolgte in einem zivilen KH.

1. Welchen Rang hatte der erstbehandelnde Truppenarzt und wie erfahren war dieser?

Untersucht wurde der Soldat in während der Erkrankungszeit von Bundeswehrseite aus in folgender Reihenfolge:

Oberstabsarzt X a.D., Vertragsarzt der Bw
Oberstabsarzt X a.D., Vertragsarzt der Bw
Herr Dr. Y, Vertragsarzt Bw
Frau Dr. Z, Stabsarzt Bw
Herr Dr. B, Vertragsarzt Bw

2. Wurde dem weiterbehandelnden Arzt in Krankenhaus ein ärztlicher Brief des erstbehandelnden Arztes zugestellt?

Nein

3. Wurde dem Patienten im Krankenhaus die Möglichkeit einer Operation nahegelegt; wurde dieser fachgerecht beraten?

Nicht sicher, da verschiedene ärztliche Meinungen.

4. Wurde die Krankengeschichte zur Neubewertung einem Facharzt übergeben, welcher eine mögliche Verschleppung/ Verschlimmerung der Erkrankung im Sinne eines Gutachtens bestätigt oder eben nicht?

Eine fachärztliche Begutachtung (im engeren Sinne eines schriftlichen ärztlichen Gutachtens der Krankengeschichte zur Neubewertung einer Verschleppung/Verschlimmerung) erfolgte nicht. Insbesondere erfolgte keine fachärztliche Untersuchung oder Bewertung der Erkrankung von Ärzten der Bw. Aber es erfolgte eine

Begutachtung gemäß ZDv 46/1 „vorrübergehend nicht dienstfähig/verwendungsfähig“ (handschriftlich: „voraussichtlich für die Dauer von 4 Wochen“)

Angekreuzt wurde auf dem Formular: Truppenärztliches Gutachten erstellt: nein
Gruß
Schorsch.

Torstein
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Re: Soldat erkrankt im Wehrdienst und wird krank heimgeschic

Beitrag von Torstein » 01.09.10, 20:03

Oh my...
Sorry war länger nicht da. Also! Zuerst mal frage ich mich grade wie man eine Appendizitis mit entzündeten Mandeln verwechseln kann. Zudem gibts sowas wie "schweres Kranksein" nicht. Aber das nur am Rande...


So. Der Soldat wurde also KZH geschrieben und hat sich entschieden die Heimfahrt mit dem Zug zu begehen. Das ist ja schonmal ne gute Idee. In seinem Zustand Auto zu fahren wäre mehr als nur leichtsinnig. Optimale Lösung wäre natürlich gewesen, hätte Soldat jemanden angerufen zwecks Abholung.
Dass er sich dann vor einem anderen Standortarzt während des KZH's vorstellen musste, kann ich nicht glauben. Denn sowas passiert prinzipiell immer nach einem KZH. Dann muss man sich eigentlich wieder bei dem Arzt/ SanZentrum vorstellen, der einen auch krank geschrieben hat. Dass der Truppenarzt hier verfügte, der Soldat habe sich beim Standortarzt zu melden ist also eine nette Geste.

Dann: Wenn Soldat während dem KZH sich entschloss, ins zivile Krankenhaus zu gehen ohne Rücksprache mit einem Truppenarzt zu halten (und so wie es beschrieben wird gleich am Tag nach der KZH-Schreibung!) ist das natürlich so eine Sache. Wie hier die genaue Rechtslage ist, kann ich gar nicht sagen. ABer vom Grundprinzip her hätte er das mit einem militärischen Arzt ausmachen müssen!
Dass hier ein Bw-Truppenarzt nicht ins BWK verlegen liess resultiert aus der Tatsache, dass Soldat sich schon in einem Krankenhaus befand. Und da Soldat eine akute Erkrankung hatte und das zivile KH ihn aufnahm muss davon ausgegangen werden, dass es sich um eine HNO-Klinik der Akut- und Regelversorgung handelte. Er war also alles in allem dort gut aufgehoben.

An dieser Stelle höre ich dann nämlich auch auf. Meine Fragen bezogen sich auf das Krankheitsbild einer Appendicitis., die beantworteten Fragen passen also gar nicht mehr hierzu.

Was die privaten Fahrten angeht: Das wird vorausgesetzt. §17 Absatz 4 SG (Pflicht zur Gesunderhaltung) setzt eine gewisse Mitwirkungspflicht am genesungsprozess voraus. Dazu kann man die Fahrten von- und zu Krankenhaus zählen.

Mein bester Rat, den ich hier abschliesend geben kann und will ist: Den gesamten Schriftverkehr nehmen und zu einem Anwalt für Medizinrecht gehen. Dieser wird am besten helfen können!

MfG

Die Schilderung ist recht schwammig, will mir erscheinen. Darum
Tastenspitz hat geschrieben: Da will man einmal als Nichtbehinderter diskriminiert sein - und? Wieder nix!

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