Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

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sabsezicke
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Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von sabsezicke » 09.08.19, 06:44

Hallo,

mal angenommen, eine schwerbehinderte Person war bei bei einem AG im ÖD bereits angestellt, nicht verbeamtet. Damals kündigte diese Person, weil sie sich beruflich verändern wollte. Jetzt bewirbt sich diese Person irgendwann wieder bei diesem AG im ÖD auf eine ausgeschriebene Stelle in einem anderen Bereich, als in dem sie zuerst tätig gewesen ist. Die Schwerbehinderung wird in der Bewerbung wieder angegeben und belegt. Es spricht aufgrund der Stellenausschreibung und der Bewerbung und des Lebenslaufs nichts gegen eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Die Person wäre offensichtlich geeignet. Es lagen weder damals noch heute sachgrundlose Befristungen vor.

Jetzt weiß man aus der damaligen Anstellung eine von vier folgenden Dingen (entweder 1. oder 2 oder 3. oder 4.):

1. Aus einer damaligen amtsärztlichen Untersuchung nach der Probezeit ging hervor, dass eine psychische Erkrankung zum damaligen Zeitpunkt vorliegt.
2. Die Person hatte damals bereits in der Probezeit Konflikte mit KollegInnen, die sich aber auflösten. Nach der Probezeit gab es aber erneut Konflikte mit KollegInnen und dann auch mit Vorgesetzten.
3. Die Person wurde nach der damaligen Probezeit sehr oft quatschend mit anderen KollegInnen auf Fluren und anderen Büros gesehen.
4. Was wäre in dem Fall, wenn die Person bereits in den aktuell ausgeschriebenen Bereich tätig war, aber damals innerhalb der Probezeit gekündigt wurde? Könnte man jetzt sagen, "Die Person hats damals nicht gebracht, also wird das dieses Mal auch wieder nichts!"?

Es gab allerdings keine Abmahnungen, sondern "nur" entsprechende Aktenvermerke in der Personalakte.

Darf jetzt einer dieser Gründe dazu führen, dass eine nicht offensichtlich ungeeignete Person nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden muss?

Danke Euch.

GLG

FM
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von FM » 09.08.19, 08:26

Die Einladungspflicht wurde nicht als Ausgangspunkt für Entschädigungsklagen ins Gesetz geschrieben. Zweck ist vielmehr, dass Bewerber mit Behinderung sich als Person vorstellen können, um den Nachteil auszugleichen (hier also: die erste Vermutung, behindert ist ungeeignet oder wenig geeignet, der Bewerber soll durch persönliche Kenntnis nicht nur auf seine Behinderung reduziert sein). Wenn man den Bewerber aber schon viel besser kennt als dies durch ein Vorstellungsgespräch möglich wäre, ist der Zweck auf andere Weise schon erreicht.

Eine andere Frage wäre, ob die Daten aus der alten Personalakte überhaupt so lange aufbewahrt und für diese Einstellung verwendet werden dürfen. Es wurde allerdings nicht mitgeteilt, wie lange die alte Beschäftigung her ist. Wenn schon so lange, dass man sich an die genannten Punkte gar nicht mehr erinnern kann und sie erst wieder durch die alte Personalakte bekannt werden, trifft auch die oben genannte Überlegung nicht mehr zu.

Kai Schröder
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von Kai Schröder » 09.08.19, 10:56

Ich habe es teilweise erlebt, dass die HR-Manager sich nicht mal genau anschauen wer da kommt und schon gar nicht recherchieren. Ich denke du wirst hier in der Beweisschuld stehen, dass die biased Opinion dafür gesorgt hat, dass du nicht eingestellt wirst.

Chavah
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von Chavah » 11.08.19, 14:34

Ich teile FMs Ansicht. Die angeführte Regelung hat nicht den Zweck, Behinderte zu bevorzugen und sie ist auch kein Beschäftigungsprogramm für Personalbüros. Es geht schlicht und ergreifend darum, dass man mögliche Brenachteiligungen wegen Behinderungen ausschließen möchte. Das ist nur bei unbekannten Bewerbern relevant. Wenn man wie hier den Betroffenen kennt und weiß, dass er auf gar keinen Fall in Betracht kommt, dann muss man ihn auch nicht laden. Ich weise immer wieder darauf hin, dass die soft skills immer wieder unterschätzt werden. Wissenslücken kann man häufig auffüllen, aber eine konfliktbeladene unzuverlässige Tratsche wird wohl nie zu einem verantwortungsvollen zuverlässigen Mitarbeiter mutieren. Jedenfalls würde und müsste ich als Arbeitgeber mir dieses Experiment nicht antun. Und wenn ich jemanden auf gar keinen Fall nehme, eben wegen der Zusatzinfos, dann muss ich ihn auch nicht zum Vorstellungsgespräch einladen.

Chavah

FelixSt
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von FelixSt » 11.08.19, 16:25

Wie ich neulich schon schrieb:
FelixSt hat geschrieben:
01.08.19, 20:11
Man sollte sich mal freimachen von dem romantischen Gedanken, aufgrund seiner Schwerbehinderteneigenschaft grundsätzlich überall offene Türen einzurennen, den roten Teppich ausgerollt zu bekommen und (...) spitzenmäßig geeignet zu sein.

WHKD2000
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von WHKD2000 » 11.08.19, 18:50

Chavah hat geschrieben:
11.08.19, 14:34
Wissenslücken kann man häufig auffüllen, aber eine konfliktbeladene unzuverlässige Tratsche wird wohl nie zu einem verantwortungsvollen zuverlässigen Mitarbeiter mutieren.

Chavah
:shock:
kurz und knapp auf den Punkt gebracht

Oktavia
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von Oktavia » 16.08.19, 21:55

Chavah hat geschrieben:
11.08.19, 14:34
Ich teile FMs Ansicht. Die angeführte Regelung hat nicht den Zweck, Behinderte zu bevorzugen und sie ist auch kein Beschäftigungsprogramm für Personalbüros. Es geht schlicht und ergreifend darum, dass man mögliche Brenachteiligungen wegen Behinderungen ausschließen möchte. Das ist nur bei unbekannten Bewerbern relevant. Wenn man wie hier den Betroffenen kennt und weiß, dass er auf gar keinen Fall in Betracht kommt, dann muss man ihn auch nicht laden. Ich weise immer wieder darauf hin, dass die soft skills immer wieder unterschätzt werden. Wissenslücken kann man häufig auffüllen, aber eine konfliktbeladene unzuverlässige Tratsche wird wohl nie zu einem verantwortungsvollen zuverlässigen Mitarbeiter mutieren. Jedenfalls würde und müsste ich als Arbeitgeber mir dieses Experiment nicht antun. Und wenn ich jemanden auf gar keinen Fall nehme, eben wegen der Zusatzinfos, dann muss ich ihn auch nicht zum Vorstellungsgespräch einladen.

Chavah
Leider liebe Chavah ist das was du schreibst nicht so ganz richtig. :roll:
Richtig ist, dass es sich bei der Einladepflicht öffentlicher Arbeitgeber um einen Nachteilsausgleich für Schwerbehinderte handelt. Und ausgeurteilt ist auch, dass man Bewerber*innen die nicht offensichtlich ungeeignet sind einladen muss. Da muss man dann in die Ausschreibung gucken und sich mindestens die geforderte Ausbildung angucken. Eine schwerbehinderte oder gleichgestellte Küchenhilfe braucht man nicht auf eine Sozialarbeiterstelle einladen auf eine Stelle als Gartenhelferin aber sehr wohl. Das heisst ja nicht, dass man die Person auch einstellen muss. Wenn sie allerdings das Verfahren "gewinnt" wird es eng. Dann kann man das komplette Verfahren noch aufheben (mit Begründung) und alles neu starten ggf mit anderen Kriterien...
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Chavah
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von Chavah » 17.08.19, 07:47

Sorry Oktavia, da gibt es durchaus anderslautende Entscheidungen. Es geht hier ja nicht um den Ausgleich eines Nachteils, sondern jemand wird nicht eingeladen, weil man ihn kennt und denjenigen auf gar keinen Fall nehmen wird, eben wegen der Vorgeschichte.

Chavah

Oktavia
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Re: Schwerbehindert und geeignet, aber doch Gründe für Nichteinladung

Beitrag von Oktavia » 17.08.19, 10:42

Damit machst du das Verfahren angreifbar und zahlst ggf. Lehrgeld 8) Das ist bei uns juristisch geprüft durch die Juristen der Personalabteilung. Wir laden regelmäßig jedes Jahr ein schwerbehinderten Bewerber der sich mit 45 Jahren auf einen Azubiplatz bewirbt und unter psychischen Einschränkungen leidet. Wenn die Grundvoraussetzung (Ausbildung, körperliche Möglichkeit ) passt muss eingeladen werden.
Find ich auch blöd, ist aber so.
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