Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Moderator: FDR-Team

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Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Beitrag von T »

Hallo,

nehmen wir an, wegen der Corona-Situation nimmt ein netter Nachbar das Kleinkind viele Stunden am Tag und beaufsichtigt es einfach, während es mit seinen eigenen Kindern spielt. Da er dann erst recht nicht zum Einkaufen kommt (ist ja bei Corona schon mit den eigenen Kindern eher ungünstig), hilft der andere Nachbar nach seiner Arbeit da gern aus und bringt die Einkäufe vorbei, wenn er sein Kind abholt. Da die Einkaufszeit natürlich viel weniger ist als die Zeit zur Kinderbetreuung, überlässt er auch gern mal kleinere Einkäufe ohne Abrechnung.

Soweit problematisch, oder nicht? Es könnte ja als "Bezahlung in Naturalien" Schwarzarbeit sein? Beides korrekt anmelden als Minijob geht ja nicht immer, z. B. bei Sozialbezügen, Rente oder wenn schon ein anderer Minijob vorhanden ist. Oder ist das Einkaufen als Gegenleistung unproblematisch, das Überlassen von Lebensmitteln aber nicht?

Und wenn es soweit noch nicht problematisch war: Was ist, wenn der Nachbar auch vor Corona, also als Kitas / Schulen geöffnet waren, bereits in deutlich kleinerem Umfang als Babysitter für den gleichen Nachbarn tätig war, wenn der Überstunden machen musste? Das natürlich korrekt als Minijob angemeldet.

Also kurz: Der selbe Nachbar, der schon vorher in kleinem Umfang im Minijob die Kinder gelegentlich betreut hat, macht das in Corona-Zeiten im großen Umfang. Statt dafür mehr zu zahlen, hilft der andere Nachbar aus, wo er wiederum kann.

Unter diesem Gesichtspunkt: Ist der Plan vom Bundesfamilienministerium, dass Eltern wie in den 70ern ihren eigenen "Kindergarten" mit wechselseitiger Betreuung machen, nicht höchst problematisch? Das wäre ja praktisch auch in "Naturalien" bezahlte Arbeit, also Betreuung bezahlt mit Betreuung.

FM
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Re: Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Beitrag von FM »

Natürlich kann und muss man einen Minijob auch dann anmelden, wenn man Sozialleistungen bezieht. Man muss es eben dem Sozialleistungsträger mitteilen, dass dieser ggf. neu berechnen kann. Das muss man aber auch ohne die Meldung bei der Minijobzentrale machen, wenn Leistungen aus der Tätigkeit für die Sozialleistung relevant sind (unterschiedlich je nachdem um was es geht).

Zu prüfen wäre, ob es sich um Tagespflege im Sinne des Kinder- und Jugendhilferechts handelt, und ob dafür eine Genehmigung nötig ist. Das kann man beim Jugendamt erfragen.

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Re: Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Beitrag von T »

Hallo FM,

wieder einmal danke für deine Antwort!

Ja, "kann" ist relativ. Man "kann" vieles anmelden. Aber wenn man z. B. eine Erwerbsminderungsrente bezieht, und nur 14x450 € abzugsfrei hinzuverdienen darf (hier keine Corona-Ausnahme; nur bei Altersrente!), ist fraglich, ob man bei höherem Zuverdienst mehr nützt oder schadet (ist nicht sogar der Status der Erwerbsminderung in Gefahr?). Einer Angestellten ist es z. B. mal passiert, dass sie Wohngeld bezogen hat, und laut Bescheid 200 € abzugsfrei hinzuverdienen konnte. Der Bescheid wurde aber rückwirkend revidiert, so dass sie effektiv im Minijob ein Jahr lang für 3 - 4 € pro Stunde gearbeitet hat! Was ja "ok" wäre, wenn es vorher klar gewesen wäre. Und was, wenn man schon 15x450 € im Minijob verdient? Dann wäre eine zusätzliche Anmeldung sozialversicherungspflichtig. Was ich ganz "toll" finde, aber es ist doch völlig legitim, vorher für sich das Für und Wider abzuwägen? Usw. usw.

Mir geht es hier jetzt weniger um die genaue Definition von "können" und philosophische Aspekte. Vielmehr wollte ich sagen: Wenn der Nachbar die mitgebrachten Kartoffeln und (als kostenlose Nachbarschaftshilfe erbrachte) Einkaufszeit als Minijob-Einnahme angeben müsste, und dann eine Kartoffel plötzlich dadurch 10 € weniger im Portemonnaie bedeutet, nachdem sich z. B. Rentenkasse, Amt für Wohnen usw. aufgrund der ehrlichen Anmeldung kräftig bedient haben, dann überlegt er doch, ob er die Kartoffel lieber selber für 20 cents einkaufen sollte, als die Hilfe des Nachbarn anzunehmen?

Die Problematik Tagespflege kenne ich gut; hier gibt es tatsächlich auch eine Einschränkung, was einfaches "Babysitting" im Minijob ist, und ab wann es als Tagespflege o. ä. nur mit Genehmigung geht.

"Leider" ist es keineswegs wirklichkeitsfremd sondern sogar eine sehr gängige Situation, dass die Person, die z. B. im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung im Minijob hilft, auch zu einer eng befreundeten Familie gehört. Da ist es gar nicht einfach, Job und Nachbarschaftshilfe klar zu trennen, gerade wenn letztere in beide Richtungen fließt. Jetzt ruft sogar das Bundesfamilienministerium ausdrücklich dazu auf, gegenseitig im Wechsel auf die Kinder aufzupassen. Führt das zu besonderen Problemen, wenn man das schon vorher im kleinen Umfang gegen Geld (Minijob) gemacht hat?

FM
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Re: Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Beitrag von FM »

Wenn man ein Einkommen nicht meldet um die Kürzung von Sozialleistungen zu vermeiden, ist es eben Sozialbetrug und Schwarzarbeit. Ob das rauskommt - ist wie bei Geschwindigkeitsvergehen, manchmal wird man erwischt, oft aber nicht.

Nachbarschaftshilfe kann zwar Schwarzarbeit ausschließen, aber nicht alles was ein Nachbar macht ist Nachbarschaftshilfe in diesem Sinne. Und wenn bei einer Sozialleistung jede Art von Einkommen anzugeben ist, wie z.B. im SGB XII, fallen Kartoffeln auch darunter.

T
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Re: Gegenseitige Corona-Nachbarschaftshilfe unproblematisch?

Beitrag von T »

Die Frage ist nicht: Anmelden oder schwarz arbeiten. Sondern: Den Job annehmen (und dann natürlich anmelden) oder ablehnen. Dafür ist es legitim, sich zu informieren, wieviel nach eventuellen Kürzungen übrig bleibt, oder ob das gar Auswirkungen auf den Status bezüglich Erwerbsminderung hat. Und in diesem Fall: Ist die Nachbarschaftshilfe vielleicht ein Job, auch wenn man das selber nicht so empfindet?

Guter Hinweis dagegen mit dem ALG II - das wusste ich nicht! Ich hatte Sorge, mein Kartoffel-Beispiel sei doch zu weit hergeholt, aber das ist es dann ja gar nicht. Insofern danke; das beantwortet meine Frage zumindest in Bezug auf Sozialhilfekürzung.

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