Palandt ein Nazi-Kommentator??

Buchbesprechungen, Rezensionen und Diskussionen zu juristischer Literatur

Moderator: FDR-Team

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 11:00

Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:[Nun, der jetzige Palandt (72. Auflage) dürfte kein BGB-Nazikommentar (mehr) sein.
Hat das jemand behauptet?

Es geht hier darum, ob es angebracht ist, einen BGB-Kommentar (weiterhin) nach einem Mann zu benennen, der eng im Nazi-System von 1933 - 1945 verstrickt war.

M.E. ist es nicht angebracht.
Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:Dieser "Ehrenbürger von 150 deutschen Städten" hat wohl auch nicht in allen 150 Städte gewohnt. Es wird Zeit, dass alle Städte ihm die Ehrenbürgerschaft aberkennen.
Das kann ja noch kommen. Bad Tölz hat es vor kurzem gemacht --> http://www.merkur-online.de/lokales/bad ... 74598.html
Zuletzt geändert von Redfox am 14.08.13, 11:03, insgesamt 1-mal geändert.

Ronny1958
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20562
Registriert: 19.08.05, 13:20
Wohnort: Zwischen Flensburg und Sonthofen

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Ronny1958 » 14.08.13, 11:03

Stichwort Ehrenbürgerschaft:

Sind wir sicher, dass wir nicht oftmals das Kind mit dem Bade ausschütten?

Wenn wir die vermaledeite Ehernbürgerdiskussion führen, erinnern wir dann nicht gerade wieder an diese Menschen und fördern womöglich noch das geistige Überleben, wäre es deswegen nicht wesentlich besser wenn wir sie totschweigen würden?

Ernennen wir stattdessen alle Opfer des Holocausts zu Ehrenbürgerinnen.
Das Bonner Grundgesetz ist unverändert in Kraft. Eine deutsche Reichsverfassung, eine kommissarische Reichs-Regierung oder ein kommissarisches Reichsgericht existieren ebenso wenig, wie die Erde eine Scheibe ist. (AG Duisburg 26.01.2006)

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 11:07

Ronny1958 hat geschrieben:Sind wir sicher, dass wir nicht oftmals das Kind mit dem Bade ausschütten?
Nein, können wir nicht sein.

Auch können wir nicht sicher sein, ob wir über Autobahnen sprechen.
Wenn wir die vermaledeite Ehernbürgerdiskussion führen, erinnern wir dann nicht gerade wieder an diese Menschen und fördern womöglich noch das geistige Überleben, wäre es deswegen nicht wesentlich besser wenn wir sie totschweigen würden?
Das wird im heutigen Internetzeitalter nicht mehr gehen.

Wikipedia hat praktisch bei jeder Stadt eine Aufzählung von Ehrenbürgern und ehemaligen Ehrenbürgern, regelmäßig mit Links zu den betreffenden Personen. Da gibt es nichts totzuschweigen.

Auch bei Palandt gibt es nichts mehr totzuschweigen. Wenige Eingaben, und schon hat man alle Infos über ihn, die noch vor wenigen Jahren schwer zu beschaffen waren.

Und dann kommt eben die Diskussion auf, ob der führende BGB-Kommentar nach einer Person benannt werden sollte, die tief in das Nazi-System verstrickt war. Inwieweit identifizieren wir uns dann noch mit dieser Person und ihren Ansichten.

Dipl.-Sozialarbeiter
FDR-Moderator
Beiträge: 19404
Registriert: 09.12.06, 17:23

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 14.08.13, 11:25

Redfox hat geschrieben:...
Es geht hier darum, ob es angebracht ist, einen BGB-Kommentar (weiterhin) nach einem Mann zu benennen, der eng im Nazi-System von 1933 - 1945 verstrickt war.

M.E. ist es nicht angebracht.
...
Nachdem schon nach 1945 keine tiefgreifende und gründliche Entnazifizierung erfolgt ist, finde ich die Diskussion über den Palandt jetzt ziemlich verspätet.

Aber vielleicht kann der Verlag mal Stellung zu dem Thema beziehen. ;-)

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 11:31

Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:Nachdem schon nach 1945 keine tiefgreifende und gründliche Entnazifizierung erfolgt ist, finde ich die Diskussion über den Palandt jetzt ziemlich verspätet.
Verjährung?

Aber auch da helfen die aberkannten Ehrenbürger vielleicht weiter --> http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitl ... %C3%BCrger

Albersdorf in S.-H. Aberkennung 2009

Bochum 1984

Brühl (Rheinland) 2009 (gleichzeitig mit von Hindenburg). Ebenso ist Gladbeck 2010 verfahren.

Nortof in S-H hat sich erst 2013 dazu entschlossen. Es soll dort wohl Wichtigeres gegeben haben.

Weiteres kann man selber nachlesen.

Ronny1958
FDR-Mitglied
FDR-Mitglied
Beiträge: 20562
Registriert: 19.08.05, 13:20
Wohnort: Zwischen Flensburg und Sonthofen

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Ronny1958 » 14.08.13, 11:47

Dann fragt auch bitte wegen Maunz/ Dürig nach deren Grundgesetzkommentar mE ebenso anrüchig ist wie der BGB Kommentar.
Das Bonner Grundgesetz ist unverändert in Kraft. Eine deutsche Reichsverfassung, eine kommissarische Reichs-Regierung oder ein kommissarisches Reichsgericht existieren ebenso wenig, wie die Erde eine Scheibe ist. (AG Duisburg 26.01.2006)

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 12:28

Ronny1958 hat geschrieben:Dann fragt auch bitte wegen Maunz/ Dürig nach deren Grundgesetzkommentar mE ebenso anrüchig ist wie der BGB Kommentar.
Das kann man sicher machen.

Den Dreher/Tröndle, StGB z.B. gibt es nicht mehr. Der heißt jetzt wohl Fischer. --> http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Dreher

Und die "Juristische Wochenschrift" hat sich 1947 in "Neue Juristische Wochenschrift" umbenannt. --> http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Juris ... henschrift

Die Juristische Rundschau hat den Namen behalten --> http://de.wikipedia.org/wiki/Juristische_Rundschau

Dipl.-Sozialarbeiter
FDR-Moderator
Beiträge: 19404
Registriert: 09.12.06, 17:23

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 14.08.13, 12:33

Haderlump hat geschrieben:...
Der Palandt soll seine Kommentare zu Gunsten des Hitlers geschrieben haben.

Meiner Meinung nach dürfte der Name "Palandt" nicht mehr verwendet werden.
und
www.ftd.de (14.05.2005) hat geschrieben:Vier Jahre [1938] später fällte dann der Beck-Verlag eine clevere Marketing-Entscheidung: Er wählte den obersten Reichsprüfer zum Namenspatron eines BGB-Kommentars. Alle Examenskandidaten würden dieses Werk kaufen; sie hatten gar keine Alternative. Das Kalkül ging auf. Die Startauflage von 5000 Exemplaren, die Anfang 1939 auf den Markt kam, war schon nach wenigen Tagen ausverkauft.
Wie oben schon geschrieben, hat Palandt keine Kommentare geschrieben.

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 13:08

Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:Wie oben schon geschrieben, hat Palandt keine Kommentare geschrieben.
Laut Wikipedia wurde (Otto) Palandt 1934 "als Nachfolger Gustav Wilkes ausgewählt und mit der Arbeit an einem Kommentar zum BGB beauftragt, 'der das nationalsozialistische Gedankengut hinreichend berücksichtigt'." --> http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Palandt

Was er dann tatsächlich kommentiert hat, geht daraus nicht hervor.

Er hat jedenfalls schon 1934 und 1939 einen Kommtar zur Juristenausbildung mitkommentiert.

Weiteres zu Otto Palandt auch hier --> http://www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc ... l_S_1.pdf‎

"Der Palandt" ist ein Kommentar, in dem Otto Palandt nicht kommentiert hat und der "in der Zeit der NS-Diktatur auf staatliche Weisung" enstanden und 1939 erstmals erschienen ist. --> http://de.wikipedia.org/wiki/Palandt

Der ursprüngliche Herausgeber Gustav Wilke wurde durch Otto Palandt ersetzt.
Zuletzt geändert von Redfox am 14.08.13, 13:14, insgesamt 1-mal geändert.

Dipl.-Sozialarbeiter
FDR-Moderator
Beiträge: 19404
Registriert: 09.12.06, 17:23

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 14.08.13, 13:12

Redfox hat geschrieben:...
Was er dann tatsächlich kommentiert hat, geht daraus nicht hervor.
...
Wiki habe ich schon zitiert, interessanter ist aber dies:
www.ftd.de (14.05.2005) hat geschrieben:Otto Palandt, ohne Dissertation zum Doktor der Rechte berufen, kam zu diesem Kommentar wie die Jungfrau zum Kind. Nicht eine einzige Vorschrift hat er kommentiert, nur die Einleitungen schrieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1951 selbst.

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 13:16

"Dass Otto Palandt lediglich der Namensgeber war und sonst keine Kommentierungen verfasste, ist hinreichend bekannt. Denn wäre nicht ein tragischer Autounfall dazwischen gekommen, hieße der Palandt heute vermutlich “Wilke”!" --> http://www.juristenkoffer.de/refblog/zi ... mensgeber/
Zuletzt geändert von Redfox am 14.08.13, 13:23, insgesamt 2-mal geändert.

Dipl.-Sozialarbeiter
FDR-Moderator
Beiträge: 19404
Registriert: 09.12.06, 17:23

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 14.08.13, 13:21

@Redfox
Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:...
Palandt selbst ist "nur" der Namensgeber des BGB-Kommentares. Wäre Gustav Wilke nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen (vgl. Wikipedia), würde der Palandt "Wilke" heißen.
;-)

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 13:24

Ich habe nie etwas anderes geschrieben.

Auch sonst hat hier niemand behauptet, dass Otto Palandt im "Palandt" Kommentare verfasst hat. Ich habe den Threas extra noch einmal deswegen intensiv durchgelesen.

Vielleicht sollten wir zum Thema zurückkommen, dass m.E. lautet:
Redfox hat geschrieben:Es geht hier darum, ob es angebracht ist, einen BGB-Kommentar (weiterhin) nach einem Mann zu benennen, der eng im Nazi-System von 1933 - 1945 verstrickt war.
Meine Meinung dazu habe ich schon geschrieben.
Zuletzt geändert von Redfox am 14.08.13, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.

Dipl.-Sozialarbeiter
FDR-Moderator
Beiträge: 19404
Registriert: 09.12.06, 17:23

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter » 14.08.13, 13:39

Redfox hat geschrieben:...
Vielleicht sollten wir zum Thema zurückkommen, dass m.E. lautet:
Redfox hat geschrieben:Es geht hier darum, ob es angebracht ist, einen BGB-Kommentar (weiterhin) nach einem Mann zu benennen, der eng im Nazi-System von 1933 - 1945 verstrickt war.
Meine Meinung dazu habe ich schon geschrieben.
Der Thread-Titel lautet:
  • Palandt ein Nazi-Kommentator??
Die Antwort darauf müßte m.E. heißen: "Nazi ja - Kommentator nein".

Außer der Einleitung (bis 1951) hat er nichts für den Kommentar geschrieben. Ich glaube zudem auch nicht, dass er die Einleitung selbst geschrieben hat, sondern diese (von wem auch immer) schreiben ließ.

Wie hier zitiert, hat der Verlag mit der Wahl des Namens wohl "eine clevere Marketing-Entscheidung" getroffen. Daher sollte der Verlag gefragt werden, wie er heute zur Namensgebung steht.

Redfox

Re: Palandt ein Nazi-Kommentator??

Beitrag von Redfox » 14.08.13, 13:43

Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben:Die Antwort darauf müßte m.E. heißen: "Nazi ja - Kommentator nein".
Ich habe darauf hingewiesen, dass er einen Kommentar zur Juristenausbildung mitkommentiert hat. Das war eine seiner Hauptaufgaben nach 1933 und bevor er in die "Palandt-Sache" involviert war.

In dem von mir verlinkten Beitrag aus der kj geht eindeutig hervor, dass die Juristensausbildung ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie von Otto Palandt beeinflusst und kommentiert wurde.

Ich darf auch noch mal auf wikipedia hinweisen: "Palandt kommentierte ... die Juristenausbildungsordnung des Reiches." --> http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Palandt mit weiteren Hinweisen zu wörtlichen Kommentierungen von Palandt.
Außer der Einleitung (bis 1951) hat er nichts für den Kommentar geschrieben.
Es hat hier nie jemand behauptet, dass er fürden "Palandt" kommentiert hat.

Antworten