Arbeitszeit oder Überstunden?!

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Hausrocker
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Re: Arbeitszeit oder Überstunden?!

Beitrag von Hausrocker »

Wie kann man sich auf so etwas nur einlassen. Vor allem ohne Arbeitsvertrag.
Die Taktik der Geschäftsleitung wird außerdem vermutlich so aussehen, dass immer auf die Verjährung spekuliert wird. Denn selbst wenn das als Überstunden zählt, die aus der Technik haben das ja offenbar hingekriegt, dann verjähren die nach 3 Jahren zum Jahresende.

Es gibt also keine 217 Stunden um das mal knallhart zu sagen. Die Liste vorlegen wird ein müdes lächeln bewirken. Die werden die Stunden weder anerkennen, noch die Liste unterschreiben, noch irgendwas bezahlen.

Der AG wird behaupten: Das Gehalt ist für 46,25 Stunden ausgemacht. Es gibt keine Überstunden.

Man kann sich ja selbst mal ausrechnen, was das für einen Unterschied beim Stundenlohn macht, ob man 10 Stunden pro Woche mehr oder eben weniger arbeitet.

Celestro
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Re: Arbeitszeit oder Überstunden?!

Beitrag von Celestro »

Traudl83 hat geschrieben:Andere Kollegen im Werkstattbereich, arbeiten jeweils die besagte halbe Stunde täglich weniger und dokumentieren ihre Zeiten per Stechuhr. Diese Option besteht für uns im Materialeinkauf leider nicht.
Natürlich gibt es diese Option nicht ... weil dann das Kartenhaus zusammenfallen würde. Wenn ein Stechuhrsystem existiert, ist es geradezu hahnebüchen zu behaupten, die Option würde es für einzelne MA nicht geben.

Es ist an der Zeit, sich über die Vorgänge endlich einmal etwas schriftlich geben zu lassen:

§ 2 NachwG

Nachweispflicht

(1) Der Arbeitgeber hat spätestens einen Monat nach dem vereinbarten Beginn des Arbeitsverhältnisses die wesentlichen Vertragsbedingungen schriftlich niederzulegen, die Niederschrift zu unterzeichnen und dem Arbeitnehmer auszuhändigen. In die Niederschrift sind mindestens aufzunehmen:

7. die vereinbarte Arbeitszeit,

kdM
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Re: Arbeitszeit oder Überstunden?!

Beitrag von kdM »

SusanneBerlin hat geschrieben:
Die Erfolgsaussichten einer Lohnklage sind ungewiss.
Das sind sie. Wobei, wenn sich die Fragestellerin in rechtliche Beratung zu einem im Arbeitsrecht erfahrenen Anwalt oder der Gewerkschaft begeben würde, sie dort vielleicht noch den einen oder anderen Detailpunkt besprechen könnte.

:arrow: Denkbar wäre z.B., dass man zu dem Ergebnis käme, dass die Abrechnung der Arbeitgeberin einen sehr hohen Beweiswert für die konkludente Vereinbarung einer 37,5 Stunden Woche, bzw. 163 Stunden wäre. Und dass der Verstoß gegen § 2 NachwG nach der Rechtsprechung (z.B. LAG Köln vom 18.01.2010, 5 Sa­Ga 23/09) die Beweisführung für diese Behauptung wenigstens erleichtert.

:arrow: Wer die genaue Höhe des Einkommens kennt, käme vielleicht auch zu folgender Überlegung: Bei einer Wochenarbeitszeit von 41,25 Stunden sind das 178.6 Std im Monat; zuzüglich 2 Mal je Monat 4 Stunden für den Samstagseinsatz beträgt die monatliche Arbeitszeit dann ganze 186,61 Stunden. Die Mindestlohnkommission hatte beschlossen, den gesetzlichen Mindestlohn ab 1. Januar 2017 auf 8,84 Euro festzusetzen. Die monatliche Vergütung dürfte also 1651.40 € nicht unterschreiten.

:arrow: Aber auch bei einer höheren Monatsvergütung von - sagen wir mal - 2000,00 € würde der Stundenlohn dann nur 10.75 € betragen. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts liegt ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung im Sinne von § 138 Abs. 2 BGB in der Regel vor, wenn die Arbeitsvergütung nicht einmal zwei Drittel eines in der betreffenden Branche und Wirtschaftsregion üblicherweise gezahlten Tariflohns erreicht. Je nach Ort und Branche könnte das der Fall sein. Dann könnte man mit Lohnwucher argumentieren. Müsste man genau prüfen.

:arrow: Ein Winkeladvokat würde möglicherweise auch den Sachverhalt so lange erforschen, bis er zu dem Ergebnis käme, dass die anfallenden Überstunden von 0,5 pro Tag, sowie die 4 Stunden je Samstagseinsatz, für die sich der Arbeitgeber etwas überlegen wollte, nicht in der Grundvergütung enthalten sein können, wenn diese die Beitragsbemessungsgrenze (6.350,-- € im Westen) nicht überschreitet, hierzu Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 22. Februar 2012 - 5 AZR 765/10. Bei Fehlen einer (wirksamen) Vergütungsregelung verpflichtet § 612 Abs. 1 BGB den Arbeitgeber, geleistete Mehrarbeit zusätzlich zu vergüten, wenn diese den Umständen nach nur gegen eine Vergütung zu erwarten ist,

Die Erfolgsaussichten einer Lohnklage sind zwar ungewiss, aber auf den ersten Blick zumindest nicht unbedingt negativ. Jemand, der sich damit auskennt, und mehr Informationen verfügbar hat, müsste sich wirklich mal mit den Details beschäftigen.
Celestro hat geschrieben:Es ist an der Zeit, sich über die Vorgänge endlich einmal etwas schriftlich geben zu lassen:
§ 2 NachwG

Nachweispflicht

(1) Der Arbeitgeber hat spätestens einen Monat nach dem vereinbarten Beginn des Arbeitsverhältnisses die wesentlichen Vertragsbedingungen schriftlich niederzulegen, die Niederschrift zu unterzeichnen und dem Arbeitnehmer auszuhändigen. In die Niederschrift sind mindestens aufzunehmen:

7. die vereinbarte Arbeitszeit,
Taktisch gesehen wohl eher die falsche Reihenfolge, siehe oben.
"Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird." (Sascha Lobo)

barbara müller
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Re: Arbeitszeit oder Überstunden?!

Beitrag von barbara müller »

@Hausrocker:
" dann verjähren die nach 3 Jahren zum Jahresende."
Korrekterweise: die Verjährung beginnt mit Ablauf des Jahres in dem die Schuld entstanden ist.
wenn sie/er also seit 3 jahren da beschäftigt ist, hat man dieses Jahr noch Zeit die Verjährung zu hemmen. b.m.

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