Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

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frauchen
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Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von frauchen » 09.09.14, 17:19

Hallöchen zusammen :)

Folgend heftige Diskussion am Mittag:

Der Sohn (S) ist nun in der Ausbildung.
Vergütung im 1.Lj sind 450 Euro. (im Vertrag steht allerdings 410)
Nun hat S seinen Kontoauszug geholt und gesehen, dass dort "nur" 320 Euro eingegangen sind.

Mutter (M) von S erklärt, dass dies sicherlich die üblichen Abzüge wären, die er nun leisten müsse.
Mittags am Telefon mit der Freundin (F) kommt man auf das Thema.
F ist nun der Meinung - wie S auch - dass die 320 Euro zu wenig wären und hier etwas komisch ist, was nicht stimmt, etc.
F behauptet daraufhin, der Betrieb würde das Gehalt selbst bestimmen können. S hat M allerdings gesagt, dass - so wie er seinen Chef verstanden hat - die Hwk dies festsetzt.
Der Chef schicke den Vertrag zur Hwk und dieser käme dann "fertig ausgefüllt" (Endgeld, Urlaubstage, ect) an ihn zurück.

Also....was denkt ihr:
1) Wer entscheidet über die Höhe des Ausbildungsendgeldes?
2) ist es wirklich so, dass S "so viele Abzüge hat" und daher "nur" 320 Euro rausbekommt.

Achja.... M hat sich auf der Seite der Hwk umgeschaut und dort steht der Lohn von 420 Euro im 1. Lj.
F sagt aber, das dies nur Vorgaben wären und nicht fest ist.

SusanneBerlin
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von SusanneBerlin » 09.09.14, 17:46

Hallo!
frauchen hat geschrieben: Vergütung im 1.Lj sind 450 Euro.
wer sagt das? Gibt es einen Tarifvertrag?
frauchen hat geschrieben: (im Vertrag steht allerdings 410)
Ist der Azubi volljährig?
frauchen hat geschrieben: Nun hat S seinen Kontoauszug geholt und gesehen, dass dort "nur" 320 Euro eingegangen sind.

Mutter (M) von S erklärt, dass dies sicherlich die üblichen Abzüge wären, die er nun leisten müsse.
Genaueres wird man wissen, wenn die Lohnabrechnung kommt, oder in diesem Fall: Ausbildungsvergütungsabrechnung.
frauchen hat geschrieben: 1) Wer entscheidet über die Höhe des Ausbildungsendgeldes?
Es heißt "Entgelt". Entweder gibt es einen Tarif.
Wenn es keinen gültigen Tarifvertrag gibt, kann die Vergütung zwischen Arbeitgeber und Azubi ausgehandelt werden.
frauchen hat geschrieben: 2) ist es wirklich so, dass S "so viele Abzüge hat" und daher "nur" 320 Euro rausbekommt.
Es sind die üblichen prozentualen Arbeitnehmer-Beiträge für Krankenversicherung (8,2%), Pflegeversicherung (1,275%), Rentenversicherung (9,45%) und Arbeitslosenversicherung (1,5%) abzuführen, macht in Summe 20,425% Abzüge. 20% von 410€ =82€.
Warten Sie die Abrechnung ab, dann weiß man genaueres.
frauchen hat geschrieben: Achja.... M hat sich auf der Seite der Hwk umgeschaut und dort steht der Lohn von 420 Euro im 1. Lj.
F sagt aber, das dies nur Vorgaben wären und nicht fest ist.
Es kann durchaus sein, dass ein Ausbildungsberuf in unterschiedlichen Branchen mit jeweils unterschiedlichen Tarifen ausgebildet wird.
Grüße, Susanne

kdM
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von kdM » 09.09.14, 21:44

frauchen hat geschrieben:Also....was denkt ihr:
1) Wer entscheidet über die Höhe des Ausbildungsendgeldes?
Die Höhe der Ausbildungsvergütung steht im Ausbildungsvertrag. Der entscheidet erst einmal. :mrgreen:

Wie man hier darauf kommt, die Vergütung im 1.Lj seien 450 Euro, wenn doch Vertrag allerdings 410 € steht, ist mir nicht klar.

Die Ausbildungsvergütung muss während der Ausbildungszeit mindestens jährlich ansteigen. Das bestimmt das Berufsbildungsgesetz (§ 17). Die Höhe ist unterschiedlich und richtet sich nach der Branche, in der du das Ausbildungsverhältnis beginnst. Im ersten Ausbildungsjahr liegt die Ausbildungsvergütung häufig zwischen 400 und 800 Euro. Sie kann aber auch höher oder niedriger sein. Auch der Anstieg in den folgenden Ausbildungsjahren ist nach Branchen unterschiedlich stark.

Für die meisten Branchen gibt es tarifliche Regelungen. Das bedeutet, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften haben einen Tarifvertrag geschlossen und darin u.a. die Höhe der Ausbildungsvergütung festgelegt. Wenn dein Ausbildungsbetrieb, tariflich gebunden ist, d.h. dem Arbeitgeberverband angehört, oder wenn er freiwillig den Tarifvertrag übernommen hat, dann gelten die tarifvertraglichen Vergütungen. In bestimmten Branchen gelten diese Tarifverträge wie ein Gesetz, das nennt sich "Allgemeinverbindlichkeit".

Die Ausbildungsvergütung muss nach dem Berufsbildungsgesetz „angemessen“ sein. Wenn der Ausbildungsbetrieb nicht tariflich gebunden ist oder den Tarifvertrag nicht freiwillig übernommen hat, dann musst der Azubi trotzdem mindestens 80% der tariflichen Vergütung bekommen. Das bestimmt ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes.

Nur, wenn es für die Branche keinen Tarifvertrag gibt, dann legen in der Regel die zuständigen Stellen (z.B. IHK, Handwerksammer) Richtwerte fest. Wie das in diesem Ausbildungsbetrieb ist, hätte man sinnvollerweise spätestens im Vorstellungsgespräch klären müssen.
2) ist es wirklich so, dass S "so viele Abzüge hat" und daher "nur" 320 Euro rausbekommt.
Von der Ausbildungsvergütung brutto, die im Ausbildungsvertrag steht, zieht der Ausbildungsbetrieb Beträge für die Steuern und Sozialabgaben ab und überweist den Restbetrag. Steuern sind Lohn- und Kirchensteuer sowie Solidaritätszuschlag. Sozialabgaben sind Beiträge für Renten, Kranken-, Pflege-und Arbeitslosenversicherung. Hier kommts jetzt auf ein paar Details an. Wenn man das aber einfach mal durch so einen Brutto-Netto-Rechner laufen lässt, kann so etwas dabei herauskommen:
  • Brutto: 410,00 €

    Steuern
    Solidaritätszuschlag: 0,00 €
    Kirchensteuer: 0,00 €
    Lohnsteuer: 0,00 €

    Sozialabgaben
    Rentenversicherung: 38,75 €
    Arbeitslosenversicherung: 6,15 €
    Krankenversicherung: 33,62 €
    Pflegeversicherung: 5,23 €

    Summe Sozialabgaben: 83,74 €

    Netto: 326,26 €
frauchen hat geschrieben:Achja.... M hat sich auf der Seite der Hwk umgeschaut und dort steht der Lohn von 420 Euro im 1. Lj.
Hätte die Mama besser vorher geguckt, und dem Sohn gesagt, dass er keinen Vertrag unter dieser Summer unterschreiben soll. Nun muss man im schlimmsten Falle wegen der 10 Euro Differenz mit der Handwerkskammer reden, dass die mal mit dem Ausbildungsbetrieb redet - kein guter Start.
frauchen hat geschrieben:F sagt aber, das dies nur Vorgaben wären und nicht fest ist.
Das ist manchmal richtig und manchmal falsch, je nachdem ob es um eine Arzthelferin oder einen Strassenbauer oder was-auch-immer geht.
"Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird." (Sascha Lobo)

ExDevil67
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von ExDevil67 » 10.09.14, 07:54

Über welchen Beruf reden wir hier eigentlich? Gibt Berufe in denen in der Tat solch geringen Vergütungen gezahlt werden.

matthias.
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von matthias. » 10.09.14, 08:13

Wobei das doofe ist, würde man nur 325 € Brutto verdienen, wäre das sozialabgabenfrei und man bekäme auch 325 € raus.
Komisch dass es bei Azubis offenbar keine Gleitzone gibt.

MfG
Matthias

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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von kdM » 10.09.14, 12:36

matthias. hat geschrieben:Wobei das doofe ist, würde man nur 325 € Brutto verdienen, wäre das sozialabgabenfrei und man bekäme auch 325 € raus.
Komisch dass es bei Azubis offenbar keine Gleitzone gibt.

MfG
Matthias
Die Gleitzonenregelung wurde nur eingeführt, um bei einer nur geringfügigen Überschreitung der 400-Euro-Grenze nicht weniger netto zu bekommen als in einem 400-Euro-Job.

Erwin Denzler hat geschrieben:Die Regelungen der 400-Euro-Jobs und der Gleitzone gelten nicht für Beschäftigungen zur Berufsausbildung.

Für Azubis gibt es stattdessen die Geringverdienergrenze von 325 Euro. Bis zu diesem Gehalt muß der Ausbildungsbetrieb als Arbeitgeber den vollen Beitrag zur Sozialversicherung, also auch den Arbeitnehmeranteil, selbst tragen. Für den Betrieb liegen die Nebenkosten damit bei ca. 137 Euro. Der Azubi selbst hat keine Abzüge, wenn er ledig ist und keine andere Beschäftigung ausübt (Steuerklasse I).

Mit der Neuregelung vom 1.4.2003 wurde diese Grenze zunächst ebenfalls von 325 auf 400 Euro angehoben. Das führte vor allem in den neuen Bundesländern zu erheblichen Mehrkosten für Ausbildungsbetriebe, da dort viele Tariflöhne für Azubis im Bereich zwischen 325 und 400 Euro liegen. Der Gesetzgeber hat deshalb im Juli 2003 beschlossen, die Geringverdienergrenze für Auszubildende wieder auf 325 Euro abzusenken. Man hofft, daß damit die Bereitschaft zur Berufsausbildung besonders im ostdeutschen Handwerk erhöht wird.

In der Berufsausbildung gelten auch nicht die Beitragsermäßigungen der "Gleitzone." Ein Azubi mit einem Bruttogehalt von 500 Euro muß deshalb mit Abzügen von ca. 100 Euro rechnen, während z.B. bei einem Teilzeitangestelltem mit dem gleichen Gehalt nur etwa 55 Euro als Arbeitnehmeranteil fällig sind.

Diese Ausnahmen gelten nur für die Berufsausbildung; hat der Azubi daneben noch eine weitere Beschäftigung, gelten dafür wie bei jedem anderen Arbeitnehmer die Regelungen der 400-Euro-Jobs.

http://www.erwin-denzler.de/400/azubi.html
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von matthias. » 10.09.14, 12:44

kdM hat geschrieben:Die Gleitzonenregelung wurde nur eingeführt, um bei einer nur geringfügigen Überschreitung der 400-Euro-Grenze nicht weniger netto zu bekommen als in einem 400-Euro-Job.
Wobei aber ja genau der Effekt auch hier auftritt. Wenn man z.b. 350 € Ausbildungsvergütung hat bekommt man ~280 € raus. Wenn man 324 € Ausbildungsvergütung hat bekommt man 324 € raus.

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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von kdM » 10.09.14, 12:48

matthias. hat geschrieben:Wobei aber ja genau der Effekt auch hier auftritt. Wenn man z.b. 350 € Ausbildungsvergütung hat bekommt man ~280 € raus. Wenn man 324 € Ausbildungsvergütung hat bekommt man 324 € raus.
Siehe oben. Der ostdeutsche Handwerkslehrling sollte eben kein Interesse daran haben, mehr als 325,00 € Ausbildungsvergütung zu fordern.
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von frauchen » 11.09.14, 06:17

Guten Morgen zusammen,

Sorry, Da M von allen Seiten (Freundeskreis) praktisch "bombadiert" wurde, hier stimmt definitiv was nicht, hat M die Hälfte vergessen.... :oops: :oops:

S macht eine Ausbildung zum Land und Baumaschinenmechatroniker.
Alter 20

M hat jetzt gesagt, das erst einmal - wie SusanneBerlin sagte - darauf gewartet wird, bis er seine erste Abrechnung in der Hand hält.
Zur Zeit hat S Blockunterricht, befindet sich also aßerhalb in der Schule, wo er auch wohnt.


Vielen Dank für die bisher doch interessanten Meinungen.

Muss nu zur Arbeit. :D

frauchen
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Re: Wer bestimmt Ausbildungsvergütung?

Beitrag von frauchen » 23.09.14, 11:02

Hallo zusammen,

So, S hat gestern seine(n) "Ausbildungsvergütung" - s Nachweis bekommen. M dachte sich ja schon, dass es die üblichen Abzüge sind.

@ kdM: Berechnung ist völlig korrekt - genau das kam heraus. *Daumen hoch*
Und vielen, vielen Dank für diese genaue Aufklärung. :D

gebe das mal weiter.

Wünsche allen einen schönen Tag. :wink:

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