Rhetorik unter Juristen

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Schachspieler
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Rhetorik unter Juristen

Beitrag von Schachspieler » 18.07.14, 19:42

Gerade eben habe ich das Buch "Thinking in Numbers" von Daniel Tammet gelesen. In einem Kapitel schildert er, wie im antiken Griechenland vor Gericht argumentiert worden sei, um Behauptungen durch schiere Logik zu "beweisen". :|
Die Rhetorik soll damals unter Anwälten in höchstem Ansehen gestanden haben. :?:
Das liest sich alles sehr interessant, aber trotz allem Genie ist Tammet kein Jurist und auch kein Historiker. Ich frage mich daher: Kann das so stimmen? Und wenn ja: In welchem Ansehen steht die Rhetorik unter zeitgenössischen Juristen?

Hafish
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Re: Rhetorik unter Juristen

Beitrag von Hafish » 18.07.14, 21:08

Hm, was Sie da gelesen haben ist wohl zutreffend, aber auch missverständlich. Richtig ist, dass schon im antiken Griechenland und dann später in noch stärkerem Maße im alten Rom Rhetorik eine überragende Rolle gespielt hat - neben der Politik eben auch im Gerichtsverfahren. Das ging wenn ich mich recht entsinne so weit, dass römische Anwälte vor allem Rhetorik studiert und geübt haben.

Missverständlich ist das aber m.E. deshalb, weil einerseits die Bedeutung von "Rhetorik" und "Logik" in der Antike wesentlich weiter war als in der heutigen Umgangssprache. Zum anderen funktionierten Gerichtsverfahren damals anders als heute. Das recht war deutlich weniger kodifiziert, sodass der Richter auch deutlich mehr Entscheidungsspielraum hatte. Gute Argumente waren damals viel wichtiger als heute, wo der Gesetzgeber überall geregelt hat, wie welche Tatsachen zu bewerten sind. Und vor allem: Wenngleich auch heute noch die mündliche Verhandlung im Zentrum des Verfahrens stehen soll, sieht die Praxis ganz anders aus. Gerichtsverfahren verlaufen im wesentlichen schriftlich. Das war früher anders. Es gab kein schriftliches Vorverfahren, sondern man traf sich und tauschte seine Standpunkte aus. Die Parteien bzw. deren Anwälte mussten ihre Argumente in freier Rede vortragen.

Dadurch gewinnen einige Aspekte der Rhetorik überragende Bedeutung für Sieg oder Niederlage, die in der heutigen schriftlichen Praxis schlicht keine Rolle mehr spielen.

Es beginnt schon mit so etwas banalem, dass man in der Situation seine Argumente parat haben muss, ohne groß darüber nachdenken zu können. Umgekehrt muss man in der Lage sein, auf den Vortrag der anderen Seite sofort und ohne Bedenkzeit einzugehen. Heute kann man jedes Argument des Gegners vier Wochen durchdenken, Rücksprache mit dem Mandanten nehmen, die eigenen Argumente auf Widersprüche (Logik!) prüfen, daraus folgend ggf. widersprüchliche Dinge zurückhalten, etc. - all das geht nicht, wenn man nur mündlich verhandelt.

Es geht dann weiter mit der Frage, wann man die eigenen Argumente einbringt: Heute ist das (von Ausschluss wegen Verspätung abgesehen) egal, es steht ja alles in der Akte und man kann es jederzeit nachlesen. Im mündlichen Vortrag muss ein Argument an der richtigen Stelle gebracht werden, um seine volle Wirkung zu erzielen. Sollte man das starke Argument am Anfang bringen? Dann läuft man Gefahr, dass es am Ende schon verblasst ist, wenn man danach schwache Argumente aufgeführt hat. Oder sollte man es sich bis zum Ende aufheben? In einer Streitgespräch läuft man damit Gefahr, dass die Richter schon vom Gegner überzeugt wurden, bevor man seine Hauptargumente bringt und dass sie dann nicht mehr offen sind. Heute kann (und muss) der Richter den Inhalt der Akten zur Kenntnis nehmen und alle Argumente der Parteien aus den Schriftsätzen zusammensuchen und gegenüberstellen.

Und schließlich das wichtigste, das, was man heute primär unter Rhetorik versteht: Wie trägt man seine Ansicht vor? Ist man ein mitreißender, leidenschaftlicher Redner, an dessen Lippen das Publikum und die Richter kleben, während man selbstsicher im Gerichtssaal steht, die Zuschauer mit seinen Blicken fesselt und sie mit Gestik und Mimik beeindruckt? Oder steht man mit gesenktem Kopf im Raum und langweilt mit farbloser Sprache und Gestotter die Anwesenden? All das spielt keine Rolle in einem schriftlichen Verfahren. Wenn ich mir manche Schriftsätze so angucke, dann bin ich mir manchmal fast sicher, dass der betreffende Anwälte geradezu versucht, unverständlich zu klingen. Ist ja auch egal, sollen die anderen halt so lange lesen, bis sie es verstanden haben.

Das sind nur ein paar Dinge, die mir gerade spontan eingefallen sind. Wer in der Lage war, die eigenen Argumente logisch zu entwickeln, schlagfertig auf die gegnerischen Vorträge einzugehen und Widersprüche in der gegnerischen Logik aufzudecken und das alles auch noch in einem sprachlich ansprechenden, mitreißenden Stil zu tun, der war in der Antike ein genialer Anwalt. Der überzeugte die Richter, die spärlich vorhandenen Gesetze im eigenen Sinne anzuwenden. Mit einem schriftlichen Verfahren nach deutschen Recht ist das nicht vergleichbar.

Edit: Aus dem vorgenannten ergibt sich eigentlich auch die zweite Frage, nämlich wie es heutzutage mit der Rhetorik aussieht. Es sei hinzugefügt, dass aus meiner folgenden Antwort auch ein gewisses Maß an Frustration spricht, ich bin also durchaus befangen in dieser Frage: Rhetorik ist nicht mehr notwendig, um ein Gerichtsverfahren zu gewinnen. Es steht alles in den Akten, und wenn es aufgrund der rhetorischen "Fähigkeiten" eines Anwaltes vom Gericht übersehen wird, dann führt das zur Aufhebung des Urteils in der nächsten Instanz. Es gibt also keinen Grund für einen Anwalt, sich auch nur halbwegs verständlich auszudrücken. Wäre ich böse, würde ich sagen, dass ein Anwalt von Unverständlichkeit sogar profitiert, weil er eine zweite Instanz provoziert und dadurch Gebühren schinden kann, aber ich bin ja nicht böse. Nichtsdestotrotz. Weil es auf rhetorisches Geschick nicht ankommt, gibt sich auch keiner mehr die Mühe. Weder im Berufsleben, noch im Studium - die eigenen rhetorischen Fähigkeiten werden nicht mal mehr geschult von Studenten. Erneut, wieso denn auch? Die Folgen dieser Entwicklung sieht man ja jetzt schon, wenn man nicht die Augen davor verschließt: Im Studium klagen die Professoren darüber, dass manche Studenten schon Schwierigkeiten damit haben, einen sprachlich korrekten Satz zu Papier zu bringen, die meisten Referendare tun sich schwer damit, eine fehlerfreie Bearbeitung abzugeben. Kaum einer schafft es noch, ansprechende Urteile zu formulieren. Und das ändert sich leider auch nach Abschluss des Referendariats nicht. Die Folgen? Sprachlich unanschauliche Urteile und Anwaltsschriftsätze, deren Sinn sich auch bei mehrfachem Lesen nur erraten lässt. Das gilt natürlich nicht für alle, aber wie immer bleiben die schwarzen Schafe besser im Gedächtnis. Und deren Anzahl steigt unaufhaltsam.

Gruß Hafish
Kritik kann subjektiv als verletzend empfunden werden und ist daher generell zu unterlassen. - jaeckel
;)

Schachspieler
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Re: Rhetorik unter Juristen

Beitrag von Schachspieler » 19.07.14, 14:10

@Hafish

Vielen Dank für die ausführliche Antwort.

In dem Buch von Herrn Tammet geht es vorrangig um die Bedeutung von Mathematik für den Alltag. Dementsprechend geht es bei seiner Darstellung klassischer Rhetorik um reine Logik. Dass Logik interdisziplinär beliebt ist, weiß man. Ein Mathematiker berichtete mir zum Beispiel augenzwinkernd, dass er einen seiner Scheine im Fach Philosophie gemacht hätte, denn dort wäre auch eine Prüfung zum Thema Logik angeboten worden und Logik wäre eben auch Mathematik.

Was Tammet konkret anführt, ist ein Beispiel für deduktives Denken. Man könnte da fast von "weißer" Rhetorik sprechen. D.h. das Gegenteil von Sophismus.

Wir dürfen uns wohl absolut einig sein, dass ein durch erfolgreichen Sophismus herbeigeführtes Urteil ein Fehlurteil ist und keinen Bestand haben sollte.

Sophismus ist für mich bestenfalls amüsant, da ich mich in meiner Branche regelmäßig mit "Social Engineering" auseinandersetzen muss...

Deduktives Denken hingegen ist mir als Schachspieler sehr sympathisch.

Meines Wissens wurde Rhetorik aber gerade in unserem Kulturkreis meistens nach Negativbeispielen bewertet und war dementsprechend verpönt. Rhetorik wurde da zum Beispiel schnell einfach mit "Polemik" gleichgesetzt und als Agitation und/oder Täuschungsversuch betrachtet.

Irgendwann erfuhr ich aber, dass "gespielte Empörung" auch als Rhetorik(-Ersatz) angesehen wird. Ich frage mich nun, ob das von zeitgenössischen Juristen auch so gesehen wird. In dem Fall würde ich mir wünschen, dass stattdessen die Art von Rhetorik angewandt und gelehrt wird, der Herr Tammet idealisiert.

Nadruo
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Re: Rhetorik unter Juristen

Beitrag von Nadruo » 15.05.15, 17:20

Hallo Schachspieler,

zwar bin ich auch nicht mehrere tausend Jahre alt, aber es ist erwiesen, dass das in allen Bereichen von höchster
Bedeutung war, nachdem Homer die Rhetorik etablierte. Auch die Römer wurden durch die griechische Kultur stark beeinflusst.
Der "perfekte Redner" wurde damals als Idealbild angesehen.

moro
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Re: Rhetorik unter Juristen

Beitrag von moro » 15.05.15, 18:15

Hafish hat schon darauf hingewiesen, dass der Begriff der "Rhetorik", auf die Antike bezogen, ein viel breiteres Gebiet bezeichnete, als heute oft damit gemeint ist.

Zur juristischen Rhetorik in der Gegenwart gibt es ein ausgezeichnetes Buch von Fritjof Haft: "Juristische Rhetorik", Alber-Studienbuch, 8. Aufl. 2009.

Ich möchte aber noch auf Folgendes hinweisen: Die Rhetorik im umgangssprachlichen Sinne, nämlich als sprachlich geschickte Methode, andere zu überreden oder zu überzeugen, auch unter Anwendung von Tricks, einem gewissen schauspielerischen Talent und ähnlichen Mitteln, spielt in Gerichtsverfahren in der Praxis immer dort eine größere Rolle, wo nicht ein juristisch ausgebildeter Richter entscheidet, sondern Laien - also wo es für die Anwälte gilt, die Geschworenen einer Jury für sich zu gewinnen, etwa im englischen oder amerikanischen Strafprozess bei schwereren Straftaten. (Man kennt es ja ein bisschen aus Filme wie etwas "Zeugin der Anklage".) Berufsrichter sind in der Regel weniger anfällig für rhetorische Tricks, weshalb die Anwälte es dann meist auch gar nicht ernsthaft versuchen - was dann wieder zu etwas langweiligeren Verfahren führt und auch dazu, dass manche Anwälte, wie Hafish es bemängelt, sich sprachlich gar keine Mühe mehr geben.

Gruß,
moro

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