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Darf mich das Arbeitsamt zur Harz 4 zwingen ?

Verfasst: 20.04.11, 11:51
von Vitus
Hallo ich habe da ein paar fragen .
Jemand bekommt nach 27 Jahren Arbeit , in einem Labor der Chemiebranche wegen Standortschließung die Kündigung .
Das Alg1(1600 €) liegt knapp über der Alg2 Grenze (sechköpfige Familie mit vier Kindern) .
Kann der Sachbearbeiter von der Arbeitsagentur einen zwingen eine schlecht bezahlte Arbeit( Zeitarbeit) anzunehmen , die dazu zwingen würde Harz4 zu beantragen ?

Re: Darf mich das Arbeitsamt zur Harz 4 zwingen ?

Verfasst: 20.04.11, 12:24
von FM
Das kommt darauf an was man vorher verdient hatte und wie lange man schon arbeitslos ist.

Ein Nettoeinkommen (nach Abzug der Werbungskosten) das geringer ist als das AlG 1 muß man aber nicht akzeptieren. Bei Hartz IV dann schon.

Re: Darf mich das Arbeitsamt zur Harz 4 zwingen ?

Verfasst: 20.04.11, 14:20
von Vitus
Das Einkommen lag bei ca. 2400 Euro Netto im Monat . Ergab 1600 Alg1 .
Mein Beruf wird zur Zeit von Zeitarbeitsfirmen überschwemmt , die Arbeiter zu Dumpingpreisen anbieten .
Eine Vollbeschäftigung wie hier in diesem Fall brachte ca .20 Euro Brutto die Stunde .
Zeitarbeitsfirmen bieten (nach meiner jetzt sechsmonatigen Erfahrung) maximal 11 Euro die Stunde . :devil:
Zum Vergleich : Waldi zahlt Aushilfskräften 11,10 Euro :cry:
Wenn eine Arbeit bei einer Leihfirma , die sich über eine günstige Fachkraft freuen würde , gerade mal 1300 Euro minus Fahrkosten bringt , kann man das ablehnen ohne eine Kürzung des Ag1 zu riskieren ?
Nach 12 Monaten kommt ( hoffentlich nicht) Alg2 , dann man muss nehmen was vorgesetzt wird . Richtig ?
Würde dann noch von der Arge aufgestockt ?

P.S.
Irgendwie macht mich die Vorstellung wütend das man arbeiten geht und trotzdem Sozialleistungen beziehen muss um was essbares auf dem Tisch zu haben . :-x

Re: Darf mich das Arbeitsamt zur Harz 4 zwingen ?

Verfasst: 20.04.11, 14:25
von Chavah
@ Vitus: Beim Bezug von ALG I muss nicht jede Stelle angenommen werden. Da geht es um Kriterien wie Zumutbarkeit u.s.w. Wenn man allerdings in ALG II rutscht, dann muss letztlich jede Stelle annehmen. Ein Aufstocker wird man, wenn das Einkommen nicht ausreicht, um sich selbst und die Familie zu ernähren.

Chavah

Re: Darf mich das Arbeitsamt zur Harz 4 zwingen ?

Verfasst: 20.04.11, 16:31
von karlhaider
Chavah hat geschrieben:@ Vitus: Beim Bezug von ALG I muss nicht jede Stelle angenommen werden. Da geht es um Kriterien wie Zumutbarkeit u.s.w. Wenn man allerdings in ALG II rutscht, dann muss letztlich jede Stelle annehmen. Ein Aufstocker wird man, wenn das Einkommen nicht ausreicht, um sich selbst und die Familie zu ernähren.

Chavah
Das stimmt so nicht. Die Zumutbarkeit muss auch bei Vermittlungsvorschlägen im Rahmen des Alg II Bezuges gegeben sein. Einzig die Bestimmungen, die die Zumutbarkeit regeln, sind anders. Siehe dazu den für Alg II maßgeblichen § 10 SGB II Zumutbarkeit.

Da der Themenstarter im Alg I Bezug ist, gehen wir mal näher auf den hierfür maßgeblichen § 121 SGB III Zumutbarkeit ein.
Besonders interessant für diesen Fall ist der Satz 3:
(3) Aus personenbezogenen Gründen ist eine Beschäftigung einem Arbeitslosen insbesondere nicht zumutbar, wenn das daraus erzielbare Arbeitsentgelt erheblich niedriger ist als das der Bemessung des Arbeitslosengeldes zugrunde liegende Arbeitsentgelt. In den ersten drei Monaten der Arbeitslosigkeit ist eine Minderung um mehr als 20 Prozent und in den folgenden drei Monaten um mehr als 30 Prozent dieses Arbeitsentgelts nicht zumutbar. Vom siebten Monat der Arbeitslosigkeit an ist dem Arbeitslosen eine Beschäftigung nur dann nicht zumutbar, wenn das daraus erzielbare Nettoeinkommen unter Berücksichtigung der mit der Beschäftigung zusammenhängenden Aufwendungen niedriger ist als das Arbeitslosengeld.
Vitus hat geschrieben:Das Einkommen lag bei ca. 2400 Euro Netto im Monat . Ergab 1600 Alg1 .
Wenn eine Arbeit bei einer Leihfirma , die sich über eine günstige Fachkraft freuen würde , gerade mal 1300 Euro minus Fahrkosten bringt , kann man das ablehnen ohne eine Kürzung des Ag1 zu riskieren ?
Zunächst einmal: Bei Alg I Bezug gibt es keine Kürzung, sondern Sperrzeiten. Das bedeutet, verhält man sich versicherungswidrig, dann kann das Arbeitslosengeld I für 3 Monate komplett entfallen. Siehe dazu den § 144 SGB III Ruhen des Anspruchs bei Sperrzeit.
Kürzungen (=Sanktionen) gibt es bei Alg II. Das bedeutet, dort wird der maßgebliche Regelsatz für 3 Monate um erstmalig 10 bzw. 30 % gekürzt - je nach Vergehen. Siehe dazu den § 31a SGB II Rechtsfolgen bei Pflichtverletzungen.

Zur Berechnung der Zumutbarkeitsgrenze müsste man den Bruttolohn wissen, da meines Wissens nach dieser ausschlaggebend ist. Ausgehend von den gegebenen Zahlen ist meines Erachtens in den ersten 7 Monaten des Bezugs von Alg I eine Entlohnung von 1300 Euro weder brutto noch netto zumutbar. Nach 7 Monaten Bezug von Alg I liegt die Zumutbarkeitsgrenze dann exakt auf Alg I Niveau (also 1600 Euro). Weiteres lässt sich dem o.g. § 121 Satz 3 SGB III Zumutbarkeit entnehmen.
Wenn sich herausstellt, dass die Zumutbarkeit nicht gegeben ist, kann man dies der Agentur für Arbeit (Alg I) bzw. dem Jobcenter (Alg II) mitteilen, z.B. auf dem Antwortschreiben, das für gewöhnlich den Vermittlungsvorschlägen beiliegt.