Kirchenrechtsbruch ?

politische Aspekte von Rechtsprechung und Gesetzesvorhaben; rechtliche Aspekte von politischem Agieren

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Chavah
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Re: Kirchenrechtsbruch ?

Beitrag von Chavah »

Nein, aber die Erkenntnisse lagen doch schon vor der Verjährung vor. Das ist doch das Problem. M.E. hätte die Kirche in so Fällen eben nicht nur was auch immer intern durchführen müssen, sie hätte die Akten weiterleiten müssen. Und das ist eben nicht geschehen. Die Quittung für dieses Verhalten bekommt sie eben jetzt. Und da hilft auch keine Erstellung eines Gutachtens durch eine Anwaltskanzlei aus München. Interessanterweise erstreckte sich dieses Mandat eben auch nicht auf die Weiterleitung der konkreten Fälle an die Ermittlungsbehörde. Und das Material ist ja da, sonst wäre die Anwaltskanzlei ja nicht fündig geworden.

Chavah
Evariste
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Re: Kirchenrechtsbruch ?

Beitrag von Evariste »

Chavah hat geschrieben: 14.05.22, 09:31 Nein, aber die Erkenntnisse lagen doch schon vor der Verjährung vor. Das ist doch das Problem. M.E. hätte die Kirche in so Fällen eben nicht nur was auch immer intern durchführen müssen, sie hätte die Akten weiterleiten müssen. Und das ist eben nicht geschehen.
Das hat aber mit dem aktuellen Aufarbeitungsprozess nichts zu tun.
Interessanterweise erstreckte sich dieses Mandat eben auch nicht auf die Weiterleitung der konkreten Fälle an die Ermittlungsbehörde.
Weil es in diesem Mandat eben darum ging, die Vorgänge früherer Jahre, wo z. T. keine Weiterleitung stattfand und auch diverse andere Fehler passiert sind, zu untersuchen. Übrigens rechtlich durchaus problematisch, das Ganze, lesen Sie Thomas Fischer.
Und das Material ist ja da, sonst wäre die Anwaltskanzlei ja nicht fündig geworden.
Non sequitur. Aus der Existenz von Material folgt nicht, dass das Material heute noch strafrechtlich verwertbar ist.
Tangom
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Re: Kirchenrechtsbruch ?

Beitrag von Tangom »

Sehr geehrte Damen und Herren,

immer wieder wird auch von Grenzüberschreitungen im Rahmen von Kirche und 'Diakonie' berichtet, die nicht sexualisiert sind und dass vermeintlich Zuständige und Stellen dem nicht nachgehen, wenn es ihnen berichtet wird. Berichtet wurde mir zum Beispiel von Fesselungen zur Bestrafung von Kindern im Rahmen der evangelischen Jugendarbeit in den Achtzigerjahren und später. Mir selbst wurde mal von einem evangelischen Diakoniemitarbeiter und Laienrichter vorsorglich gesagt, dass Kirchenleute traditionell viel größere Möglichkeiten und rechtliche Spielräume haben als andere und sich mithin mehr erlauben können.
Kann dem individuell und rechtlich wirkungsvoll entgegnet werden?

Das hat eine religiöse und spirituelle Dimension und insofern individualpsychologische Auswirkungen bei Betroffenen. Was ein Vorgehen von Schutzbedürftigen und Beratenen erschwert, weil der Verlust an Vertrauen in Personen und Institution mental blockiert.
Mir scheint der mittlerweile pazifistische Außenauftritt der evangelischen Kirche in Publikationen und Reden mit deren interner Realität nicht übereinzustimmen. Wein trinken und Wasser predigen?

Sind die aktuellen Skandale nur die Spitze eines noch viel größeren Eisberges von Grenzüberschreitungen in vielerlei Hinsicht?
Dass die Kirchengeschichte eine werteprägende ist und sehr häufig gewaltsam war, soziologisch und individuell, sei unbestritten..
Seit 1945 hat sich deren Gottesbild gewandelt, hin zu einem liebenden Gott.

Ist es wegen der Vielzahl der angesammelten Fälle ratsam, interne Grenzüberschreitungen nicht anzusprechen, auch vergleichsweise kleinere? Um die moralische Autorität und Orientierungsfunktion der evangelischen Kirche oder 'Diakonie' und ihrer Mitarbeiter nach außen hin nicht zu gefährden?

Da Mitarbeiter von evangelischer Kirche oder 'Diakonie' häufig in staatlichen, kommunalen und parteipolitischen Ehrenämtern sind - oder in Vereinen und Verbänden - oder Mandate in Gemeinderäten oder etwa als Elternbeiräte in der Schulaufsicht wahrnehmen, finde ich diese persönlichen Verflechtungen bedrohlich. Weil hier Schnittstellen von weltlichem und kirchlichem Recht entstehen und somit ein Machtvakuum, das unsanktionierte Grenzüberschreitungen nicht nur ermöglicht sondern erfahrungsgemäß fördert, wo kein Kläger, da kein Richter.
Denn neben einem "Cui bono?" verbleibt die Frage aller Fragen hiesiger Rechtsmentalität: "Wer ist zuständig?
'Zivilcourage' ist kein deutsches Wort..
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