K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

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helmes63
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K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von helmes63 »

Sehr geehrte Forenfachleute
sowie Forenteilnehmer,

... wie mir ein Bekannter Anfang dieser Woche erklärte scheint es so zu sein, dass eine Gewerkschaftsmitgliedschaft bei einigen Zeitarbeitsunternehmen bereits ein K-O-Kriterium ist. Diese Auswahlpraxis erscheint mir etwas seltsam, weil diese Vorgehensweise doch eigentlich einen grassen Verstoß gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz bilden müsste.

Es handelt sich hier objektiv nicht um ein nachprüfbares Auswahlkriterium im Rahmen der individuellen Qualifikation des
betreffenden Bewerbers. Diese Vorgehensweise ist noch grasser wenn die Vergütung durch eine Tarifvereinbarung mit dem DGB geregelt ist.

Ich persönlich gehe davon aus, dass der Bekannte sich hier eindeutig irrt.
webelch
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von webelch »

Auch wenn ich mir eigentlich nur Popcorn holen wollte. Wie sollte das Unternehmen warum von der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft erfahren?
Tastenspitz
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von Tastenspitz »

helmes63 hat geschrieben:Ich persönlich gehe davon aus, dass der Bekannte sich hier eindeutig irrt.
Korrekt.
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Celestro
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von Celestro »

helmes63 hat geschrieben:Diese Auswahlpraxis erscheint mir etwas seltsam, weil diese Vorgehensweise doch eigentlich einen grassen Verstoß gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz bilden müsste.
Dann möchte ich darum bitten, den Paragraphen des AGG zu nennen, in dem geregelt ist, daß die Diskriminierung "aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft" verboten ist. :engel:
kdM
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von kdM »

Celestro hat geschrieben:Dann möchte ich darum bitten, den Paragraphen des AGG zu nennen, in dem geregelt ist, daß die Diskriminierung "aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft" verboten ist. :engel:
Es gibt da irgendwo so eine Regelung zum Grundrecht der Berufsfreiheit, die sinngemäß besagt, alle Deutschen hätten das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Jemand hat dazu mal die Auffassung vertreten, dass diese Vorschrift keine Diskriminierung wegen der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gewerkschaft zulasse. Weil diese Vorschrift einen „Schutzpflichtcharakter“ hätte.

Man kann daraus die Meinung ableiten, dass diese Norm (zusammen mit Art. 20 Abs. 1 GG) für eine Interpretation des Rechts spricht, wonach auch der private Arbeitgeber den Bewerber jedenfalls dann nicht ohne sachlich gerechtfertigten Grund ablehnen darf, wenn dieser keine andere Möglichkeit hat, auf einen anderen und zumutbaren Arbeitgeber auszuweichen. Das dürfte bei einem Zeitarbeiter m.E. regelmäßig der Fall sein.

Andere sagen: Es gibt da noch so eine Vorschrift, die sinngemäß besagt: Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, sei für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, wären nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen seien rechtswidrig. Diese Vorschrift gelange zwischen Privatrechtssubjekten unmittelbar zur Anwendung, und lässt damit keine Diskriminierung wegen Gewerkschaftszugehörigkeit zu.

Aber das findet man alles nicht im AGG. :devil:
"Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird." (Sascha Lobo)
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von Rabenwiese »

Ich gehe davon aus das dieser Bekannte nicht irrt

Mir ist es ebenfalls bekannt das Bewerber die ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft oder Zugehörigkeit zu einer den Arbeitgebern nicht unbedingt sonderlich gewogenen Partei sehr wohl ein Grund sind diese Bewerbungen Richtung Rundablage zu steuern.

Mir ist dieses Vorgehen von mehreren Firmen der Zeitarbeit bekannt.

Geht das irgendwo aus den Bewerbungsunterlagen hervor weil z.B. der Bewerber seine Politische oder gewerkschaftliche Aktivität und / oder Interesse mitteilt ist er raus.

Gehen diese Infos nicht aus den Bewerbungsunterlagen hervor, dann wird im persönlichem Gespräch danach gefragt. Wird die Mitgliedschaft durch den Bewerber bestätigt, wird das Gespräch noch freundlich zu ende geführt aber der Bewerber wird nicht eingestellt.

Natürlich schreibt sich das keine Firma auf die Fahnen aber es ist täglich gängige Praxis bei einigen. Mir persönlich sind Aufgrund meiner früheren Tätigkeit mit einem ehemaligen Personaldisponenten mindestens 4 solche Firmen bekannt.
Ich denke wenn ich schon mindestens 4 kenne, wird es da noch einige mehr geben.

Man mag dort einfach keine Menschen die ihre Arbeitnehmerrechte kennen und auch einfordern könnten.
Am liebsten hat man dort nicht denkende Befehlsempfänger die pünktlich bei Betreten des Dienstgebäudes Hirn und Courage beim Pförtner abgeben.
winterspaziergang
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von winterspaziergang »

Rabenwiese hat geschrieben:I
Man mag dort einfach keine Menschen die ihre Arbeitnehmerrechte kennen und auch einfordern könnten.
Am liebsten hat man dort nicht denkende Befehlsempfänger die pünktlich bei Betreten des Dienstgebäudes Hirn und Courage beim Pförtner abgeben.
Dazwischen gibt es aber auch die Sorte "Arbeitnehmerrechte einfordern um jeden Preis und ungeachtet der Folgen".
Was Zeitarbeitsfirmen betrifft, mag der "Rauswurf" des Gewerkschaftlers verwerflich, aber nachvollziehbar sein. Wenn man einen Betrieb hat, der sich durch die Missachtung von Arbeitnehmerrechten trägt oder dadurch Gewinn generiert, kann man sich nicht jemand ins Boot holen, der genau dagegen angehen wird.
Für eine "Hühnerfarm" wird man auch keinen Tierschützer einstellen.
karli
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von karli »

Wer wird schon gerne Mitarbeiter einstellen, bei denen bereits im Vorfeld abzusehen ist, daß durch Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit gewissen Schwierigkeiten zu rechnen ist? :roll:

Das gleiche dürfte auch für Schwangere, Aidskranke, Alkoholiker etc. gelten.
Falls der potenzielle Arbeitgeber Wind davon bekommt dürfte in 95% der Fälle Essig mit dem neuen Job sein.
Jemandem, der sowas in die Bewerbung schreibt könnte man schon fast unterstellen, daß er gar keinen Job haben möchte.

Und einen Arbeitgeber, der unzulässige, Fragen stellt, den darf man mit ruhigem Gewissen belügen. :wink: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbe ... l#tocitem2
Wenn du kritisiert wirst, dann mußt du irgend etwas richtig machen, denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat. (Bruce Lee)
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von matthias. »

Rabenwiese hat geschrieben:
Geht das irgendwo aus den Bewerbungsunterlagen hervor weil z.B. der Bewerber seine Politische oder gewerkschaftliche Aktivität und / oder Interesse mitteilt ist er raus.
Wer wäre so doof das reinzuschreiben?
Rabenwiese hat geschrieben: Gehen diese Infos nicht aus den Bewerbungsunterlagen hervor, dann wird im persönlichem Gespräch danach gefragt. Wird die Mitgliedschaft durch den Bewerber bestätigt, wird das Gespräch noch freundlich zu ende geführt aber der Bewerber wird nicht eingestellt.
Man darf hier lügen.
winterspaziergang
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von winterspaziergang »

matthias. hat geschrieben:
Rabenwiese hat geschrieben:
Geht das irgendwo aus den Bewerbungsunterlagen hervor weil z.B. der Bewerber seine Politische oder gewerkschaftliche Aktivität und / oder Interesse mitteilt ist er raus.
Wer wäre so doof das reinzuschreiben?
Gute Frage. Falls die Geschichte stimmt, eigentlich nur jemand, der gegen
helmes63 hat geschrieben:grassen Verstoß gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz
vorgehen oder einfach ein politisches Zeichen :engel: setzen möchte.
helmes63
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von helmes63 »

Ich werde das mal überprüfen. Das man bei dieser Angabe schummeln darf kommt mir bekannt vor.

Aber selbst wenn das so ist: bei einem Arbeitsrechtsprozess kommt dieser Sachverhalt dennoch raus und dann
stellt sich die Frage ob sich bspw. ein rigider Arbeitgeber hier auf den Sachtatbestand des Vertrauensbruches berufen kann. Darin sehe ich hier den entscheidenden Knackpunkt.

übrigens: es geht nicht um die moralische Bewertung. Der Kern meines Beitrages
bezieht sich auf den Umstand, ob hier nicht das Antidiskriminierungsgesetz ausdrücklich greift !!!
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von Tastenspitz »

helmes63 hat geschrieben:ob hier nicht das Antidiskriminierungsgesetz ausdrücklich greift !!!
Das AGG?
Nein.
Nächste Frage...
Wer für generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen ist, hebe bitte den rechten Fuß.
Für individuelle Rechtsberatung bitte "ALT" und "F4" auf der Tastatur gleichzeitig drücken.
windalf
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von windalf »

Tastenspitz hat geschrieben:
helmes63 hat geschrieben:ob hier nicht das Antidiskriminierungsgesetz ausdrücklich greift !!!
Das AGG?
Nein.
Nächste Frage...
Och da lässt sich doch ganz einfach was konstruieren.

Man gucke sich die Verteilung der Gewerkschaftsmitglieder nach Geschlecht, Alter usw an. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass es da Unterschiede geben wird. Diskriminiert man unmittelbar nach Gewerkschaftsmitglied oder nicht diskriminiert man automatisch (ob nun beabsichtigt oder nicht) im Ergebnis immer mittelbar auch nach den im AGG genannten Kriterien.
...fleißig wie zwei Weißbrote
0x2B | ~0x2B
Zitat Karsten: Das beweist vor Allem, dass es windalf auch nicht gibt.
helmes63
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von helmes63 »

Es soll Zeitarbeitsunternehmen geben die vollmundig anführen : Gewerkschaftler nehmen wir nicht,
die machen den Betriebsfrieden kaputt. Schade das man das nicht so ohne weiteres nachweisen kann,
dann hätte die ANÜ aber schon schlechte Karten.

Ich denke das Antidiskriminierungsgesetz leidet an dem Pferdefuß der Beweisführung.
karli
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Re: K-O-Auswahlkriterium : Gewerkschaftsmitgliedschaft

Beitrag von karli »

Celestro hat geschrieben:Dann möchte ich darum bitten, den Paragraphen des AGG zu nennen, in dem geregelt ist, daß die Diskriminierung "aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft" verboten ist. :engel:
Das ist §2 Abs.4 AGG und der §18 AGG
helmes63 hat geschrieben:Ich denke das Antidiskriminierungsgesetz leidet an dem Pferdefuß der Beweisführung.
Nunja, da hat der Gesetzgeber schon versucht, mit dem §22 AGG für eine gewisse Chancengleichheit zu sorgen.
Da haben wir nämlich fast so etwas wie eine Beweislastumkehr.
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