Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

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Thomas Kaiser
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Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

Beitrag von Thomas Kaiser »

Folgender fiktiver Sachverhalt:
A bittet seinen Freund B, für einen Freundschaftspreis seine Doktorarbeit (300 Seiten) auf Rechtschreibfehler Korrektur zu lesen. Dafür soll B 300 Euro erhalten, also 1 Euro pro Seite. Dieser Vertrag wird mündlich geschlossen. B stellt nach einigen Seiten fest, dass die Arbeit sehr sehr viele Rechtschreibfehler enthält und teilt dies dem A immer wieder mit. A besteht jedoch darauf, dass dieser die Arbeit zuende lesen soll, was B schließlich - nach eigenen Angaben sehr gewissenhaft - tut. Auf manchen Seiten findet B bis zu 20 Fehler, auf anderen Seiten nur 5. Schließlich gibt B dem A die korrigierte Fassung und A dem B dafür die 300 Euro.
A reicht die Doktorarbeit ein. Der Doktorvater bemängelt aber, dass sich immer noch viele Rechtschreibfehler in der Arbeit finden. B steht auf dem Standpunkt, dass es bei der großen Anzahl an Fehlern unmöglich gewesen sei, alle Fehler zu finden. Zudem hätte er dies für solch einen Freundschaftspreis niemals leisten können. A hingegen ist der Auffassung, dass er B gut bezahlt habe und B viel mehr schlampig gearbeitet habe, weshalb B die Arbeit noch einmal kostenlos auf Fehler durchlesen soll. A besteht auf Nacherfüllung.
Wie ist die Rechtslage? Hätte eine Klage von A gegen B auf Nacherfüllung vor einem Zivilgericht Aussicht auf Erfolg?
Falls nein: Könnte B wegen Schwarzarbeit strafrechtliche Probleme bekommen?

FM
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Re: Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

Beitrag von FM »

Ob es überhaupt Schwarzarbeit wäre, ist aus der Beschreibung nicht ersichtlich.

Weitere Frage wäre aber ob A Probleme bekommen kann, falls er die Mitwirkung einer anderen Person dem Prüfungsausschuss nicht mitgeteilt oder gar das Gegenteil behauptet hat.

Etienne777
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Re: Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

Beitrag von Etienne777 »

B steht auf dem Standpunkt, dass es bei der großen Anzahl an Fehlern unmöglich gewesen sei, alle Fehler zu finden.
Sonderbare Logik. Um Fehler in einem Text aufzuspüren, muß man ihn kursorisch lesen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Text viele oder wenige Fehler enthält. Natürlich ist der Korrekturaufwand um so höher, je mehr Fehler zu korrigieren sind, das ist aber keine Frage des nicht finden Könnens von Fehlern, sondern ihrer Korrektur.

B wird kaum davon ausgegangen sein, daß eine Korrektur zu lesende Doktorarbeit, mithin das Werk eines Akademikers, in solchem ausufernden Maße fehlerbehaftet und korrekturbedürftig ist. Das konnte er auch nicht bei Vertragsschluß wissen, sondern es allenfalls feststellen, als er die Vereinbarung bereits eingegangen war. B könnte sich auf Störung der Geschäftsgrundlage berufen, da die zu erbringende Leistung deutlich höheren Aufwandes für ihn ist, als er das nach der allgemeinen Lebenserfahrung bei einem Text eines Doktoranden zu erwarten hatte. Meines Erachtens nach liegt hier ganz klar eine Äquivalenzstörung vor. Es dürfte dem B nicht zuzumuten sein, sich am Vertrag bzw. den seinerzeit vereinbarten Konditionen festhalten zu lassen.

B könnte daher eine Anpassung des Vertrages dahingehend verlangen, als ihm der A mit Blick auf den hohen Korrekturaufwand und die Tatsache, daß nur ein "Freundschaftspreis" vereinbart war, eine entsprechend höhere Vergütung zahlt. Ist A nicht damit einverstanden, kann B gemäß § 313 III BGB vom Vertrag zurücktreten. Ohne Vertrag stünde eine Nachbesserung nicht mehr im Raume.
Aus technischen Gründen befindet sich die Signatur
auf der Rückseite dieses Beitrags.

Thomas Kaiser
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Re: Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

Beitrag von Thomas Kaiser »

"Ist A nicht damit einverstanden, kann B gemäß § 313 III BGB vom Vertrag zurücktreten. Ohne Vertrag stünde eine Nachbesserung nicht mehr im Raume."

Vielen Dank für Ihre Antwort.
A hat den B aber bereits bezahlt, auch hat B bereits Leistung erbracht (wie gut diese war, kann natürlich diskutiert werden, dazu haben ja A und B jeweils ihre verschiedenen Standpunkte). Müsste in diesem Fall der B dem A das Geld zurückzahlen? Hier stünde B auf dem Standpunkt, dass er ja sehr wohl eine Leistung erbracht hat, wovon der A trotz allem profitiert hat.

"B wird kaum davon ausgegangen sein, daß eine Korrektur zu lesende Doktorarbeit, mithin das Werk eines Akademikers, in solchem ausufernden Maße fehlerbehaftet und korrekturbedürftig ist. "

B hat den A während des Lesens immer wieder auf gravierende Mängel in der Arbeit hingewiesen - nicht nur sprachlich, sondern auch fachlich. B ist stets davon ausgegangen, dass A durchfallen würde und hat ihm das auch öfters gesagt.

"Weitere Frage wäre aber ob A Probleme bekommen kann, falls er die Mitwirkung einer anderen Person dem Prüfungsausschuss nicht mitgeteilt oder gar das Gegenteil behauptet hat."

A steht auf dem Standpunkt, dass ein Lektorat Gang und Gäbe sei.

"Ob es überhaupt Schwarzarbeit wäre, ist aus der Beschreibung nicht ersichtlich."

Das Geld wurde nicht versteuert. B steht auf dem Standpunkt, dass er es nicht versteuern muss, da er in diesem Jahr unter 410 Euro Nebenverdienst bekommen hat. Die 300 Euro für das Korrekturlesen waren der einzige Nebenverdienst, den B in diesem Jahr bekommen hat.

Etienne777
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Re: Nacherfüllung einklagbar? (Lektorat)

Beitrag von Etienne777 »

Daß B den A während des Lesens immer wieder auf sprachliche und fachliche Mängel hingewiesen hat, ist für die rechtliche Bewertung nicht relevant. Denn am Anfang dürfte die Vereinbarung von Leistung und Vergütung gestanden haben, mithin der Vertragsschluß. Die grobe Fehlerhaftigkeit der Doktorarbeit wird dem B zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen sein, insoweit kann sie auch keinen Einfluß darauf genommen haben, welches Honorar von den Beteiligten als angemessen angesehen wurde. Daran ändert sich nichts mehr dadurch, daß sich zu einem späteren Zeitpunkt die Fehlerhaftigkeit offenbarte und der A auf diese auch hingewiesen wurde. Ein späterer Umstand kann nach den Regeln der Logik nicht maßgebend sein für die Beurteilung eines früheren.

Sollte die (primär anzustrebende) nachträgliche Vereinbarung eines höheren / angemessenen Honorars nicht zustande kommen und B daher seinen Rücktritt vom Vertrag erklären, so gebührt ihm zwar nicht mehr das vertragshalber vereinbarte Honorar, gleichwohl hat B zeitlichen und möglicherweise auch sachlichen Aufwand gehabt, das in der stattgefundenen Weise durchzuführen. A wäre durch diesen bei B angefallenen Aufwand ungerechtfertigt bereichert, so daß er den B zu entschädigen hätte.

Sollte der A die Rückzahlung verlangen, so könnte der B die Aufrechnung mit seinen Aufwendungen erklären. Wenn das dem A nicht gefällt, kann er gern sein Glück beim Amtsgericht versuchen, sollte das Gericht aber zu der Überzeugung gelangen, daß der Aufwand des B mindestens die 300 Euro beträgt, greift die Aufrechnung vollständig durch und die Klage wäre kostenpflichtig abzuweisen. Außerdem muß A sich des Risikos bewußt sein, daß der B - wenn schon vor Gericht darüber gestritten wird - sogar höhere Aufwendungen geltend machen könnte. Das könnte, wenn es für A dumm läuft, sogar noch zu Nachzahlungen an B führen.
Aus technischen Gründen befindet sich die Signatur
auf der Rückseite dieses Beitrags.

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