Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

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TylerD
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Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 26.02.15, 18:15

Hallo,

dieser Eintrag gehört wohl eher in das Praxis-Forum. Da bin ich aber nicht freigeschaltet. Daher hier, bitte um Verständnis.

Ich bin momentan einigermaßen verwirrt, und hätte gerne mal Tipps von Juristen erhalten die schon etwas länger im Berufsleben sind. Es tut mir leid, wenn mein Text etwas länger ist. Das ist nicht wegen "Laberitis", sondern ich weiß nicht wie ich es kürzer fassen sollte damit Ihr die Situation verstehen könnt, und hoffe dass Ihr es trotzdem von der Länge her ertragen könnt :twisted: .

Ich bin mit dem zweiten Examen fertig. Meine Noten sind solide, wenn auch nicht überragend: Die Voraussetzungen für eine große Kanzlei erfülle ich wohl, aber Notar kann ich wohl nicht werden :lachen:, und als Richter in einer Großstadt wird es zumindest knapp.

Mein Problem: Ich bin total verunsichert bzgl. der Frage, wo ich mich bewerben soll. Jetzt könnte man ja sagen: Dann beschäftigt dich eben damit. Das Problem ist im Grunde, dass ich mich über die Jahre sehr viel mit der Frage der verschiedenen Berufsbilder beschäftigt habe, und alleine im Referendariat hat man ja viele Einblicke. Ich weiß ziemlich genau, was man bei den einzelnen juristischen Berufen verdient, und was man inhaltlich ungefähr macht.

Was ich nicht so weiß ist vor allem, wieviel Stressbelastung es wirklich ist. Denn im Referendariat ist man ja immer nur 3 Monate da, und dann ist ja die ganze Kalkulation anders - man kriegt ja nur sehr wenige Akten (verglichen mit jemandem der da normal arbeitet), aber auf der anderen Seite hat man dann auch absurd viel Zeit dafür. Daher weiß ich im Grunde nicht mal, wie viel Stress ein Staatsanwalt *wirklich* hat, der da schon 2-3 Jahre arbeitet und seine Routine hat. Man hört (und denkt 8) ) ja immer sehr unterschiedliche Sachen. Mal denkt man dass Richter/Staatsanwälte ja rein faktisch nicht so lange bei der Arbeit sind, und denkt dann hätten die ja viel Freizeit. Dann hört man in der Woche drauf von Freunden denen man eigentlich vertraut und die Richter sind, dass es viel zu viele Akten seien und ein Graus.

Ich bin insofern sehr verunsichert, als ich in den beiden Examina immer das Gefühl hatte - obwohl ich ja halbwegs erfolgreich gewesen bin, und viele Dinge wohl auch ganz gut kann - dass sich das ganze eigentlich nicht gelohnt hat. Man will ja nicht immer irgendwelchen Anforderungen hinterher rennen, und dabei sein eigenes Leben komplett verpassen. Ich habe oft das Gefühl, dass Freunde von mir die im Vergleich zu mir viel weniger Ausbildung hatten und viel weniger leiden/lernen mussten, jetzt einen soliden Arbeitsplatz haben bei dem sie ihre 40k brutto machen, und sogar eine ziemlich coole Arbeitssituation haben, weil sie nur für eine konkrete Tätigkeit verantwortlich sind, und nicht ständig stressmäßig am Limit sind. Die machen z.B. nur Einstellungsgespräche im HR, haben nur eine 40h-Woche (und Überstunden werden abgebummelt), und kriegen trotzdem noch über 40k, obwohl sie nicht mal eine spezielle Ausbildung haben für ihre Tätigkeit. Und 40k reichen schon locker zum Leben, wenn man nicht ganz verquere Ansprüche hat.

Soll jetzt nicht so klingen als würde ich jammern/meckern wollen - wirklich nicht. Ich gönne denen das. Ich weiß nur nicht, welche Rückschlüsse ich für mich ziehen soll, und ob ich das alles überhaupt richtig sehe.

Meine Kriterien sind:

1. Wenn ich wegen meiner viel längeren Ausbildung irgendwo 60k-80k brutto mitnehmen kann, würde ich das tun. Dann aber nicht mehr so wie im Examen, dass man ständig mit widersprüchlichen Anforderungen beschossen wird und sich ständig in Frage stellen soll, was meist so endet dass man dann "freiwillig" 60h+ pro Woche arbeitet bzw. Stress hat weil man nur so den Anforderungen genügen kann. Sondern gerne für eine "normale" Arbeit. Heißt: Überschaubares, klar definiertes Tätigkeitsfeld. Klar definierte Arbeitszeiten. Eine vernünftige Bezahlung pro Stress und pro Stunde.

2. Wenn 1. nicht möglich ist, möchte ich lieber einen ruhigeren Arbeitsplatz mit 40k-50k Einkommen. Momentan habe ich aber nicht den Mut, mich auf solche Arbeitsplätze zu bewerben. Denn ich frage mich, ob es nicht doch die unter 1. genannten Arbeitsplätze gibt, und ich momentan nur so negativ denke, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Es wäre doch absurd, wenn ich mich als Sachbearbeiter bei einer Behörde bewerbe, und es hätte auch genügend Kanzleien gegeben wo ich ein eng umgrenztes Rechtsgebiet am Fließband machen kann (z.B. nur Immobilienrecht, so dass man nach einem Jahr alles schon als Vorlage hat und entspannt arbeiten könnte), und die mir 80k gezahlt hätten...?

Kann hier jemand mein Problem verstehen? Sorry, wenn es blöd klingt.

Ich habe zwei Ängste die zusammenprallen - die Angst, die nächsten Jahre in einem Rat Race irgendwelchen Anforderungen hinterherzu laufen - und die Angst, dass ich mir meine gute Ausbildung jetzt auszahlen lassen könnte, und das nur aus negativer Erwartung nicht tun würde.

Hat da jemand Rat?

Wenn Ihr inhaltlich nicht antworten könnt/wollt, wohin könnte ich mich mit so einem Problem wenden? Berufsberatung sehe ich skeptisch, wenn die die Tätigkeiten gar nicht so genau kennen, sondern eher auf so ne Datenbank gucken mit 500 Berufen. Dann wissen die ja im Grunde auch nicht mehr als ich...? Oder doch?

Danke

rabenthaus
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von rabenthaus » 27.02.15, 16:00

Hallo

da ich Sie nicht persönlich kenne ist das etwas schwierig. Ich kann nur versuchen Ihnen zu helfen selber die Antwort zu finden.

Nur mal so Nebenbei: Welche Noten haben Sie den in den beiden Examen jeweils? In welchem Bundesland haben Sie Ihre Examen geschrieben?

Da Sie eventuell viel und hart arbeiten müssen (ich sagte eventuell!) sollten Sie überlegen was Ihnen an der praktischen Arbeit:

1. Am meisten Spaß gemacht hat
2. Am schnellsten / leichtesten von der Hand ging
3. Die besten Resultate gebracht hat
4. Am wenigsten gegen Ihr Rechtsemfpinden verstoßen hat?

Welche Stationen haben Sie ejweils wie lang durchlaufen? In welchen Stationen haben Sie Ihren Urlaub genommen (bei mir Verwaltung)? Was war Ihr ursprüngliches Ziel / Vorstellung als Sie das Studium begopnnen haben? Wieso ist es das nicht mehr (was ist passiert)?

Haben Sie schon einmal über ein Praktikum nachgedacht?

Wie gesagt direkt helfen kann ich nicht, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen die Anzwort die Sie suchen wieder in sich selbst zu finden.
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 27.02.15, 17:39

Mir hat eigentlich fast jede juristische Arbeit bisher Spaß gemacht. Insoweit habe ich keine Bedenken. Meine Frage bezieht sich darauf, welche Jobs sich momentan "absolut gesehen" lohnen:

Eher die, wo man 80k Einkommen hat - wieviel Stress und Angst hat man dafür? Oder eher die, wo man 40k hat aber ein ruhiges Leben? Ich habe bisher sehr widersprüchliche Eindrücke gehabt und sehr widersprüchliche Dinge gehört.

Konkretes Beispiel:

Mein Eindruck von der Handwerkskammer und einer Krankenversicherung war, dass man da ein sehr ruhiges Leben hat. Die Zeit wird erfasst, Überstunden bummelt man ab, um 16 Uhr war die ganze Handwerkskammer schon wie ausgestorben und ab 15 Uhr geht keiner mehr ans Telefon. Alles ziemlich gemütlich. Man wird nicht reich, aber hat viel Zeit für sich.

Mein Eindruck von Kanzleien war, dass man zwar gut verdienen kann, aber es sehr anstrengend ist wegen sehr hohen Arbeitsdrucks. Dass ich dann im Grunde keine Freundin mehr haben könnte, von Kindern mal ganz zu schweigen. Dass ich dann den Rest meiner Freizeit mit autogenem Training und viel Sport verbringen müsste, nur um das ganze Cortisol wieder aus dem Körper zu kriegen, und irgendwann beim Psychologen sitze weil ich nicht mehr schlafen kann.

Aber es kann ja sein dass ich falsch liege, und z.B. es sich bei Kanzleien sehr relativiert, wenn man mehr Erfahrung hat...? Ist es nach 3 Jahren in einem Rechtsgebiet immer noch schlimm und stressig? Die einen Freunde sagen ja, die anderen nein.

Hmm, Erkenntnis: Ich würde schon gerne in einer Kanzlei arbeiten und bin im Grunde ehrgeizig. Ich traue mich nur nicht so recht, weil ich Angst habe mein Leben zu ruinieren durch extrem hohe Stressbelastung.

Insofern wird mir auch klar, dass mir am Ende des Tages niemand den Rat geben können wird den ich haben will, und ich es ausprobieren muss... das ist ja schon mal ein gutes Ergebnis der Reflektion die Sie gerade angestoßen haben (danke).

Wie sehen Sie das?

Nachtrag:
Plan war ursprünglich "Großkanzlei", aber im Studium und Referendariat habe ich so viel Stress gehabt, dass ich nicht möchte dass das so weiter geht. Bei mir wirkt gerade bei der Berufsentscheidung nach, dass ich im Studium und Ref eigentlich die ganze Zeit verunsichert war und mich sehr unter Druck gefühlt habe, und nicht möchte dass es weiter so ist. Andererseits - wenn ich mir jetzt für "normalen" Stress meine Ausbildung auszahlen lassen kann, indem ich für einen "normal" stressigen Job 60k-80k bekomme, wäre das super.

Wenn mein Text irgendwelche Einstellungsmängel bzw. eine merkwürdige Weltsicht zeigt, können Sie mir das gerne sagen. Ich will ja gerade meine Sicht verändern/in Frage stellen, und bin da nicht beleidigt. Gerne auch deutlich. Ich frage mich halt, ob ich mich nicht in quatschige Ängste reingedreht habe und deshalb nicht klar sehe.

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 27.02.15, 20:02

Ist es die richtige Entscheidung, aus den Jahren des Stresses zu lernen und lieber was ruhiges zu machen? Wo man auch Lebensqualität hat.

Oder ist es umgekehrt so, dass eine anspruchsvolle Arbeit erst dazu führt, dass das Gehalt später steigt - weil man nur dann Spezialist ist, wenn man eben auch jahrelang im Bereich taxes, Immobilien etc. gearbeitet hat. Dass man dann mit den Jahren immer wertvoller wird, und die Arbeit immer entspannter (weil man schon viel kann).

Ich blicke da einfach nicht durch.

rabenthaus
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von rabenthaus » 27.02.15, 22:59

Hallo

ich bin kein Psychologe und kenne Sie nicht persönlcih aber Sie machen auf mich den Eindruck als würden Sie in Ihrem eigenen "Feuer verbrennen". Sie wollen eine Lösung für etwas finden ohne wirklich das Problem zu kennen.

Sie sollten sich die Frage stellen: Wo stehe ich, wo will ich in 3, 5 und 15 Jahren hin. Jeder Job hat seinen Nachteil. Momentan würde ich Ihnen einen Job in einer Rechtsabteilung einer großen Firma mit Renomee entweder aus dem Bereich Brauseherstellung / Lebensmittel oder PKW Bau (KLarnamen nicht erlaubt sie wissen aber wer gemeint ist) empfehlen. Sie scheinen mir eher schlecht darin Entscheidungen zu treffen (nicht böse gemeint). In diesen Firma verdienen Sie sehr gut, aber es bleibt Zeit zum Leben . Sie bereiten Entscheidungen vor und arbeiten mit externen Rechtsanwälten aber die Verantwortung verbleibt zumindest nicht allein bei Ihnen und Sie haben die Chance sich im zweifel der Meinung anderer Entscheidungsträger anzuschließen.

Alles unter dem Vorbehalt dass ich Sie natürlich nicht persönlich kenne.
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 28.02.15, 03:01

Hmm, scheint eine gute Idee.

Ich habe das ganze heute abend noch mal mit einer Freundin besprochen, und denke dass ich mich jetzt einfach mal bei einer größeren Zahl Arbeitgeber bewerben werde (statt nur bei meinen 1-2 Wunscharbeitgebern). Es sind ja genug Arbeitgeber da, ich muss also nicht so viel Angst haben dass ich mir das was verbaue. Ich denke mal, dass ich dann automatisch einen besseren Eindruck bekomme, bzw. wieder etwas Entscheidungs-Mut fasse. Wahrscheinlich hat sich das Problem überhaupt nur aufgebaut, weil ich schon zu lange darüber nachdenke, ohne Entscheidungen zu treffen ;_). Wenn ich da in ein paar Gesprächen sitze kriege ich ja auch einen Eindruck vom Chef...

Danke!

Jim Panse
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von Jim Panse » 28.02.15, 09:45

Sorry, aber einige Grundannahmen kann ich nicht bestätigen. Ich denke auch, Rabenthaus sieht die Perspektiven in der Brause- oder Automobilindustrie zu positiv. Und selbst wenn es dort einen lockeren Job mit dem Ultraeinkommen gäbe, dürfte das Bewerberfeld immens sein. (Nichtstun kann man sicherlich auch als Anfänger, aber die Personalabteilung dürfte auch hier den Kandidaten mit einschlägiger Praxiserfahrung den Vorzug geben, denn die können es bereits einen Tick professioneller :twisted: ) . Das Gehaltsniveau hängt nicht von den Noten oder der Art der Ausbildung ab, sondern von der Verantwortung und den Anforderungen des Arbeitsplatzes, auf dem Sie beschäftigt werden. Ein gutes Gehalt setzt sich schließlich aus drei Faktoren zusammen: 1 Drittel Leistungsanteil, 1 Drittel Schmerzensgeld und 1 Drittel Schweigegeld :D .

Es ist auch nicht damit getan, den Job zu haben, sondern sich darin zu bewähren. Was ist Ihre Zielvorstellung? Möchten Sie ein hohes Einkommen? Das wird nicht auf Dauer klappen, wenn Sie an einem fixen Stundenpensum interessiert sind. Möchten Sie ein ruhiges, entspanntes Leben? Dann wird dies in der Regel auch Jobs bedeuten, bei denen es nicht darauf ankommt, ob das Arbeitsergebnis heute oder morgen vorliegt. Wenn Sie Einsatz und Einkommen jederzeit selbst austarieren wollen, sollten Sie selbständig werden.

Ich würde ihnen eine andere Sicht vorschlagen: was interessiert Sie inhaltlich und schafft Ihnen am Ende des Tages persönliche Befriedigung? Was fesselt Sie, so dass Sie ein Ziel nicht wegen der Bezahlung, sondern aus eigenem Antrieb erreichen wollen? Das positive am Jurastudium ist eigentlich, dass Sie - wenn Sie nicht nur im Repetitorium Lösungsskizzen auswendig gelernt haben - über ein Instrumentarium verfügen, auch Ihnen unbekannte Probleme zu strukturieren, einzuordnen und Lösungen abzuleiten. Dies sollten Sie dann auch anderen so einfach erklären, dass diese Ihre Ergebnisse auch ohne juristische Vorkenntnisse nachvollziehen können (nach meiner Erfahrung die größte Hürde für Juristen beim Berufseinstieg). Sie haben dann eine gute Basis, sich selber Entwicklungsperspektiven (nicht nur im Sinne von schneller, besser, weiter, sondern auch in anderen Aufgabenfeldern!) eröffnen können.

Wenn Sie noch in Ihrer Findungsphase sind, könnte ein Trainee-Programm hilfreich sein, um mehrere Tätigkeitsfelder eines Unternehmens zu durchlaufen.

Don´t try. Do or do not.

Gruß
JP
in dubio pro leo!

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 28.02.15, 17:39

@Jim Panse:

1. "Das Gehaltsniveau hängt nicht von den Noten oder der Art der Ausbildung ab, sondern von der Verantwortung und den Anforderungen des Arbeitsplatzes" -> Naja - ich glaube, mein Lebenslauf ist schon ganz gut. Und die Kanzlei wird mich ja kaum durch jemanden ersetzten wollen, der viel schlechtere "Ausgangsdaten" hat (schlechtere Noten, schlechteres Englisch, schlechtere Einstellung). Insofern müsste es bei einem Lebenslauf der sehr gesucht ist ja wohl möglich sein, auch eine gute Bezahlung bei normalen Arbeitszeiten herauszuholen?


---


2. Was ich gehofft hatte, war z.B. ein Job in einer Kanzlei mit folgenden Voraussetzungen

- eng umgrenzt arbeiten (zB nur Seehandelsrecht, nur Immobilienrecht) -> weniger Stress unter Zeitdruck recherchieren zu müssen
- Arbeitszeiten habe bis maximal 19 Uhr / 20 Uhr am Tag, und am Wochenende nur ausnahmsweise arbeiten (das wären ca. 50h, und das finde ich fair. Ich will nur vermeiden, dass mir 50h genannt werden, und dann werde ich so mit Mandaten überhäuft dass ich "freiwillig" am Wochenende durcharbeite. Nein danke!)
- Gehalt um die 80.000 (ich könnte sicherlich auch 100.000 erzielen wenn ich mich bei den dafür bekannten Kanzleien bewerbe, aber ich habe einige Freunde die das gemacht haben und jetzt sehr sehr unglücklich sind - bin da skeptisch)
- ein menschlich netter Umgang (nicht diese überförmlich-kalte, was man in den ganz großen Kanzleien oft findet; sondern ein Chef, mit dem man sich irgendwann duzt und mit dem man auch mal was trinken gehen kann)

Es könnte sein, dass das v.a. eine Frage ist, sich gerade bei der richtigen Kanzlei zu bewerben. Dann müsste ich mich weiter umhören.


---


3. Selbständigkeit habe ich schon mal versucht, und es hat auch - was mich total überrascht hat - von den Sachen die als schwer gelten geradezu fantastisch funktioniert. Ich glaube, dazu bin ich insofern sehr gut geeignet, als ich gut querdenken kann (aber unter realistischen Prämissen) und auch den Mut habe etwas ungewöhnliches zu machen - worauf es zumindest bei Akquise m.E. ankommt. Meine Akquise lief so gut, ich musste ständig alles ablehnen. Und da waren auch sehr gute Mandate dabei. Streitwerte öfter über 100.000 €. Eigentlich eine super Ausgangslage, zumal es ja angeblich später immer einfacher wird, wenn die Akquise immer mehr von selbst und über Altkunden/Weiterempfehlungen funktioniert. Auch ich hab bei mir eben gesehen, dass immer mehr plötzlich kamen wo ich nicht mal wirklich verstanden habe, wie sie jetzt auf mich gekommen sind.

Ich hab viel Immobilienrecht und Wettbewerbsrecht gemacht, und wenn man da sehr gleichförmige Mandate hat ist es eigentlich traumhaft. Diese Mandate kann man in kürzester Zeit erledigen, und sie laufen sehr sehr gleichmäßig so dass man sehr wenig recherchiert und viel mit Textbausteinen/Vorlagen arbeiten kann. Und die Streitwerte sind halt sehr gut. Auch die außergerichtlich üblichen Sätze sind sehr gut.

Das Problem bei Selbständigkeit war für mich, dass man wirklich für alles verantwortlich ist. Man hat Kontaktlisten für die Aquise, man ist i.E. für die Rechnungen/Zahlungskontrolle verantwortlich (selbst eine Sekretärin muss man ja anleiten), man muss die Honorarverhandlungen machen, man hängt in den Mandanten doch immer mit drinnen (auch wenn das jemand anderes für einen macht) und dann gibt es noch den Büromietvertrag, die Webseite. Man führt wirklich ein Unternehmen. Wenn man das noch nie gemacht hat, versteht man gar nicht wie kompliziert das wirklich ist. Das hat viel mit der Startup-Branche zu tun, und nichts mit Jura. Das führt dazu, dass man oft ziemlich gestresst ist. Nicht, weil die Arbeit "an sich" schwierig wäre, sondern weil man über die Woche mit so viel unterschiedlichem Kram beschossen wird, und man sich ständig umstellen muss. Das geht zumindest mir tierisch auf die Nerven, auf Dauer, und inzwischen muss ich ständig Sport machen um das noch auszuhalten. Vielleicht bin ich da auch etwas zu ehrgeizig rangegangen. Aber ständig durch die Gegend zu hetzen, und immer aus unterschiedlichen Gründen? Nicht eine Zusammenfassung für Immobilienrecht zu haben, sondern 50 (eine für die Webseite, eine für die Rechnungsfragen, eine für die Büro-Orga... und dann auch noch statt nur einem Rechtsgebiet 10 zu machen, weil die eigene Kundengruppe eben typischerweise bestimmte Probleme hat)?

Ich denke, dass ich mit Selbständigkeit richtig reich werden könnte, wenn ich da noch mal 10 Jahre meines Lebens reinstecke und akzeptiere dass es sich anfühlt wie permanente Examensvorbereitung. Da frage ich mich aber eben, ob es das wert ist - mit Selbständigkeit krampfhaft 200.000 € verdienen zu wollen. Warum? Wenn mir ein Arbeitgeber für einen Angestelltenjob mit normaler Arbeitswoche 80.000 zahlen würde - mehr als 80.000 € könnte ich eh nicht ausgeben.

Dazu kommt, dass Selbständigkeit glaube ich ganz anders skaliert als ein Angestellenverhältnis. Selbständigkeit ist die ersten Jahre umfassbar stressig und kompliziert, und die sehr geilen Zeiten kommen wohl erst nach ein paar Jahren. Bis dahin hat man ständig Panik irgendetwas falsch zu machen. Zumindest ich hatte - obwohl es wie gesagt wirklich gut gelaufen ist - oft einfach Angst und wusste meist nicht genau, was ich machen sollte. Das ist auf lange Sicht gar nicht so das Problem, weil man ja Erfahrungen sammelt und eigene Routinen entwickelt. Aber es heißt, dass die ersten Jahre die Hölle sind, und man alles für die Zukunft macht. Diese Zukunft könnte dann in der Tat sehr geil sein - die Routine zu haben und sein eigener Herr zu sein, wirklich etwas gestalten zu können.

Ich liebe diese Idee, aber ich würde das dann gerne jetzt haben, und nicht erst mit 37 oder 40. Ich frage mich, ob es nicht jetzt - nachdem ich schon so viele Jahre Stress hatte - eher mal Zeit sein sollte, zu leben :liegestuhl:

webelch
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von webelch » 01.03.15, 13:25

Irgendwie lese ich hier überall Zahlen von irgendwelchen gefühlten Jahreseinkommen. Zäumt man da nicht das Pferd vom Schwanz her auf, wenn doch immer noch unklar ist, was man überhaupt vom weiteren (Berufs)leben erwartet?

Jim Panse
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von Jim Panse » 01.03.15, 16:47

TylerD hat geschrieben:Wenn mir ein Arbeitgeber für einen Angestelltenjob mit normaler Arbeitswoche 80.000 zahlen würde - mehr als 80.000 € könnte ich eh nicht ausgeben.
Liegt der Zielhorizont nun auf dem Brutto- oder dem Nettoeinkommen? Egal, denn auch Brutto fürchte ich, dass Vakanzen mit diesen drei Voraussetzungen gleichzeitig sehr selten sein dürften.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten jährlich 80.000 Euro in einen Arbeitnehmer investieren. Welche Kriterien würden Sie hierfür ansetzen?

Haben Sie sich auch schon Gedanken über Ihre Altersversorgung gemacht, wenn Sie in ein Unternehmen wechseln? Mit dieser Frage müssen Sie dort im Bewerbungsgespräch rechnen. Wer sie als Anwalt gleich beantworten kann, hat schon mal einen Vorteil.

Gruß
JP
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TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 03.03.15, 09:17

"Liegt der Zielhorizont nun auf dem Brutto- oder dem Nettoeinkommen? Egal, denn auch Brutto fürchte ich, dass Vakanzen mit diesen drei Voraussetzungen gleichzeitig sehr selten sein dürften."

Es hängt von der Art des Jobs ab, und der Lebensqualität die man da hat, und dem Stress dem man ausgesetzt ist, und der Qualifikation die die voraussetzen.

Wenn der Arbeitgeber eine große Kanzlei ist, und von mir erwartet dass ich hektisch arbeite und viel Druck auf mich nehme, und für meine Arbeit 300 € pro Stunde beim Kunden abrechnet - dann sind 80.000 € ein nicht nur übliches Gehalt. Die Kanzleien zahlen am Markt teilweise deutlich mehr (ein Freund hat als Berufsanfänger bei einer gerade am deutschen Markt sehr aggressiv expandierenden Kanzlei 110.000 € bekommen - das ist aber natürlich auch die absolute Obergrenze und unüblich). Wenn man 80.000 € in 1.200 billable hours umrechnet, sind das 60 € pro Stunde. Und das heißt ja nicht mal, dass man wirklich 60 € pro Stunde verdient, weil man ja deutlich mehr arbeiten dürfte als man billen kann. 80.000 € für die Arbeitszeiten einer großen Kanzlei sind wohl ca. in der Region 40 € pro Stunde. Und die Arbeit in einer großen Kanzlei ist ziemlich stressig, das geht ganz schön an die Substanz auf Dauer.

Wenn man das Gehalt eines Behördenjuristen etc. auf Stundenlöhne runterbricht, kommt man so auf 30 € pro Stunde. Das heißt, dass man als Großkanzlei-Anwalt eben 10 € Schmerzensgeld obendrauf bekommt, für die Probleme und die Unfreiheit.

Bei 60.000 € würde die komplette Gehaltsdifferenz nur von der höheren Stundenlast abhängen, und man würde pro Stunde so bezahlt wie ein Behördenjurist.

Wenn die nur 60.000 zahlen würden, wäre es also lächerlich - denn dann würde das niemand auf sich nehmen. Genau deswegen zahlen sie ja auch mehr. Die kleineren Kanzleien, die deutlich weniger zahlen, gibt es natürlich zahlreich. Vielleicht werde ich ja auch darauf angeweisen sein, dort zu arbeiten. Dann geht damit aber natürlich auch eine Änderung der Umstände einher - die Anforderungen, die Arbeitsauffassung und die Arbeitszeiten sind dort eben auch nicht so, wie bei Freshfields und Co. Alles ist viel entspannter, positiv-chaotischer und netter (in meiner Erfahrung, die natürlich begrenzt ist - aber andere sagen das mWn auch).

Letztlich stehen eben auch die Arbeitgeber in Konkurrenz zueinander - und die Arbeitnehmer sind ja auch nicht alle blöd, die können ja auch vergleichen, haben auch Freunde mit denen sie sich austauschen.

Also bitte nicht missverstehen:

Ich wollte nicht sagen "ich bin der tollste Hecht im Universum, und es wäre nur gerecht wenn ich 80.000 € (gemeint war brutto) verdiene".

Aber ich tue mir den Job in einer großen Wirtschaftskanzlei bestimmt nicht an, wenn es nicht wesentlich besser bezahlt ist als die wesentlich weniger stressigen Jobs, die mir auch offenstehen würden.

Ich kann einen Behördenjob machen mit normalem Stresspegel, dann erwarte ich "nur" das Gehalt eines Lehrers o.ä. - 45.000 € (Lehrer verdienen sogar später deutlich mehr).

Oder ich gehe in eine Wirtschaftskanzlei mit all den Problemen - dann möchte ich ein besseres Gehalt.

Das sehen meiner Erfahrung nach fast alle so.

---

"Stellen Sie sich vor, Sie könnten jährlich 80.000 Euro in einen Arbeitnehmer investieren. Welche Kriterien würden Sie hierfür ansetzen?"

Also, aus meiner Erfahrung mit Selbständigkeit heraus, ganz ehrlich beantwortet: "Lokomotionsfähigkeit" wäre mir das wichtigste bei Angestellten. Dass das einfach Typen sind, denen ich abnehme dass sie für die Sache brennen und sich reinhängen. Die nicht nur nach Vorgaben arbeiten können und die man dann immer kontrollieren muss, sondern die aus sich heraus die Dinge vorantreiben, weil es ihrer Persönlichkeit entspricht. Dann würde ich fehlende formelle Sekundär-Qualifikationen nicht so streng sehen. (Hier könnte man noch einiges präzisieren - aber darauf kommt es ja gerade nicht an.)

Die Kanzleien sehen das wohl nicht unbedingt so wie ich - die sind glaube ich recht konservativ und wollen keine Experimente. Die wollen einen bestimmten Lebenslauf, bestimmte Noten, einen bestimmten Eindruck. Ich glaube, das kann ich denen geben.

Wenn die dann glauben, dass sie einen anderen finden, der bereit ist für deutlich weniger Geld zu arbeiten als ich - dann wünsche ich denen - ganz ehrlich - viel Glück und viel Spaß zusammen.

---

"Haben Sie sich auch schon Gedanken über Ihre Altersversorgung gemacht, wenn Sie in ein Unternehmen wechseln? Mit dieser Frage müssen Sie dort im Bewerbungsgespräch rechnen. Wer sie als Anwalt gleich beantworten kann, hat schon mal einen Vorteil."

Die Frage klingt interessant, aber ich verstehe sie nicht 100%. Die Diskussion um die Syndikus-Anwälte habe ich natürlich verfolgt. Meinen Sie das? Oder geht es um ein Unternehmen, in dem der Jurist sowieso keine Anwaltszulassung besitzt (sprich - kein Versorgungswerk), und um die eventuelle betriebliche Altersversorgung? Könnten Sie das kurz erklären? ^.^

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 03.03.15, 09:34

webelch hat geschrieben:Irgendwie lese ich hier überall Zahlen von irgendwelchen gefühlten Jahreseinkommen. Zäumt man da nicht das Pferd vom Schwanz her auf, wenn doch immer noch unklar ist, was man überhaupt vom weiteren (Berufs)leben erwartet?
Hmm - naja: Für mich hängt das zusammen. Ich könnte mich für einen etwas stressigeren Job erwärmen, aber auch für einen ruhigeren. Der Unterschied ist, dass ich beim stressigeren Job dann eben mehr Geld möchte.

Was wären denn die Kriterien, außer

Geld auf der einen Seite

und Stress/Arbeitszeiten/fehlende Sicherheit

auf der anderen?

Das tue ich doch gerade. Ich versuche mir die "weichen" Fakten anzusehen (Spaß? Stress? Zeit? Was ist später?) und dann das Geld in Relation dazu zu sehen.

Was meinen Sie denn mit "vom weiteren Berufsleben erwartet"? Worauf bezieht sich das, wenn nicht auf die von mir genannten Aspekte?

Jim Panse
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von Jim Panse » 06.03.15, 17:42

Richtig, meine Frage stellte auf die Syndikus-Anwälte ab - ich kenne mehrere Fälle, in denen der Kandidat nach der Zusage abgesprungen ist, weil er sich die Gedanken nicht vorher gemacht hatte. Ärgerlich für das Unternehmen, da mit Zeitverlust bis zur Besetzung verbunden.

Zur ersten Frage mit der Investitionsmotivation überrascht mich Ihre Antwort nicht. Interessant ist aber, dass Sie aus Investorensicht auf andere Kriterien Wert gelegt haben als aus Bewerbersicht. Die Arbeitsverhältnisse in Großverhältnissen sind kein Zufall, sondern resultieren aus wirtschaftlichen Erwägungen. Nicht viel anders dürfte es in auf Effizienz getrimmten Unternehmen ablaufen. Es zeichnet sich zwar ein Wertewandel ab, aber das ist noch ein kleines Pflänzchen und die Geschwindigkeit würde ich nicht überschätzen.

Sie machen hinsichtlich Ihrer Anforderungen einen absoluten Eindruck. Vielleicht können Sie sie vollständig umsetzen, persönlich schätze ich die Chancen aber gering ein. Deshalb meine allererste Frage: was interessiert Sie inhaltlich? Ich für meinen Teil würde mich daran ausrichten, und dann entscheiden, ob Einkommen und Aufwand in einem für mich tragbaren Verhältnis stehen. Ich habe mich bei meinem Berufseinstieg auch erst auf Positionen beworben, auf die ich gar nicht wollte, nur um einen Marktüberblick zu erhalten. An die Wunscharbeitgeber bin ich dann erst verzögert herangetreten. Das könnte
vielleicht auch allgemein helfen, um die eigene Verhandlungsposition realistisch einschätzen zu können und nicht auf die Meinungen anderer angewiesen zu sein.

Unabhängig davon: viel Erfolg bei Ihren Bemühungen!

Gruß
JP
in dubio pro leo!

Vitalier
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von Vitalier » 07.03.15, 21:12

Tja, die Frage aller Fragen nach dem Ref.

Im Grunde kann ich nur raten: Probier es aus. Es ist keine Schande, sich nach einem Jahr anders zu entscheiden und neue Pläne zu schmieden. Natürlich gibt es gleichwohl Betätigungsfelder, die ein Ausprobieren eher ermöglichen als andere.

Meine Erfahrung aus dem Ref war ähnlich. Das tatsächliche Berufsleben hat man am realistischen in der Anwalts-, teilweise auch in der Verwaltungsstation vermittelt bekommen. Die Stationen bei Gericht und Staatsanwaltschaft beschränkten sich dann doch sehr auf kleine Ausschnitte wie Verhandlungen und eine vergleichsweise geringe Zahl Akten. Am praxisnächsten war wohl in den meisten Fällen die Anwaltsstation.

Viele Referendarkollegen haben sich zunächst in Kanzleien anstellen lassen. Vielen davon war schon immer klar, dass sie Anwalt werden würden. Einige von denen haben innerhalb eines halben Jahres festgestellt, dass sie sich trotz einschlägigen Vorerfahrungen ein falsches Bild gemacht haben. Dann kommt in der Regel zunächst die Überlegung, dass es an der entsprechenden Kanzlei liegen könnte. Folglich wird diese dann gewechselt. Und wenn es einem dann dort auch keinen Spaß macht, muss man einerseits aufpassen, dass man nach all dem Einsatz in der Ausbildung nicht in eines Sinneskriese fällt, andererseits muss man sich vielleicht eingestehen, dass der Anwaltsberuf vielleicht doch nichts für einen ist und umdenken.
Aber auch das ist möglich und die meisten haben zwischenzeitlich etwas gefunden, was ihnen Spaß macht. Irgendwelche Faktoren im Job nerven immer. Dann muss man halt schauen, dass der Spaß überwiegt.

Ich persönlich habe mich damals für den höheren Justizdienst entschieden und es bislang nicht bereut. Die Arbeit sieht tatsächlich komplett anders aus, als ich sie mir nach dem Ref vorgestellt hätte. Aber eben auch positiv anders. Meine Arbeitszeit lag am Anfang deutlich über 60 Stunden, verteilt auf sechs Tage der Woche. Mit der Zeit wird man aber routinierter und nach über einem Jahr habe ich jetzt im Schnitt ungefähr eine 50-55h Woche. Wie sich das weiter entwickelt, bleibt abzuwarten. Es gibt sie nach wie vor, die Kollegen, die um halb 10 bei Gericht aufschlagen und nach 15 Uhr nicht mehr gesehen werden. Genau so kenne ich aber auch Kammervorsitzende oder Oberstaatsanwälte, die regelmäßig zwischen 55 und 60 h die Woche arbeiten.
Mit dem Justizdienst entscheidet man sich natürlich zwangsläufig auch gegen ein auffällig hohes Einstiegsgehalt, wie es beispielsweise in Großkanzleien zu erzielen gewesen wäre. Aber dafür bietet der Staatsdienst eben auch andere, nicht nur finanzielle Vorteile und auch bei den Bezügen wird sich in den meisten Ländern dieses Jahr wohl noch einiges tun. Gleichwohl fühle ich mich auch heute nicht schlecht bezahlt. Man darf sich nur nicht zu häufig den Stundenlohn ausrechnen ;) Außerdem bleiben auch bei 55 h Arbeit viel weniger Möglichkeiten offen, Geld auszugeben, als ursprünglich gedacht.

Ob sich der höhere Justizdienst eignet, "um es mal auszuprobieren", möchte ich eher bezweifeln. Die Hürde, gewonnene Sicherheiten des Staatsdienstes aufzugeben, ist sicher hoch. Trotzdem, ich bin insgesamt glücklich, wo ich gelandet bin und meine Arbeitstag endet, wenn ich einen Qualitätsabfall feststelle und nicht, wenn ich x Stunden abgesessen habe. Das ist neben einer guten kollegialen Stimmung im Gericht auch viel wert.

Demnach: Nur Mut! Es ist alles keine Sackgasse!

TylerD
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Re: Frage zur Berufswahl - starke Verunsicherung

Beitrag von TylerD » 10.03.15, 00:55

Ich denke über die Antworten noch mal nach -> danke!

Ich mache es jetzt in der Tat so, dass ich mich erst mal bei verschiedenen Stellen bewerbe, auf Messen gehe etc., um mal einen etwas besseren Eindruck zu bekommen, v.a. auch von den Chefs. Dann muss ich wohl ein bisschen ins kalte Wasser springen und einfach was ausprobieren, wurde hier ja auch gesagt.

Danke für die Tipps!

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