Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

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truther
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Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von truther » 20.08.17, 20:57

Folgende Frage:

Gibt es bzgl. der "Sitzordnung" vor Gericht ein "Regelwerk" oder hat diese eine tiefere Bedeutung?

Meiner Ansicht und Erfahrung nach war/ist es so, dass die Klägerpartei rechts im Sitzungssaal sitzt, wenn man reinkommt, also links vom Richter, und die Beklagtenpartei sitzt links wenn man reinkommt also rechts vom Richter.

So habe ich das auch in diversen TV-Shows und Filmen zu Gerichtsprozessen immer wieder gesehen, wenn ich mich jetzt nicht täusche.

Ist diese "Sitzordnung" festgelegt und/oder hat diese eine tiefere Bedeutung?

Ist diese im Zivil- und Strafrecht einheitlich?

Danke vorab für Aufklärung.

Gammaflyer
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von Gammaflyer » 20.08.17, 22:16

Wikipedia hat geschrieben:In Gerichten und Plenen existiert seit Jahrhunderten eine feste Sitzordnung. In Deutschland gilt für die Sitzordnung bei Gericht folgendes: Frontal zum Zeugenstand und zu den Prozessbeobachtern sitzt das Richterkollegium ("das Gericht") samt den Ehrenamtlichen Richtern und Beisitzern und dem Protokollführer. Im Strafprozess sitzt der Angeklagte und sein Verteidiger traditionsgemäß auf der Türseite, der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft und eventuell ein Nebenkläger oder die Jugendgerichtshilfe auf der Fensterseite. Zur Begründung wird oft auf die Fluchtgefahr auf der Fensterseite und auf den Lichteinfall verwiesen. Im Zivilprozess besteht bei einigen Gerichten bzw. bei einigen Richtern traditionsgemäß eine Sitzordnung für Kläger und Beklagten, bei anderen ergibt sich die Sitzweise spontan. Überwiegen dürfte jedoch eine Sitzordnung dahingehend, dass der Kläger auf der vom Richter aus gesehenen linken Seite, der Beklagte dagegen auf der rechten Seite sitzt. Jedoch wird dies in verschiedenen Gerichtsbezirken mitunter auch abweichend gehandhabt.

SusanneBerlin
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von SusanneBerlin » 20.08.17, 22:16

Das hätten Sie doch selber gockeln können:

https://rechtstipp24.de/2017/04/25/wer- ... nd-regeln/

Ist im Link sehr schön mit gezeichneten Sitzplänen erklärt.

Fazit:
Es gibt eine "übliche Sitzordnung", ob diese oder eine andere angewendet wird, entscheidet jedes Gericht selbst.
Es gibt Traditionen aber keine gesetzliche Regelung.
Grüße, Susanne

truther
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von truther » 20.08.17, 22:26

Diesen Link habe ich tatsächlich zwischenzeitlich selbst gefunden und gelesen, danke.
Er bestätigt im Wesentlichen, was ich ja selbst schon geschrieben hatte, mit dem Hinweis, dass es Ausnahmen gibt, also: Alles ist relativ.

Nun folgende Frage an die Erfahrenen:

Wenn nun der Anwalt der Beklagtenseite vor dem Kläger in den Sitzungssaal stürmt und sich dort als Beklagtenvertreter auf die gemäß Sitzordnung Anklageposition begibt (vielleicht weil eine Schulklasse anwesend ist und er irgendwie den Eindruck erzeugen möchte, er sei der Ankläger/Anklagevertreter, obwohl er ja der Beklagtenvertreter ist) wie würde dann der souveräne Profi-Anwalt darauf so reagieren?

Den Kollegen darauf hinweisen, dass er falsch sitzt? ;)

Oder die Sache übergehen?

Mir ging es jedenfalls darum, ob die Einhaltung der Sitzordnung abgesehen von einer Art "Tradition" oder "symbolischen Wirkung" noch irgendwelche wesentlichen Auswirkungen hätte...

EDIT: Oder wäre dieser Hinweis von einer Partei an die andere ein Affront gegen das Gericht, dass selbst zu monieren hätte, wenn ihm die Verdrehung der Sitzordnung nicht genehm wäre?

Wir sind damit quasi bei einer Gerichts-Knigge-Fragestellung.

SusanneBerlin
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von SusanneBerlin » 20.08.17, 22:54

Wenn nun der Anwalt der Beklagtenseite vor dem Kläger in den Sitzungssaal stürmt und sich dort als Beklagtenvertreter auf die gemäß Sitzordnung Anklageposition begibt (vielleicht weil eine Schulklasse anwesend ist und er irgendwie den Eindruck erzeugen möchte, er sei der Ankläger/Anklagevertreter, obwohl er ja der Beklagtenvertreter ist) wie würde dann der souveräne Profi-Anwalt darauf so reagieren?
Den wahren Profi-Anwalt erkennt man an seiner souveränen Art wie er als erster den Gerichtsaal stürmt und den Platz auf seiner bevorzugten Seite in Beschlag nimmt. Gibt es ein Unentschieden, wird von den anwesenden Schulklassen per Abstimmung entschieden, welcher Anwalt der Sieger ist und seine Seite auswählen darf. In der 2. Instanz werden die Seiten gewechselt.
:ironie:

P.S. warum schreiben Sie nicht einfach, der ersteintretende Anwalt setzt sich versehentlich auf die falsche Seite? Die Geschichte drumherum, ein Anwalt würde den Gerichtssaal stürmen um Eindruck auf eine Schulklasse zu machen, ist unfreiwillig komisch. Achso, heute ist Jerry Lewis gestorben. Der hätte die Szebe wahrscheinlich so gespielt.
Zuletzt geändert von SusanneBerlin am 20.08.17, 23:05, insgesamt 1-mal geändert.
Grüße, Susanne

truther
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von truther » 20.08.17, 22:57

Darüber mußte ich jetzt nicht mal schmunzeln. Fehlt mir der Humor?

Gammaflyer
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von Gammaflyer » 20.08.17, 23:11

Scheint so.

Die Aussage sollte doch klar sein: Das Verhalten des Anwaltes im angenommenen Fall ist albern und unprofessionell.

truther
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von truther » 20.08.17, 23:17

Wieso "angenommener Fall"?

Also wäre es jetzt am Gericht den Falschsitzer auf seinen richtigen Platz zu verweisen oder an der anderen Partei?
Und wenn das Gericht nichts sagt, dann ist es auch nicht weiter wichtig?

Irgendwie ist diese Gerichts-Knigge-Frage immer noch ungeklärt.

Gammaflyer
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von Gammaflyer » 20.08.17, 23:30

Angenommen, weil Sie hier das Verhalten eines Anwaltes zur Diskussion gestellt haben.

Im Zweifel würde das Gericht den Anwalt zur Ordnung rufen.
Sofern es ihm eben wichtig scheint.
Dieser "Knigge" beruht eben auf Tradition und Gepflogenheiten.

rabenthaus
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Re: Regelwerk zu Sitzordnung vor Gericht?

Beitrag von rabenthaus » 21.08.17, 17:55

Hallo

die Antwort darauf ist ganz einfach.

Es gibt Gerichte, aber auch einzelne Richter die sich an der "Sitzordnung" orientieren. Diese Richter teilen den Anwesenden mit welche Partei auf welcher Seite sitzt. Wenn dann jemand versehentlich auf der falschen Seite sitzt werden einfach ohne großes Gerede die plätze getauscht. Daraus macht man kein Theater. Viele Gerichte kümmern sich auch nicht darum sondern derjenige der zuerst da ist setzt sich da hin wo er gerade lustig ist. Der Sitzplatz im Zivilverfahren hat wesentlich weniger Einfluss auf den Ausgang des verfahrens als der ein oder andere vielleicht denkt.
Wir sind dafür, dass wir dagegen sind.

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