Capsaicin und Jugendschutz

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daemon
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Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von daemon »

Gestern lief im NDR ein Bericht

https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher ... li284.html

über einen neuen Tik-Tok-Hype, einen Chiliwettbewerb, bei dem es darun geht einen scharfen Chip zu essen und die Reaktion zu filmen. Laut Herstellerangaben enthält der Chip einen hohen Anteil der Chilisorte Carolina Reaper, mit bis zu 2200000 Scoville die derzeit schärfste Sorte. In diesem Zusammenhang wurde berichtet, daß der benötigte Chip erst ab 18 Jahren erwerbbar sei. Da mir bisher Altersbegrenzungen nur für Alkohol und Tabak bekannt sind, wüßte ich von der Runde gerne, ob diese Altersbeschränkung irgendwo gesetzlich verankert ist. Falls dem so ist fände ich es interessant zu erfahren, ob es weitere Grenzwerte für die Zugänglichmachung capsaicinhaltiger Lebensmittel für Jugendliche gibt. Müssen Eltern die Tabascosauce demnächst im Waffenschrank deponieren?
ExDevil67
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von ExDevil67 »

Gesetzliche Regelung wäre mir auch neu, tippe eher mal auf eine Empfehlung des Herstellers.
Tastenspitz
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Tastenspitz »

Aus dem Jugendschutzgesetz ergibt sich hier kein direktes Verkaufsverbot für Jugendliche. Das kann auch eine Beschränkung des Handels sein um diese Evolutionsbremsen sich vor sich selber zu schützen.
Wer für generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen ist, hebe bitte den rechten Fuß.
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Froggel
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Froggel »

Möglicherweise kann man sich auf den § 7 JuSchG berufen:
§ 7 Jugendgefährdende Veranstaltungen und Betriebe
Geht von einer öffentlichen Veranstaltung oder einem Gewerbebetrieb eine Gefährdung für das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern oder Jugendlichen aus, so kann die zuständige Behörde anordnen, dass der Veranstalter oder Gewerbetreibende Kindern und Jugendlichen die Anwesenheit nicht gestatten darf. Die Anordnung kann Altersbegrenzungen, Zeitbegrenzungen oder andere Auflagen enthalten, wenn dadurch die Gefährdung ausgeschlossen oder wesentlich gemindert wird.
Im weitesten Sinne ist die TikTok-Challenge eine Veranstaltung und diese Chips herstellende Firma ein jugendgefährdender Betrieb. Damit könnte man eine Altersbeschränkung rechtfertigen.
Allerdings sehe ich § 224 StGB, in dem es um gefährliche Körperverletzung geht, als wesentlich ausschlaggebender an. Ein Erwachsener ist selbst dafür verantwortlich, wenn er sich bewusst einen körperlichen Schaden zufügt. Diese Verantwortlichkeit ist bei Kindern und Jugendlichen erheblich eingeschränkt, weshalb es schon im Interesse des Herstellers ist, die Jugendgefährdung auszuschließen, um sich nicht strafbar zu machen.
Ich bin kein Jurist.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Tastenspitz »

Ääähhh Nein.
Tiktok ist keine Veranstaltung. Der Hersteller ist kein Veranstalter. Es gibt auch keine Anwesenheit irgendwo. Und Zeitbeschränkung fällt auch flach.
Das einzig beschränkte hier ist das Hirn der Konsumenten.
Und StGB 224 dürfte bei freiwilligem Konsum auch raus sein.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Froggel »

Tastenspitz hat geschrieben: 26.09.23, 12:51Tiktok ist keine Veranstaltung.
TikTok an sich nicht, aber eine Challenge könnte man theoretisch als eine solche betrachten. Dass das an jedem Ort stattfinden kann, schließt eine Form der Veranstaltung ja nicht aus. Immerhin wird sich mehr oder weniger online getroffen, d.h. es wird ein Ereignis gefilmt, online gestellt und Nutzer »treffen« sich dort und kommentieren das Ganze, ähnlich wie in einem Online-Meeting, wenn auch zeitversetzt. Nähme man das als gegeben zugrunde, ergäbe die Altersbegrenzung (oder andere Auflagen) Sinn. Es wird allerdings schwierig, den Veranstalter herauszufinden, der das initialisiert hat, denn TikTok ist das mit Sicherheit nicht. *grübel, grübel*

Wenn § 224 StGB raus ist, wird das wahrscheinlich durch irgendeine EU-Verordnung geregelt. Etliche Firmen, die Capsaicin vertreiben, schicken zumindest ein Sicherheitsdatenblatt mit, das sich auf die Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 und die Einstufung als Gefahrstoff beruft.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Tastenspitz »

Nur das das kein Capsaicin ist, sondern mit einer Chilli produziert wird, die wiederum Capsaicin enthält.
Und es ist immer noch keine Veranstaltung im Sinne des JuSchG. Weder theoretisch noch praktisch und auch nicht in einem Paralleluniversum. :kopfstreichel:
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter »

Froggel hat geschrieben: 26.09.23, 12:03 Möglicherweise kann man sich auf den § 7 JuSchG berufen:
Nein, definitiv nicht.

Im Jugendschutzgesetz ist dies nicht geregelt.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter »

Tastenspitz hat geschrieben: 26.09.23, 15:05Und es ist immer noch keine Veranstaltung im Sinne des JuSchG. Weder theoretisch noch praktisch und auch nicht in einem Paralleluniversum. :kopfstreichel:
So ist es.

Im übrigen sind vorrangig die Eltern für die Erziehung ihrer minderjährigen Kinder zuständig und verpflichtet. Sie sind auch für den Schutz Ihrer minderjährigen Kinder verantwortlich. Die Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ist sogar strafbewehrt. Sollte das minderjährige Kind zu Schaden kommen, würde zudem geprüft, ob die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben, und dadurch das minderjährige Kind zu Schaden gekommen ist.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter »

daemon hat geschrieben: 26.09.23, 01:09 Da mir bisher Altersbegrenzungen nur für Alkohol und Tabak bekannt sind, wüßte ich von der Runde gerne, ob diese Altersbeschränkung irgendwo gesetzlich verankert ist.
Dies könnte im Lebensmittelrecht verankert sein. Weiteres Rechtsgebiet könnte das Produkthaftungsrecht sein.

Altersbeschränkungen kennen wir z.B. bei den Silversterböllern. Hier hat der Handel eine besondere Verpflichtung.
daemon hat geschrieben: 26.09.23, 01:09Falls dem so ist fände ich es interessant zu erfahren, ob es weitere Grenzwerte für die Zugänglichmachung capsaicinhaltiger Lebensmittel für Jugendliche gibt.
Der Gesetzgeber wird sich mit dem Problem noch nicht befasst haben.
daemon hat geschrieben: 26.09.23, 01:09Müssen Eltern die Tabascosauce demnächst im Waffenschrank deponieren?
Die Eltern sollten gefährliche / gesundheitsschädigende Stoffe so aufbewahren, wie sie Medikamente, Wasch- und Putzmittel, oder andere gefährliche Stoffe, Gegenstände etc. im Haushalt aufbewahren. Zusätzlich sollten die Eltern ihre minderjährigen Kinder vor den Gefahren aufklären.
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Tastenspitz »

Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben: 26.09.23, 18:01 Dies könnte im Lebensmittelrecht verankert sein.
Das Verkaufsverbot von Alkohol und Tabak bzw. die Altersfestlegung ist im JuSchG zu finden. Vollrausch mit Bier und Wein ab 16. Vollrausch mit Schnaps erst ab 18 (Erklär das mal einem Amerikaner... :| ).
Lebensmittelrecht ist hier nmE. nicht einschlägig, wenn es um die Abgabe geht.
Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben: 26.09.23, 18:01 Weiteres Rechtsgebiet könnte das Produkthaftungsrecht sein.
Hauptsächlich nur, wenn der Chillichip nicht das tut was er tun soll. Nämlich zweimal brennen wie :devil: .
Über Kennzeichnungspflicht könnte man sich möglicherweise noch streiten, je nachdem was da wie, wo und wie groß geschrieben steht.
Ansonsten ist es erstmal ein frei verkäufliches Lebensmittel. Vegetarisch - das kann ja nur gesund sein. :zuprost
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter »

Tastenspitz hat geschrieben: 27.09.23, 08:54
Dipl.-Sozialarbeiter hat geschrieben: 26.09.23, 18:01 Dies könnte im Lebensmittelrecht verankert sein.
Das Verkaufsverbot von Alkohol und Tabak bzw. die Altersfestlegung ist im JuSchG zu finden. Vollrausch mit Bier und Wein ab 16. Vollrausch mit Schnaps erst ab 18 (...).
Lebensmittelrecht ist hier nmE. nicht einschlägig, wenn es um die Abgabe geht.
...
Hallo mein lieber Tastenspitz,

meine obige Aussage (im Konjunktiv) bezog sich nicht auf Alkohol und Tabak, sondern ausschließlich auf "Capsaicin" in Lebensmitteln.

Mir ist das JuSchG (vom 23.07.2002) schon geläufig. Früher hieß dieses Gesetz "Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit" (vom 06.12.1951) und damit wurde schon im Namen des Gesetzes deutlich, was es regelte. :wink:

MfG
Tastenspitz
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Tastenspitz »

Das sollte nicht belehrend rüberkommen. Sorry... :oops:
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Re: Capsaicin und Jugendschutz

Beitrag von Dipl.-Sozialarbeiter »

Tastenspitz hat geschrieben: 27.09.23, 13:46 ... Sorry... :oops:
:kopfstreichel: - Alles gut. - Es ist doch nichts schlimmes passiert. :)
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