Arbeitszeugnis - Erstellung durch bestimmte Pers. ablehnbar?

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rechtschaffen
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Arbeitszeugnis - Erstellung durch bestimmte Pers. ablehnbar?

Beitrag von rechtschaffen »

Hallo @all,

folgende fiktive Situation würde ich gerne schildern und mich über die Erläuterung der Rechtslage freuen.

Eine Arbeitnehmerin kündigt nach 10 Jahren Betriebszugehörigkeit ihr Arbeitsverhältnis in einer kleinen Firma. Vorangegangen ist ein Streit mit dem Prokuristen der Firma, der aber erst seit knapp 8 Monaten dort tätig ist. Die ehemalige Prokuristin ist nach vielen Jahren Firmenzugehörigkeit in den Ruhestand gegangen, der Firmeninhaber hat die Firma von seinem Vater geerbt, kennt das Geschäft und die Tätigkeiten der Mitarbeiter nicht und ist 1 mal pro Woche vor Ort, aber nur in seinem Büro um Zeitung oder ein paar Briefe zu lesen. Er hat keinen blassen Schimmer, was genau gemacht wird und es interessiert ihn nicht, da er eine andere Firma hat.

Die Prokuristin hat der Arbeitnehmerin bereits zu Zeiten, in denen sie noch da war, ein Arbeitszeugnis geschrieben, ein sehr sehr gutes noch dazu. Da sie sich damit aber nicht auskannte, hat sie sich hinter ein Buch gesetzt und ein paar Floskeln und Formulierungen rausgenommen. Die Arbeitnehmerin möchte jetzt dem Firmeninhaber gerne einen Eigenentwurf vorlegen, in der Hoffnung, dass er diesen übernimmt. Es gibt auch belegte und unterschriebene Briefe, in denen der Firmeninhaber in einer schwierigen Zeit der Arbeitnehmerin sagt, dass er ohne sie nicht klargekommen wäre und bedankt sich für ihre Arbeit.

Was sich die Arbeitnehmerin jetzt konkret fragt: Der Firmeninhaber interessiert sich nicht für die Firma und kann das Geschäft nicht, die Prokuristin ist seit einigen Monaten im Ruhestand und der Prokurist erst seit dieser Zeit in der Firma. Wenn das selbstvorgelegte und entworfene Arbeitszeugnis nicht übernommen wird, könnte die Arbeitnehmerin die Zeugniserstellung durch diesen Personenkreis von vornherein ablehnen oder müsste sie ein vom Firmeninhaber geschriebenes Zeugnis zumindest erhalten, um es dann sofort gerichtlich anzugehen ? Wie könnte jemand, der das Geschäft nicht kennt, ihre Leistung beurteilen, oder jemand, der nicht mal 1/10 der Zeit da war das tun ?

Wie ist die Rechtslage in diesem Fall ?

Besten Dank im Voraus.
matthias.
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Beitrag von matthias. »

Das ganze ist zwar ein Problem, allerdings das Zeugnis können wohl nur der Prokurist oder der Firmeninhaber unterschreiben, jemand anderes ist dazu nicht berechtigt oder wie stellst du dir das vor?
rechtschaffen
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Beitrag von rechtschaffen »

@matthias

Vielen Dank für schnelle Erläuterungen zur Rechtslage.

Dass der Firmeninhaber oder der Prokurist nur unterschreiben können, ist klar. Meine Vorstellung war folgende ganz konkret: Die Arbeitnehmerin schickt ihren Arbeitszeugnisentwurf basierend auf dem Entwurf der ehemaligen Prokuristin an den Firmeninhaber mit der Bitte, diesen Vorschlag auf sein Papier zu übernehmen und zu unterzeichnen. Jetzt gäbe es ja zwei Möglichkeiten:

a) er sagt, "Ja", ich will keinen Stress und dann ist die Sache für mich erledigt oder eben

b) er sagt "Nein", das Zeugnis ist für meinen Geschmack zu gut, ich formuliere ein eigenes und schicke es der Arbeitnehmerin, weil sie ja Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis hat und da greift dann meine Fragestellung bzgl. der Rechtslage. Der Firmeninhaber plagt sich nur mit einer geerbten/vor einigen Jahren vom verstorbenen Vater übernommenen Firma. Er könnte überhaupt gar nicht sagen, was die Arbeitnehmerin von morgens bis abends überhaupt an Aufgaben gemacht hat, selbst wenn er wollte und der Prokurist kann doch nach 8monatiger Firmenzugehörigkeit nicht ein Arbeitsspektrum von 10 Jahren beurteilen. Somit wären wir bei der in den Ruhestand ausgeschiedenen Ex-Prokuristin, dürfte sie wohl herangezogen werden ? Sie ist ja auch schon 8 Monate raus. Darum ging es in der Situation.
matthias.
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Beitrag von matthias. »

Das Ganze funktioniert letztlich so, der AN hat ein Anspruch auf ein wohlwollendes Zeugnis.

Es kommt jetzt darauf an wer welche Leistung belegen kann. Ein Zeugnis in der Mitte ist etwa befriedigen. Wenn der AG so eines ausstellt müsste der AN beweisen, dass er besser ist, also wenn er eine 1 oder 2 haben will. Wenn der AG ein Zeugnis schlechter als 3 ausstellt müsste er beweisen dass der AN schlechter als 3 war.

Jetzt könnte man vor Gericht natürlich ein 8 Monate altes Zwischenzeugnis durchaus als Beweis vorlegen dass zumindest 9 Jahre lang die Leistung wohl sehr gut war, dass ist dann auch ein starker Hinweis, dass man ein Endzeugnis im Bereich 1-2 verdient. Der AG müsste ansonsten schon belegen, dass die Leistung sehr stark abgefallen ist in den letzten 8 Monaten.

Also da man die Aussage der alten Prokuristin ja schon hat ist es auch gar nicht nötig (und in meinen augen kaum nachträglich möglich) sie da rein zu ziehen.

MfG
Matthias
Biber
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Re: Arbeitszeugnis - Erstellung durch bestimmte Pers. ablehn

Beitrag von Biber »

rechtschaffen hat geschrieben:Die Arbeitnehmerin möchte jetzt dem Firmeninhaber gerne einen Eigenentwurf vorlegen, in der Hoffnung, dass er diesen übernimmt.
Versuch macht kluch. Und bis sie kluch ist, sollte sie sich nicht weiter den Kopf zerbrechen.

Ein AN hat grundsätzlich Anspruch auf ein wohlwollendes Zeugnis mit durchschnittlicher Beurteilung. Will der AN eine bessere Beurteilung (und der AG weigert sich), muß der AN beweisen, daß die Forderung nach einer besseren Beurteilung gerechtfertigt ist. Umgekehrt gilt das auch. [Edit: hat matthias. inzwischen schon geschrieben]

So wie der Chef hier geschildert wird, sollte es eigentlich keine Probleme geben - welches Interesse hätte er, sich irgendwelchen Stress mit einer ausgeschiedenen AN einzuhandeln? Zumal davon auszugehen ist, daß er vor Gericht Nachweisprobleme bekommen und die AN Zeugen für ihre Forderungen anführen könnte.

Zum praktischen Vorgehen: ich würde mir das Zeugnis mit Unterstützung einschlägiger Seiten im Internet zusammenbasteln und dann auf jeden Fall durch einen Fachmann überprüfen und ggf. korrigieren lassen. Das kann ein Fachanwalt für Arbeitsrecht sein, genauso gut aber auch eine entsprechendes Angebot im Netz - ist wohl auch eine Preisfrage (das Geld ist aber definitiv gut angelegt und die Rechnung lässt sich im übrigen steuerlich absetzen). Dann mit der Bitte um Prüfung hinschicken und gleichzeitig anbieten, bei Nachfragen jederzeit für ein persönliches Gespräch zur Verfügung zu stehen.
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rechtschaffen
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Beitrag von rechtschaffen »

@all

herzlichen Dank für die Schilderungen der möglichen rechtlichen Lage. Die Arbeitnehmerin hat -vorausschauend wie sie war- die Erstellung des Zeugnis-Entwurfs bereits für einen nicht unerheblichen Betrag in gute Hände gegeben. Dort sind innerhalb eines bestimmten Zeitraums alle Änderungen im Preis enthalten sowie auch ein telefonisches Gespräch etc. Dieses Zeugnis wird ja in allen weiteren Bewerbungen immer in den Unterlagen sein und daher wollte sie das Geld auf jeden Fall gut investiert wissen.

Sie wird es jetzt erstmal versuchen, aber im Kern dieser Rechtslagen-Klärung ging es ja darum, ob der Arbeitgeber mangels Firmenwissen überhaupt befähigt wäre und ein Zeugnis überhaupt ausstellen dürfte.

Ich halte alle auf dem Laufenden :-)
matthias.
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Beitrag von matthias. »

rechtschaffen hat geschrieben:
Sie wird es jetzt erstmal versuchen, aber im Kern dieser Rechtslagen-Klärung ging es ja darum, ob der Arbeitgeber mangels Firmenwissen überhaupt befähigt wäre und ein Zeugnis überhaupt ausstellen dürfte.

Ich halte alle auf dem Laufenden :-)
Der AG ist der einzige der dazu berechtigt ist oder ein entsprechend Bevollmächtigter (hier z.b. Prokurist). Anders kann es nicht gehen.

Du scheinst so bisschen auf dem Tripp zu sein, wenn der AG das nich beurteilen kann, darf man sich sein Zeugnis selber schreiben.

MfG
Matthias
rechtschaffen
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Beitrag von rechtschaffen »

@Matthias

da ich keinerlei Drogen konsumiere, bin ich auch nicht auf irgendeinem Tripp.

Ich weiss leider, dass in unserem wunderschönen Staate recht haben und recht bekommen weiter auseinander liegen als Peking und Washington D.C. Fakt ist, dass so ziemlich alles, was er liefert sofort vor Gericht gehen wird.
rechtschaffen
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Beitrag von rechtschaffen »

@all,

ich habe heute nochmal eine anschlussfrage an Euch. Nehmen wir mal an der Chef hat ein perfektes Arbeitszeugnis, Note 1 mit viel Lob in jedem Bereich, mit vielen Extra-Tätigkeiten etc. weitestgehend übernommen und hat dann allerdings bei den Leistungen den Satz "zur vollsten" Zufriedenheit durch "zur vollen" ersetzt, was kann man dann tun ?

Seine fadenscheinige Begründung war, voll könne man doch nicht mehr steigern. Jetzt wirkt das Zeugnis total unharmonisch und vor allem unglaubwürdig. In jedem Satz viel Lob für die Mitarbeiterin von vorne bis hinten, überall nicht mehr steigerungsfähig und dann der Passus ....erledigte ihre Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit. Nach einem Telefonat mit dem Chef sagte dieser, er würde es wohl ändern, aber auch keine klare Aussage dazu.

Der Ghostwriter, der die Vorlage geschrieben hat, sagte, dass es wohl diverse Gerichtsurteile gebe, die darauf gerichtet waren, wenn das komplette Zeugnis perfekt war, dass es dann nicht so einen abweichenden Passus geben könnte und die Gerichte auch entsprechend entschieden. Ist dazu was bekannt bzw. kann jemand hier die Rechtslage nochmal erläutern ? Wir würden dann wohl sonst zum Anwalt gehen und Klage auf Änderung einreichen.

Besten Dank im Voraus.
Tastenspitz
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Beitrag von Tastenspitz »

Auch wenn es abgedroschen ist: Das wichtigste am Zeugnis ist die Telefonnummer, die drauf steht. Dann kann man als potentieller AG da anrufen und erfährt die Wahrheit über den AN und muss nicht irgendwelche weichgespülten, teilweise fragwürdigen Allgemeinformulierungen lesen.
Wer für generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen ist, hebe bitte den rechten Fuß.
Für individuelle Rechtsberatung bitte "ALT" und "F4" auf der Tastatur gleichzeitig drücken.
matthias.
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Beitrag von matthias. »

Wenn der Rest des Zeugnisses sehr gut ist, dann wird das Zeugnis nicht schlecht wenn der AG das st bei voll weg lässt.
Es weigern sich viele AG die deutsche Rechtschreibung zu beugen, von daher ist das mittlerweile so anerkannt.

Ansonsten hat Tastenspitz recht, was im Zeugnis steht wird sowieso von den AN völlig überbewertet. Zeugnisse sagen Heute eigentlich fast nichts mehr aus (ausser sie sind wirklich schlecht).

MfG
Matthias
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